Himmelklar – Der katholische Podcast

Erzbischof Heße: Corona wird auch die Kirche verändern

Aktualisiert am 15.05.2020  –  Lesedauer: 

Hamburg ‐ Deutschland ist auf dem langsamen Weg zurück zur Normalität. Doch wird es je wieder so werden wie vor Corona? Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße ist überzeugt, dass die Pandemie auch in der Kirche zu einer Neubesinnung führen kann. Und er spricht über seinen nächsten Frisörtermin.

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Hamburg war eine der Städte, die am Anfang relativ hart von der Corona-Pandemie getroffen wurden. Im Moment scheint sich die Lage allerdings zu entspannen. Wie auch im Rest des Landes wird darüber diskutiert, wie es mit Gottesdiensten und Schulöffnungen aussieht. Das Erzbistum Hamburg muss in diesen Fragen allerdings mit zwei weiteren Bundesländern verhandeln. Im Interview spricht Erzbischof Stefan Heße über die besondere Herausforderung, die sich durch diese Situation ergibt – und wagt einen ersten vorsichtigen Blick in die nahe Zukunft.

Frage: Das ist ja die große Diskussion im Moment, Herr Erzbischof: Haben Sie es schon zum Frisör geschafft?

Heße: Der Termin ist gemacht, der war aber schon vor Corona gemacht worden. Das heißt auf gut Deutsch: Ein Termin ist ausgefallen, da konnte ich nicht gehen. Mir geht es jetzt wie allen anderen, die Haare sind etwas länger, aber es rückt jetzt in greifbare Nähe und ich freu mich, wenn die Haare dann wieder etwas kürzer werden. Ich bin mal gespannt, wie das alles so läuft beim Frisör.

Frage: Es gibt ja auch größere Probleme, die man haben könnte, als ein paar Wochen nicht zum Frisör zu gehen.

Heße: Allerdings, das ist harmlos.

Frage: Wie sieht denn bei Ihnen in der Stadt die Lage aus? Wie ist die Stimmung?

Heße: Die Stadt ist im Moment so ruhig, wie ich sie in den fünf Jahren, wo ich jetzt hier bin, noch nie erlebt habe. Normalerweise ist das eine Metropole. Zum Beispiel hier im Sankt-Georgs-Viertel, wo ich wohne, das ist ja direkt beim Bahnhof, da kommen jeden Tag eine halbe Million Menschen an und fahren ab. Das allein am Bahnhof. Dazu kommen noch die ganzen Pendler auf den Autobahnen, die Straßen sind voll. Im Moment ist das alles ziemlich leer, ziemlich zurückgefahren und manch einer sagt mir, das ist eigentlich wie sonntags. Also draußen sozusagen nichts los, das Geschäftsleben an den großen Geschäftsstraßen in der Innenstadt scheint wieder ein bisschen hochzugehen, die Geschäfte haben offen, aber ihre Quadratmeter etwas reduziert und eingeschränkt. Die Leute kommen wieder, aber es stehen auch Leute in Schlangen vor den Geschäften. Das scheint sehr diszipliniert zu verlaufen und wirklich so, dass die Leute mit Respekt voreinander und in Geduld diese Maßnahmen jetzt praktizieren, zum Schutz von sich selber und auch der anderen. Also das muss ich schon sagen: Das läuft sehr gut.

Frage: Was ist, wenn Sie mit den Leuten reden, in den Gemeinden zum Beispiel? Wie ist bei denen da die Stimmung?

Heße: Ich kann ja leider nicht so in die Gemeinden kommen und fahren. Ich muss ja auch immer über Bundesländer und Grenzen hinweg – und da sind die Bundesländer zum Teil auch noch sehr zurückhaltend. Ich hoffe, dass sich das auch jetzt ein bisschen ändert. In den Gemeinden ist das Programm ja auch noch sehr zurückgefahren. Das heißt, ich habe telefonisch mit den Einen oder Anderen Kontakt, oder wenn ich zum Dom rübergehe oder hier einmal spazieren gehe, dann begegne ich schon dem Einen oder Anderen. Also es ist auch hier um den Dom herum sehr zurückgefahren, es sind wenige. Es gibt die Beter, die ich in der Kathedrale beobachte und mit denen ich hin und wieder auch spreche. Sie beten bewusst im Dom und nutzen das stille Gebet. Das finde ich ist schon etwas Bemerkenswertes, da erwacht etwas sehr Persönliches. Ich habe zwischendurch etwas von Romano Guardini gelesen, der hat ja fast vor hundert Jahren diesen berühmten Spruch gesagt: "Die Kirche erwacht in den Seelen." Irgendwie kam mir das wieder in den Sinn und ich dachte: Hier erwacht auch etwas in den Seelen. Es ist offenbar so, dass die persönliche Frömmigkeit doch bei Einzelnen sehr lebendig ist. Ich höre das auch von Menschen, die zuhause Gottesdienst feiern mit ihren Familien. Eine Familie zum Beispiel mit ihren Kindern, die hat die Osternacht mit allen Lesungen zuhause gefeiert, mitten in der Nacht. Und dann haben sie festlich gegessen. Die haben so ihre Hauskirche, ihre Hausliturgie miteinander gefeiert und das finde ich schon sehr bemerkenswert, was da läuft. Und es gibt natürlich auch die Ungeduldigen, die sagen: "Es muss aber jetzt unbedingt direkt bald wieder losgehen." Dazwischen muss man irgendwo die Spannung halten und eine Ausgewogenheit hinkriegen und auch einen Respekt voreinander.

Bild: ©dpa/Ulrich Perrey (Archivbild)

Im Hamburger Mariendom beobachtet Erzbischof während der Corona-Pandemie immer wieder, dass Gläubige still beten. Mit manchen kommt er sogar ins Gespräch.

Frage: Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor, also einerseits haben Sie ja das Problem, dass das Erzbistum Hamburg mit drei Bundesländern verhandeln muss, also sich an die Regeln von Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern halten muss, und dann haben Sie ja noch die anderen Bistümer, die es alle unterschiedlich machen. Wie geht man damit um?

Heße: Mein Ziel ist natürlich, dass wir für die Diözese eine Lösung finden und dass wir nicht hier so und da so machen. In der Tat ist es in bestimmten Details zwischen den Bundesländern sehr verschieden, vor allem bei der Geschwindigkeit. Ein Bundesland ist sehr schnell, das andere etwas geruhsamer und das dann zusammenzukriegen, das ist gar nicht so einfach, aber das ist eben die Natur dieser großen Diözese, die natürlich auch diese weiten Flächen hat. Das macht mir jetzt auch ein bisschen zu schaffen. Sonst bin ich viel unterwegs in der Diözese, das ist jetzt so einfach nicht möglich und trotzdem muss die Diözese zusammengehalten werden. Ein Weg ist zum Beispiel, dass ich nach wie vor morgens um 11 Uhr in der Kapelle hier im Bischofshaus die Messe feiere. Ich weiß mittlerweile von vielen, dass sie damit verbunden sind und wirklich mitfeiern. Das ist vielleicht auch ein Weg, um den Kontakt in der Diözese zu halten. Manche Videobotschaft drucken wir in der Kirchenzeitung und das zu vervielfältigen, das sind alles Methoden, um jetzt eine gewisse Präsenz zu zeigen. Ich glaube, dass es nicht nur darum geht, zu sagen, "Ich bin da", sondern darum, die Menschen zu unterstützen, sie zu begleiten, ihnen auch eine gewisse Richtschnur als Christen für ihr Leben in dieser Zeit zu geben, an der sie sich orientieren können.

Frage: Ich kann mir vorstellen, dass die Katholiken, die meinetwegen mitten in der Metropole in Hamburg sind, da ganz anders ticken als meinetwegen im Fischerdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Allein auch schon, was das Ansteckungsrisiko angeht, da gibt es ja auch riesige Unterschiede, nicht wahr?

Heße: Also wir haben ja in Mecklenburg-Vorpommern sehr, sehr niedrige Zahlen. Vor einigen Tagen war ja sogar der neue Bürgermeister von Rostock in die Öffentlichkeit gegangen und hat gesagt: "Wir sind jetzt Corona-frei, also keine Neuinfektionen." Mittlerweile hat sich das auch wieder überholt. Da ist es natürlich gering, in Schleswig-Holstein ist es auch relativ niedrig, in Hamburg ist es mehr. Sie haben es am Anfang schon gesagt: Am Anfang der Corona-Welle war das sehr, sehr viel, das lag einfach daran, dass wir hier in Hamburg im März immer noch Ferien haben. Wir haben also im Grunde genommen keine Weihnachtsferien und keine richtigen Osterferien, sondern mittendrin, die sogenannten Skiferien. Und da sind eben viele Hamburger in Österreich in Urlaub gewesen zum Skifahren und haben das Virus offensichtlich von dort mitgebracht. Mittlerweile hat sich das wieder so ein bisschen eingependelt, aber in der Tat, die Metropole auf engem Raum mit vielen Menschen hat eine andere Situation als eben die Flächenländer Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, wo geringe Bevölkerung auf einer riesigen Fläche ist. Das hat in dieser Hinsicht jetzt noch einmal einen großen Vorteil, also da sind die Infektionszahlen Gott sei Dank gering. Das kommt uns hier sehr zugute. Ich bin mal gespannt, wie das dann geht mit dem Tourismus. Darum mache ich mir natürlich auch Sorgen, weil wir hier in Hamburg natürlich auch von vielen Touristen leben, aber in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern auch von vielen Urlaubern. Das Ostergeschäft hat sozusagen schon nicht stattgefunden. Ich bin mal gespannt, was im Sommer möglich sein wird, wie da die Bedingungen sein werden. Und das ist ja auch für uns Kirche etwas Wichtiges, weil gerade in den Sommermonaten unsere Gemeinden ganz stark und groß werden durch die vielen Touristen und die Gläubigen darunter. Sie kommen dann auch zu den Gemeinden und feiern die Gottesdienste mit. Das wird in diesem Jahr wahrscheinlich sehr viel anders werden.

Frage: Das wird noch Konsequenzen haben, die wir alle noch nicht absehen können, glaube ich.

Heße: Ja, die wirtschaftlichen Konsequenzen, die kennen wir auch noch nicht so ganz. Das ist das Eine, das wird sich sicherlich auch dann in der Kirchensteuer niederschlagen, dann in den Haushalten unserer Diözesen, ich bin gespannt auf die psychosozialen Konsequenzen der ganzen Geschichte. Man sagt, dass bei der Telefonseelsorge die Beratungsgespräche zunehmen. Ich mache mir meine Sorgen etwa über die vielen alten Menschen, die jetzt keinen Besuch bekommen können. Ich bekomme es mit in der Pastoral, gerade da, wo Menschen eine Trauer beklagen müssen, weil ein Mensch gestorben ist und wo sie eben jetzt nicht richtig trauern können, wo sie zum Teil gar nicht bei der Beerdigung dabei sein können, weil die Zahlen sehr beschränkt sind, wo sie nicht Abschied nehmen können vom Verstorbenen. Also das sind glaube ich Phänomene, die wir erst in der Folge so richtig gewahr werden und ich glaube, das wird nicht ganz spurlos an uns Menschen vorüber gehen. Trauern ist etwas Urmenschliches, sich begegnen ist auch etwas Urmenschliches und wir sind eher Wesen, die auf Nähe aus sind und im Moment schlägt das Pendel zur anderen Seite, zur Distanz aus. Da müssen wir eine gute Balance finden, das ist so ein richtiges Austarieren, um das es hier geht.

„Wir haben jetzt eine Unterbrechung. Das ist auch ein sehr religiöses Phänomen, das wir nicht zu leicht durch allzu große Normalität übertünchen, übermalen sollten. Wir müssen diese Unterbrechung aushalten und gucken, was das für unsere Kirche, unsere Welt nachhaltig bedeuten könnte.“

—  Zitat: Erzbischof Stefan Heße über die Corona-Krise

Frage: Ein bisschen so ein Eiertanz in alle Richtungen im Moment.

Heße: Ja. Das wird auch pastoral interessant werden, ich bin auch mal gespannt wie es jetzt weitergeht. Also ich glaube nicht, dass man jetzt einfach sagen kann, "es gab vor Corona, dann gibt es Corona und dann gibt es danach", sondern das ist irgendwie so ein Ineinander. Und jetzt mitten in Corona, da verändern sich viele Dinge, da wächst ja auch manches heran, was vielleicht weitergehen kann, anderes wird vielleicht auch überflüssig und anderes müssen wir auch neu betonen. Also ich glaube das wird schon eine Veränderung, ohne dass ich genau sagen könnte, worin die Veränderung besteht. Mir ist einfach nur wichtig, dass wir sie wahrnehmen und dass wir nicht einfach jetzt zur Tagesordnung übergehen. Das ist glaube ich ein Trugschluss, dem wir uns nicht hingeben sollten.

Frage: Das ist ja im Prinzip schon ein guter Ansatz für unsere Abschlussfrage, die muss jeder beantworten in diesem Gespräch. Wenn Sie sich so umgucken im Alltag, was Sie gerade erleben, was bringt Ihnen Hoffnung im Moment?

Heße: Also Hoffnung bringt mir zum Beispiel dieses Entschleunigen. Ich beobachte ein Phänomen in dieser Zeit: Das Leben wird ruhiger, wird etwas langsamer, und ich glaube das tut uns irgendwie gut. Ich frage mich: Was heißt das in der Konsequenz für danach? Was mir Hoffnung gibt ist, was ich eben schon angedeutet hatte, die Kirche erwacht in den Seelen, also diese persönliche Frömmigkeit. Ich glaube, da wächst etwas, und für mich ist die Frage: Wie geben wir dem in unseren Gemeinden Raum? Und ein anderes Phänomen, dass ich beobachte, ist Nähe. Ich glaube, wir merken, wie sehr wir die Nähe vermissen und müssen uns fragen: Was ist die Form von Nähe, die wir jetzt neu wachsen lassen müssen? Was ist auch die Nähe, die wir in unseren Kirchgemeinden brauchen? Wie leben wir in unserer Diözese? Wie leben wir diese Nähe, diese spürbare Nähe und dieses auch wirklich zusammen sein? Dass der Eine auch vom Anderen lebt und dass dort, wo zwei oder drei versammelt sind, Gott unter ihnen ist, das ist doch glaube ich etwas, was uns mehr herausfordert. Das sind so Stellschrauben, wo ich gerne darauf achten würde und wo ich den Eindruck habe, da wächst jetzt schon etwas. Das sollten wir gut im Blick behalten, um das eben nicht aus den Augen zu verlieren und wieder "business as usual" machen oder mit dem alten Motto verfahren, "The show must go on". Also möglichst schnell wieder Normalität vortäuschen, das ist glaube ich falsch, sondern eher diese Unterbrechung ernst nehmen, so weh sie tut und so sehr uns das unter den Nägeln brennt. Das haben wir als religiöse Menschen wirklich mitzuverantworten, denn ich erinnere mich immer gerne an Johann Baptist Metz aus Münster, einen großen Fundamentaltheologen, der gesagt hat: "Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung." Wir haben jetzt eine sehr starke Unterbrechung. Das ist auch ein sehr religiöses Phänomen, das wir nicht zu leicht durch allzu große Normalität übertünchen, übermalen sollten. Wir müssen diese Unterbrechung aushalten und gucken, was das für unsere Kirche, unsere Welt nachhaltig bedeuten könnte.

Von Renardo Schlegelmilch