Ein Mädchen sitzt vor einem Laptop und verfolgt den Online-Unterricht.
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Religionsunterricht trotz Corona: Eine wahrhaft lehrreiche Zeit

Leere Stühle, Tische und Tafeln: Für zehn Wochen mussten viele Schulen ihren Unterricht ins Internet verlegen – nicht ohne Herausforderungen für Lernende und Lehrende. Unsere Kolumnistin Andrea Vogt berichtet vom Homeschooling aus Lehrerperspektive.

Von Andrea Vogt |  Dresden - 05.06.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Endlich! Für mich fühlt es sich wie eine Erlösung an: Nach zehn Wochen ohne meine Schülerinnen und Schüler* darf ich sie wieder live unterrichten. In meinen Augen ist das in diesen Zeiten, in denen es noch immer um Leben und Tod geht, absoluter Luxus. Und dieser Luxus erlaubt es mir, die letzten Wochen etwas milder zu reflektieren. Denn müsste ich die Zeit des Homeschoolings mit einem Worten beschreiben, würde ich wählen: lehrreich. Lassen Sie mich erklären warum.

Phase 1

Von einem Tag auf den anderen habe ich vor gut zehn Wochen quasi meinen Beruf gewechselt. Ich erstellte wöchentlich "Lernzeit-Aufgaben", die via Email an meine Schüler versandt wurden. Ich beantwortete täglich zwischen 40 und 70 E-Mails, sortierte eingesandte Lösungen in digitale Ordner ein, erstellte Tabellen mit Übersichten, um nicht selbst mit Abgabeterminen durcheinander zu kommen. Kurz, ich machte eigentlich das, was ich als Lehrerin immer tue: Aufgaben stellen, auf Fragen eingehen, Arbeiten korrigieren. Das große Aber: Es fühlte sich furchtbar leer an. Ohne lebendes Gegenüber, ohne meine Schüler sehen und mich mit ihnen im Gespräch austauschen zu können, war diese erste Phase unfassbar demotivierend. Ich weiß schon, warum ich nie Informatikerin werden wollte. Was ist eine Lehrerin ohne ihre Schüler? Ich kann Ihnen sagen: Ein ziemlich erbärmliches Häufchen.

Wie immer im Lehrerberuf waren es dann schließlich die Schüler selbst, die mich aus diesem Motivationsloch geholt haben. Von meinen Sechstklässlern bekomme ich Fotos von wunderschönen selbstgebastelten Stundenblumen – wie die aus Michael Endes "Momo" – zugeschickt, welche reflektieren, wie sich ihr Zeitgefühl in den ersten Wochen der Corona-Pandemie verändert hat. Viele schreiben und malen von Situationen der endlosen Langeweile, andere vom Gehetzt-Sein durch die unfassbar vielen Aufgaben, die man sich selbst einteilen und selber erarbeiten muss, manche berichten von gewonnener wertvoller Familien-Zeit, andere von Zeitlücken am Nachmittag, die durch das ausgefallene Leichtathletiktraining, das Streichen der Chorstunde oder des Treffens mit Freunden entstanden sind.

Tische und Stühle stehen in einem Klassenraum im Aloisiuskolleg in Bonn am 8. Juli 2019. Über der Tür hängt ein Kruzifix.

Leere Stühle, Tische und Tafeln: Lange sah es in Deutschlands Schule so aus. Wegen der Pandemie wurde der Unterricht ins Internet verlegt. Unsere Kolumnistin Andrea Vogt berichtet vom Homeschooling aus Lehrerperspektive.

Die grauen Herren als Zeitdiebe sind bei einigen Kindern besonders erfolgreich – Eltern berichten mir Wochen später von entstandener Fernsehsucht – und auch ich fühle mich ob meines schrumpfenden Zeitkontos betrogen. Müsste man gerade nicht viel mehr Zeit als sonst haben? Kohelet 3 wird in diesen Wochen zu meinem täglichen Morgengebet und besonders die Verse 6 und 7 trösten mich: Zeit zum Suchen und Zeit zum Verlieren, Zeit zum Bewahren und Zeit zum Wegwerfen, Zeit zum Zerreißen und Zeit zum Nähen, Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden. Ich zerreiße alte Stundenentwürfe, miste meinen Schreibtisch aus, schone meine Stimme, räume auf im Kopf. Einmal tief Luftholen und mit neuer Kraft voraus – aus der Not eine Tugend machen!

Phase 2

Das Osterfest und die Osterferien haben mir und meinen Schülern gutgetan und auch der Freistaat Sachsen hat nachgerüstet: Wir sind nun an das Online-Schulnetz angeschlossen und können, ohne Probleme mit dem Datenschutz zu bekommen, Video-Chats führen. Die Zeit des Schweigens ist vorbei Kohelet! Meine Stimme ist (wie ganz am Anfang meines Referendariats) nachmittags heiser, und ich freue mich darüber wie über einen Muskelkater nach einer Sporteinheit: Es sind "gute Schmerzen" im Hals, die davon zeugen, dass auf beiden Seiten jede Menge Redebedarf besteht.

Meine Schüler gehen beeindruckend gelassen und professionell mit der Situation Videokonferenz um, meistern technische Hürden, helfen sich gegenseitig und warten geduldig, damit alle an der Unterrichtsstunde teilnehmen können. Natürlich gibt es diejenigen, die sich hinter einer "nicht funktionierenden Kamera" verstecken. Natürlich gibt es – was ich als besonders schmerzhaft empfinde – auch diejenigen, die uns durch eine schlechte Internetverbindung nur stockend verstehen und irgendwann genervt aufgeben. Aber ein ganz kleines bisschen fühlt es sich nach Normalität an.

Zwei Schüler machen ihre Schulaufgaben waehrend der Corona-Pandemie zuhause im Wohnzimmer.

Meine Zehntklässler diskutieren darüber, ob Christus auch in der Corona-Pandemie Wunder wirkt, ob die Pandemie die Theodizeefrage nochmal in ein ganz neues Licht rückt, ob man die Osterbotschaft und die Erlösungstheologie auch auf Corona anwenden darf. Ich kann Ihnen verraten, dass die Antworten sehr vorsichtig ausgefallen sind. Es blitzt die Hoffnung durch, dass bald wieder Präsenzunterricht stattfinden darf – und es tut so gut gesagt zu bekommen, dass sich die Kinder darauf freuen.

Phase 3

Für mich fühlt es sich nach Erlösung an: Ich darf mich mit echten Menschen in einem Raum aufhalten. Am ersten Schultag nach gut zehn Wochen sind es in meinem Fall Fünftklässler, die sich tapfer an die Regeln halten und versuchen, wirklich alles richtig zu machen. Sie vergessen ab und an, beim Verlassen ihres Platzes wieder ihre Maske aufzusetzen und zucken dann heftig zusammen, sobald sie es bemerken.

Auch die ganz Großen haben es nicht leicht: Nach überstandener mündlicher Abiturprüfung darf ich weder Hände schütteln, noch eine Blume überreichen. Diese muss selbst aus der Vase entnommen und hinterher das Gebäude zügig verlassen werden. In einer Prüfung hat der Abiturient die Reich-Gottes-Botschaft Jesu mit dem biblischen Menschenbild und seiner ganz eigenen Sichtweise auf die Corona-Pandemie verknüpft: "Unser Leben, die Hilfsbereitschaft der Menschen während der Pandemie, die Hoffnung und die Liebe, all das ist das Aufblitzen des Reiches Gottes auf Erden: Es ist schon da, aber eben auch noch nicht. Wir brauchen noch jede Menge Geduld. Wir sind von Gott als Gemeinschaftswesen Geschaffene. Kein Wunder, dass uns die Kontaktsperre so weh tut. Aber dadurch können wir uns auch wieder auf das Wesentliche besinnen und ganz viel über uns lernen, um es in Zukunft besser zu machen." Was kann ich da noch ergänzen?

*aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden die männliche Schreibweise verwendet

Von Andrea Vogt

Die Autorin

Andrea Vogt ist Lehrerin am Marie-Curie-Gymnasium in Dresden

Linktipp: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

Wie funktioniert Religionsunterricht heute? Genau dieser Frage geht die neue katholisch.de-Kolumne nach. Lehrer verschiedener Schulformen berichten darin ganz persönlich, wie sie ihren Unterricht gestalten, damit sie die Jugend von heute noch erreichen.