Theologin über Luther-Bannbulle: Aufhebung wäre "ökumenisches Zeichen"
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Papst Leo X. hatte den Reformator 1521 exkommuniziert

Theologin über Luther-Bannbulle: Aufhebung wäre "ökumenisches Zeichen"

Soll Papst Franziskus die Exkommunikation Martin Luthers aufheben? Mit diesem Appell waren Theologen vor kurzem an die Öffentlichkeit gegangen. Nun hat sich eine von ihnen, die Dogmatikerin Johanna Rahner, zu dem Vorschlag geäußert.

Tübingen - 08.06.2020

Die Theologin Johanna Rahner hat sich für eine Aufhebung der historischen Bannbulle von Papst Leo X. (1513-21) gegen den Reformator Martin Luther ausgesprochen. Die formelle Rücknahme der Exkommunikation Luthers wäre ein wichtiges "ökumenisches Zeichen", sagte die Tübinger Dogmatikerin gegenüber katholisch.de am Montag. "Dadurch könnte die katholische Kirche ihre heutige Wertschätzung der Protestanten ausdrücken."

Bereits am Pfingstsonntag hatte der "Altenberger Ökumenische Gesprächskreis", dem Rahner angehört, eine Erklärung veröffentlicht, in der die Aufhebung der päpstlichen Bannbulle gegen Luther gefordert wird. Die rund 30 evangelischen und katholischen Theologen hatten sich mit diesem Schritt an Papst Franziskus gewandt. Gleichzeitig appellierten sie an den Lutherischen Weltbund (LWB), Luthers Bezeichnung des Papstes als "Antichrist" zurückzunehmen. Beide Verurteilungen stünden immer noch einer ökumenischen Annäherung von Katholiken und Protestanten entgegen, heißt es in der Erklärung mit der Überschrift "Versöhnung nach 500 Jahren".  

"Die Ökumene lebt von Symbolhandlungen und die Rücknahme der Bannbulle gegen Luther wäre besonders bedeutsam", sagte Rahner weiter. Zwar könnten einzelne Passagen des Dekrets "Unitatis redintegratio", das beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) verabschiedet wurde und sich mit der Ökumene beschäftigt, als Aufhebung der Exkommunikation Luthers interpretiert werden, so die Theologin. Doch da sich die Bannbulle auf die Inhalte der Lehre des Reformators beziehe, auf die sich die evangelischen Kirchen in Teilen bis heute stützen, sei die Rücknahme des Dokuments von großer Bedeutung. 

Johanna Rahner ist Theologie-Professorin an der Uni Tübingen.

Johanna Rahner ist Theologieprofessorin an der Universität Tübingen.

Zudem müsse man die persönliche und historische Situation Luthers in die Bewertung seiner Rede vom "Antichrist" mit Blick auf den Papst einbeziehen, so Rahner. "Luther hatte gerade im Alter große apokalyptische Ängste." Außerdem seien derart heftige Bezeichnungen dem "Stil der Zeit" geschuldet. Der LWB habe anlässlich des 500-jährigen Reformationsgedenkens ein Studienpapier erarbeitet, das die "Antichrist"-Äußerung Luthers kritisch sehe und vorschlage, sie zurückzunehmen, rief Rahner ins Gedächtnis. Darauf könne man nun zurückgreifen.  

Ferner sprach sich Rahner dafür aus, eine Gedenkkultur in Bezug auf die Reformation zu entwickeln. "Wir befinden uns immer noch in der Nachwelle des Jubiläums des Thesenanschlags von 1517, in den kommenden Jahren wird es viele 500. Jahrestage geben." Der Endpunkt sei dabei zunächst 2030, da 500 Jahre zuvor die "Confessio Augustana" verabschiedet wurde, die als grundlegendes Bekenntnis den lutherischen Glauben als Konfession begründete.  

Bereits zu Jahresbeginn hatten der LWB und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen bekannt gegeben, dass sie eine gemeinsame Gedenkveranstaltung zum 500. Jahrestag der Exkommunikation Luthers am 3. Januar 1521 planenDemnach soll die Veranstaltung von Lutheranern und Katholiken in Rom stattfinden und auch einen Gottesdienst einschließen. Um der ökumenischen Verbundenheit Ausdruck zu verleihen, werde sie am 25. Juni 2021 stattfinden, "im Vorgriff auf den 500. Gedenktag des Augsburger Bekenntnisses, das an diesem Tag im Jahr 1530 öffentlich vorgestellt wurde", hieß es. (rom)