Philipp Amthors Wahl in den Diözesanrat: Es brodelt an der Basis
Wichtigstes Berliner Laiengremium diskutiert über umstrittene Personalie

Philipp Amthors Wahl in den Diözesanrat: Es brodelt an der Basis

Auf die Kandidatur für das Amt des CDU-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern hat Philipp Amthor nach seiner Lobbyaffäre inzwischen verzichtet. Was aber ist mit seinem Mandat in der Vollversammlung des Berliner Diözesanrats? Die Personalie Amthor sorgt unter Katholiken im Erzbistum für Unruhe.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 21.06.2020

Als Philipp Amthor Anfang Mai von einem zehnköpfigen Wahlgremium in die Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin gewählt wurde, ahnte wohl keiner der Beteiligten, dass diese Personalie dem Rat nur wenige Wochen später auf die Füße fallen würde. Im Gegenteil: Die Wahl des 27-jährigen Bundestagsabgeordneten schien aus Sicht des Diözesanrats ein kluger Schachzug zu sein. Immerhin galt Amthor zum Zeitpunkt der Wahl als die aufstrebende Nachwuchshoffnung der CDU. Das Laiengremium, so vermuten für gewöhnlich gut informierte Kreise im katholischen Berlin, wollte sich mit dem eloquenten Politiker wohl auch ein bisschen von dessen Glanz und Prominenz in seine Vollversammlung holen.

Doch das ist vorbei. Seitdem "Der Spiegel" am Freitag vor einer Woche fragwürdige Lobbytätigkeiten Amthors für das New Yorker Start-up "Augustus Intelligence" enthüllt hat, steht nicht nur der Politiker selbst unter heftigem Druck. Auch der Diözesanrat sieht sich angesichts der nun in neuem Licht erscheinenden Personalie kritischen Fragen ausgesetzt. Er habe in den vergangenen Tagen viele intensive Gespräche mit Menschen geführt, die "ihre Sorgen bezüglich Herrn Amthors Engagement im Diözesanrat geäußert haben", sagte dazu am Mittwoch der Geschäftsführer des Gremiums, Marcel Hoyer, auf Anfrage von katholisch.de.

Katholiken genervt und verärgert von der Personalie Amthor

Man könnte es wohl noch deutlicher formulieren, denn es brodelt merklich an der katholischen Basis. Auf die Personalie Amthor angesprochen, reagieren engagierte Katholiken im Erzbistum in diesen Tagen genervt und verärgert – und es zeigt sich, dass die Enthüllungen des "Spiegel" nur ein Grund dafür sind. In persönlichen Gesprächen und Kommentaren in den sozialen Netzwerken wird deutlich, dass viele Gläubige auch verärgert darüber sind, dass sie erst durch die Berichterstattung auf katholisch.de von der Wahl Amthors erfahren haben. Hinzu kommt das Unverständnis, dass der Politiker bereits ein knappes halbes Jahr nach seiner Taufe und der damit einhergehenden Aufnahme in die katholische Kirche in das höchste Laiengremium des Erzbistums berufen wurde.

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Stellvertretend für das Unbehagen an der Basis steht ein Offener Brief an den Diözesanrat, der am Donnerstag bei Twitter veröffentlicht wurde. Vier junge Katholiken aus dem Erzbistum äußern darin ihr Befremden über die Wahl Amthors. Unabhängig von dessen religiöser Identität hege man "grundsätzliche Zweifel an seiner Eignung als Mitglied des Diözesanrates", heißt es in dem Schreiben mit Verweis auf die Haltung Amthors in Asylrechtsfragen. Weiter äußern die Autoren ebenfalls den Verdacht, das Laiengremium habe mit der Wahl Amthors dessen mediale Präsenz für sich selbst nutzbar machen wollen – das jedenfalls lege die öffentliche Bekanntgabe der Aufnahme Amthors in die Vollversammlung nahe. "Uns ist kein weiterer Fall bekannt, in dem die Wahl einer 'hinzugewählten Einzelpersönlichkeit' in den Diözesanrat durch Pressekontakte bekannt gemacht worden wäre", schreiben die vier Katholiken, die zudem die Befürchtung äußern, dass die Wahl Amthors in die Vollversammlung als "fatale Botschaft" an die teilweise über Jahrzehnte in Gremien, Verbänden oder Gemeinden ehrenamtlich tätigen Laien verstanden werden könne.

Mit dieser Sorge, das zeigen die Reaktionen der vergangenen Tage, sind die Autoren des Briefs nicht allein. Das verwundert nicht, schließlich ist die Vollversammlung des Diözesanrats nicht irgendein Gremium, sondern das wichtigste Organ der Laienvertretung. Die Versammlung mit ihren rund 100 Mitgliedern aus Pfarrgemeinden, katholischen Verbänden und Arbeitskreisen vertritt die mehr als 400.000 Katholiken in Berlin, Brandenburg und Vorpommern und koordiniert die Mitwirkung der Laien an den Aufgaben der Kirche. Eine Wahl in die Vollversammlung kann deshalb durchaus als Auszeichnung verstanden werden – und es gibt Gläubige, die der Überzeugung sind, dass man sich diese Auszeichnung erst durch langjähriges ehrenamtliches Engagement in der Kirche "verdienen" muss.

Doch was sprach aus Sicht des Diözesanrats überhaupt für die Wahl Amthors in die Vollversammlung? Geschäftsführer Hoyer betonte am Mittwoch einerseits, dass das zuständige Wahlgremium nach eigenem Ermessen und ohne festgelegten Kriterienkatalog über die im Statut des Rats vorgesehene Wahl der Einzelpersönlichkeiten entschieden habe. Andererseits erklärte er: "Ziel war es, eine möglichst große Vielfalt von persönlichen Erfahrungen, inhaltlichen Expertisen und unterschiedlichen Regionen im Diözesanrat abzubilden." Außerdem betonte Hoyer, dass die erst kurz zurück liegende Taufe nicht gegen Amthors Engagement in der Vollversammlung spreche: "Die Taufe ist das Sakrament der Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen, aber sie ist nicht der Beginn und nicht der Abschluss des Hineinwachsens in die Gemeinschaft unserer Kirche." Die Perspektiven und Glaubenserfahrungen von Menschen, die sich als Erwachsene taufen ließen, stellten eine große Bereicherung für die Kirche dar, "wenn wir uns zum Beispiel über die Verkündigung des Evangeliums oder die Ausgestaltung pastoraler Angebote austauschen".

Die Personalie Amthor sorgt unter Berliner Katholiken für Unruhe.

Wie es vor diesem Hintergrund nun mit der Personalie Amthor weitergeht, ist noch offen. Als Konsequenz aus der Kritik der vergangenen Tage will der Vorstand des Diözesanrats am Mittwochabend zusammenkommen "und sich über das Thema austauschen", wie Hoyer bestätigte. Er machte aber zugleich klar, dass es in der Satzung des Gremiums keinen Passus gebe, auf dessen Basis die Wahl Amthors rückgängig gemacht werden könne. Denkbar ist deshalb, dass der Vorstand bei seinem Treffen beschließt, baldmöglichst mit dem Politiker selbst das Gespräch zu suchen und so einen Ausweg aus der vertrackten Lage zu finden.

Ob die Lösung in einem Verzicht Amthors auf eine Mitarbeit in der Vollversammlung liegen könnte, ist bislang unklar. Entsprechende Anfragen von katholisch.de ließ der CDU-Politiker in den vergangenen Tagen unbeantwortet. Dass er angesichts des wachsenden Drucks auf seine Person aber durchaus bereit ist, aus der Lobbyaffäre Konsequenzen zu ziehen, zeigen sein bereits erfolgter Rückzug aus dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz und sein am Freitag erklärter Verzicht auf die Kandidatur für das Amt des CDU-Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern.

Erste Reaktion des Diözesanrats auf den Offenen Brief

Immerhin: Spätestens am 12. September dürfte klar sein, ob Amthor sein Mandat in der Vollversammlung annimmt oder nicht. An diesem Tag nämlich soll die konstituierende Sitzung des neu zusammengesetzten Gremiums für die Wahlperiode 2020 bis 2023 stattfinden.

Am Sonntagnachmittag, nach Veröffentlichung dieses Artikels, meldete sich Diözesanrats-Geschäftsführer Hoyer noch einmal bei katholisch.de. Mit Blick auf den Offenen Brief der vier jungen Katholiken erklärte er, dass das Schreiben den Rat bislang noch nicht erreicht habe; deshalb habe das Gremium den Autoren noch nicht antworten und ihnen noch kein Gespräch anbieten können. Mit Blick auf die kritisierte öffentliche Bekanntgabe der Wahl Amthors sagte Hoyer: "Wir haben als Diözesanrat nicht gesondert die Hinzuwahl von Herrn Amthor veröffentlicht, sondern wurden von der Katholischen Nachrichten-Agentur gefragt, ob Herr Amthor hinzugewählt wurde. Daraufhin haben wir eine Liste mit allen zwölf Hinzugewählten an die Agentur gesandt."

21.06.2020, 17:45 Uhr: ergänzt um den letzten Absatz

Von Steffen Zimmermann