Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Der emeritierte Papst besuchte vielleicht zum letzten Mal seinen Bruder

Benedikt XVI. in Regensburg: Pilgerweg ans Krankenbett

2006 verkündete ein 15-minütiges Glockengeläut die Ankunft Benedikts XVI. in Regensburg. 14 Jahre später verlief die Rückkehr des mittlerweile emeritierten Papstes deutlich ruhiger. Es war ein emotionaler Besuch am Krankenbett seines Bruders Georg – und eine Reise in die Vergangenheit.

Von Philipp Seitz |  Regensburg - 22.06.2020

Polizisten mit Mundschutz spannen hektisch rot-weiße Absperrbänder um die Straßenschilder, das Piepsen der Funkgeräte durchbricht die Stille. In der Regensburger Luzengasse wird es unruhig, Bodyguards in schwarzen Anzügen eilen zu einem weißen Sprinter. Motorräder starten, Menschen strecken ihre Handys hektisch nach oben, drängen sich, trotz Abstandsgebot in Corona-Zeiten, dicht an dicht entlang der Absperrung. Es sind Momente, die nicht zu dieser unscheinbaren, ansonsten meist menschenleeren und schattigen Gasse in der Regensburger Altstadt passen.

Die Karawane rollt los. Eine schwarze Limousine mit Blaulicht biegt in Schrittgeschwindigkeit um die Ecke, ein weißer Transportwagen mit dem Malteserkreuz auf der Schiebetüre folgt ihr. Kameras klicken, Blitze spiegeln sich in den getönten Scheiben des Fahrzeugs. Immer, wenn es blitzt, sind die Umrisse der Personen zu erkennen. Kurienerzbischof Georg Gänswein sitzt dem emeritierten Papst gegenüber, er lächelt. Benedikts Hand geht nach oben, winkt den Menschen zu. Alles geht ganz schnell. "Da war er", sagt eine ältere Frau bewegt, als die Fahrzeuge die schmale Gasse verlassen und nimmt ihren Mundschutz ab. Nochmals den emeritierten Papst sehen: Für diese kurze Gelegenheit hat sie mehr als zweieinhalb Stunden gewartet.

Ein Telefon – extra für den Anruf des Bruders

Eine emotionale Rückkehr - nicht nur für den emeritierten Papst. In der Regensburger Luzengasse wohnt sein älterer Bruder Georg Ratzinger, der frühere Regensburger Domkapellmeister. Täglich sollen die beiden telefoniert haben, Georg Ratzinger hat ein eigenes Telefon ausschließlich für den Bruder. Als er noch Papst war, klingelte Benedikt immer gegen halb neun durch, verriet Georg Ratzinger in einem Interview. Doch zuletzt wurde das schwierig. Die traditionelle Reise im März nach Rom zu seinem Bruder konnte der inzwischen fast blinde Georg Ratzinger wegen der Corona-Pandemie nicht antreten. Der Zustand des 96-Jährigen verschlechterte sich in den vergangenen Wochen zunehmend, wie es aus Kirchenkreisen hieß, so dass der drei Jahre jüngere Benedikt XVI. beschloss, sich auf den Weg in seine bayerische Heimat zu machen, um dem geliebten Bruder Kraft zu schenken. Am Donnerstag landete der emeritierte Papst in München, besuchte gleich am Vormittag, von der Öffentlichkeit noch unbemerkt, Bruder Georg in Regensburg. Als "echtes Zeichen der Liebe und Zuneigung" beschreibt Fürstin Gloria von Thurn und Taxis die beschwerliche Reise, die der 93-jährige Joseph Ratzinger für diesen Besuch auf sich genommen hat.

Die Eskorte des emeritierten Papstes fährt weiter durch die Regensburger Fußgängerzone, vorbei an den Geschäften. Immer wieder bleiben Passanten stehen und winken der Kolonne zu. Das Ziel ist das Regensburger Priesterseminar. Es ist der Ort, an dem der Papst auch bei seinem Aufenthalt vor 14 Jahren, im Sommer 2006, anlässlich seiner Pastoralreise durch Bayern in der Domstadt untergebracht war. Vom Bistum Regensburg heißt es, der emeritierte Papst wolle bescheiden wohnen und esse, was auf den Teller kommt. Er wolle keinen Aufwand. Dass sich Benedikt in der Stadt befindet, sprach sich schnell herum. Das mediale Interesse an dem Besuch: groß. Die örtliche Tageszeitung berichtet im Internet darüber, was ihm serviert wird: "Bei Benedikt gab’s Brezen zum Frühstück", lautet eine Artikelüberschrift. Auch Apfelstrudel tischte die Küche auf. Zudem bayerische Mehlspeisen, die Benedikt bekanntermaßen liebt. Das Priesterseminar versäumte es dieses Mal auch nicht, Fanta-Limonade, das Lieblingsgetränk Joseph Ratzingers, zu kaufen.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Bild: © Philipp Seitz

Ein Pilger, verborgen vor der Welt: Der emeritierte Papst hinter einer getonten Scheibe eines Malteser-Sprinters des Dienstes "Herzenswunsch". Benedikt XVI. gab seinem Bruder bei den Besuchen am Krankenbett in Regensburg Kraft.

Auch wenn das Bistum darum bat, die zutiefst persönliche Begegnung der beiden betagten Brüder in ihrem privaten Rahmen zu belassen, versammeln sich immer wieder Gläubige vor dem Haus Georg Ratzingers. Mitarbeiter des Vatikans verteilen Gebetsbildchen als Erinnerung. Sie zeigen Papst Benedikt im Messgewand und mit dem Hirtenstab, dazu sein Papstwappen und seine Unterschrift. Am Sonntagmorgen stimmen einige Gläubige spontan das für den Papstbesuch 2006 komponierte Lied "Wer glaubt ist nie allein" an. Szenen, die dem damaligen Patoralbesuch ähneln. Und doch ist dieses Mal vieles anders: Das Bistum sprach von einem "Privatbesuch", der weder Fotos noch öffentliche Auftritte oder Begegnungen vertrage, so die offizielle Formulierung.

Läuteten 2006 in und um Regensburg die Kirchenglocken 15 Minuten lang, um Papst Benedikt XVI. zu begrüßen, ist es diesmal entsprechend still in der Stadt. Kein weiß-gelbes Fahnenmeer, keine offiziellen Begrüßungsreden, Grußplakate und Empfangstermine, bis auf ein Treffen mit dem Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović. Der Dom, zum damaligen Papstbesuch aufwendig geschmückt und mit Scheinwerfern beleuchtet, ist eingerüstet. Der emeritierte Papst fährt nicht im gläsernen Papamobil durch die Straßen, sondern verborgen hinter den Scheiben eines Fahrzeugs des Malteser-Hilfsdienstes, das vom Aussehen einem Krankenwagen ähnelt.

"Vielleicht das letzte Mal..."

Von den Besuchen dringt nicht viel nach draußen. Auch Benedikt nahestehende Personen wollen sich nicht äußern. Nur so viel: Der Besuch aus traurigem Anlass gibt beiden Brüdern Kraft und bewege den emeritierten Papst sichtlich, der die Zeit mit seinem schwerkranken Bruder genieße. Es sei, so schreibt das Bistum, "vielleicht das letzte Mal, dass sich die beiden Brüder, Georg und Joseph Ratzinger in dieser Welt sehen".

Benedikt hatte vor seinem Rücktritt angekündigt, er wolle "verborgen vor der Welt" leben und sich dem Gebet widmen, als einfacher Pilger, "der die letzte Etappe seiner Pilgerreise auf dieser Erde beginnt". Mehr als sieben Jahre sind seit dem Rücktritt vergangen. Benedikt hat sich nun überraschend noch einmal aufgemacht, zu einer weltlichen Pilgerreise nach Regensburg, hin zum Krankenbett seines Bruders und zu bewegenden Stationen seiner Vergangenheit.

Bild: © KNA

Die ehemalige Nachbarn von Kardinal Joseph Ratzinger, Rupert und Therese Hofbauer. Er ist Hausmeister im ehemaligen Wohnhaus des Kardinals, von vielen "Papst-Haus" genannt, sie kümmert sich um den Garten. Bei seinem Besuch in Regensburg hat der emeritierte Papst beide wiedergetroffen.

Ganz verborgen bleibt der emeritierte Papst bei seiner Reise aber nicht. Am Samstag gelingen den Fotografen mehrere Bilder. In Ziegetsdorf, einem Ortsteil Regensburgs, besucht Benedikt XVI. das Grab seiner Eltern und seiner 1991 an einem Herzinfarkt verstorbenen Schwester Maria, die ihm den Haushalt führte. Die Brüder Joseph und Georg beteten früher oft gemeinsam am Familiengrab, das von Traunstein nach Regensburg umgebettet worden war, um die Familie an einem Ort zusammenzuführen. An Allerseelen, dem Sterbetag seiner Schwester, kam der damalige Kardinal immer wieder aus Rom angereist, um am Grab innezuhalten. Anwohner hatten deshalb mit dem Besuch gerechnet und zuvor die Gräber ihrer Angehörigen nochmals mit Blumen geschmückt. Benedikt betete laut Bistumssprecher Clemens Neck ein "Vater Unser" und ein "Ave Maria". Außerdem segnete er das Familiengrab mit Weihwasser und betete zehn Minuten in Stille. Auf dem Friedhof am Ziegetsberg, der auf einer zugigen Anhöhe liegt, ist es an diesem Tag windstill.

Das Brüderpaar selbst wird hier wohl nicht begraben. Domkapellmeister Georg Ratzinger sagte in mehreren Interviews, dass er auf dem Unteren Katholischen Friedhof, in einem Grab neben seinem Vorgänger als Domkapellmeister Theobald Schrems beerdigt werden soll. "Der liegt da so allein, ich hör ihn schon rufen", wird der Papstbruder zitiert. Der emeritierte Papst findet standesgemäß im Vatikan seine letzte Ruhe, heißt es aus gewöhnlich gut informierten Kreisen.

Für Benedikt ist es eine Reise in die Vergangenheit

Wenige Fußminuten sind es vom Friedhof zum früheren Wohnhaus von Joseph Ratzinger in Pentling, einer Gemeinde am Stadtrand von Regensburg. Das spätere Oberhaupt der katholischen Kirche ließ das Haus 1969 bauen, als er den Ruf an die damals noch junge theologische Fakultät Universität Regensburg annahm. Im Wohnhaus trafen sich die Geschwister am Sonntag immer zum Kaffee, ehe Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising sowie später zum Leiter der Glaubenskongregation berufen wurde. Heute beherbergt das Haus eine Ausstellung zum Leben des emeritierten Papstes und dient als Begegnungsstätte sowie als Archiv.

Für Benedikt ist es ein emotionaler Besuch, eine Reise in die Vergangenheit, bei der Erinnerungen erwachen. Christian Schaller, stellvertretender Leiter des Instituts Papst Benedikt XVI., berichtet im Anschluss, dass alte Familienportraits den Papst sehr bewegt hätten. Im Garten setzte sich Benedikt kurz, außerdem traf er seine in enger Freundschaft verbundenen ehemaligen Nachbarn Theresa und Rupert Hofbauer, die sich seit mehr als vier Jahrzehnten um Benedikts Wohnhaus kümmern. Bei ihnen erkundete er sich nach den Kindern und den Haustieren.

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Als Benedikt schließlich wieder in den Sprinter geschoben wird, lächelt er. Der Papst, so schildern es mehrere Beobachter, habe glücklich sein ehemaliges Wohnhaus verlassen, in welchem er ursprünglich seinen Lebensabend verbringen wollte. Bevor es wieder zurück ins Priesterseminar geht, winkt Benedikt den vor seinem Haus wartenden Menschen zu. Von einer unglaublichen Energie, die Benedikt bei seinem Besuch trotz des fortgeschrittenen Alters an den Tag gelegt habe, berichtet auch Bistumssprecher Neck.

Vor der Rückreise betet Benedikt am Sonntag noch im Regensburger Dom am Schrein des heiligen Wolfgang, dem Regensburger Bistumspatron. Kurz zuvor war der Wolfgangsschrein zur Verehrung ausgesetzt worden. Als um 19.30 Uhr die Glocken des Domes läuten, rollt die Eskorte mit Benedikt an den Menschenmengen vorbei. Vor Ort haben sich hunderte Gläubige versammelt, die Benedikt nochmals sehen wollen. Wieder sind es Sekundenbruchteile. Der emeritierte Papst wirkt erschöpft, aber glücklich. Immer wieder sieht man durch die dunklen Scheiben, wie er mit wachen Augen die Menschen ansieht, den Arm hebt und winkt.

Bistumssprecher Clemens Neck verfolgt diese Momente. Er spricht von einem Besuch, der "für beide Brüder eine Quelle der tiefen Freude war". Er habe Mut und Kraft geschenkt. Für Benedikt könnte die Reise zu seinen Wurzeln in der Heimat die letzte weltliche Pilgerreise gewesen sein, vermuten Beobachter. Am Montag flog Benedikt in einer italienischen Militärmaschine zurück nach Rom. Für das Bistum Regensburg ist ein erneuter Besuch vorerst kein Thema. "Es ist uns aber jederzeit eine Ehre, dem Heiligen Vater zu Diensten zu sein", sagt Neck. Benedikt hatte in Interviews stets deutlich gemacht, dass er sein Bayern vermisse. Im Herzen wandere er die Heimat ab, sagte der emeritierte Papst einmal in einem Interview. Treffenderweise reiste der emeritierte Papst im "Herzenswunsch"-Fahrzeug der Malteser. Der Sprinter bringt ansonsten meist schwerkranke Menschen zu einem Wunschort. Für Benedikt hat sich, trotz des traurigen Anlasses der Reise, auch ein Wunsch erfüllt: Dem geliebten Bruder nochmals nahe sein.

Von Philipp Seitz