Papst-Biograf: Benedikt XVI. ist eben nicht der steife Kirchenfürst
Seewald betont Loyalität gegenüber Nachfolger Franziskus

Papst-Biograf: Benedikt XVI. ist eben nicht der steife Kirchenfürst

Die Regensburg-Reise Benedikts XVI. habe dessen wahres Gesicht gezeigt, sagt sein Biograf Peter Seewald. Zudem widerspricht er Kritik, Benedikt würde Franziskus "dazwischen grätschen" – und schließt einen weiteren Deutschland-Besuch nicht ganz aus.

Passau - 23.06.2020

Papst-Biograf Peter Seewald sieht in der Reise von Benedikt XVI. zum kranken Bruder einen Ausdruck des wahren Wesens des früheren Papstes. "Ratzinger ist nicht der kalte Intellektuelle oder gar ein steifer Kirchenfürst, sondern ein Mensch von Emotionalität und Herzlichkeit", sagte der Journalist der "Passauer Neuen Presse" (Dienstag). Zu dem Besuch fügte er an: "Das ist gelebter Glaube und zutiefst menschlich. Und deshalb auch so berührend." Wenn man bedenke, wie viele Menschen Corona-bedingt ohne Beistand hätten sterben müssen, "würde man sich wünschen, dass das Beispiel der Gebrüder Ratzinger Schule macht".

Benedikt (93) war am Donnerstag zum ersten Mal nach seinem Rücktritt 2013 überraschend nach Deutschland gereist, um seinen schwer kranken Bruder, Georg Ratzinger (96), in Regensburg zu besuchen. Am Montagmittag flog er zurück nach Rom, nachdem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Staatskanzleichef Florian Herrmann (beide CSU) ihn am Münchner Flughafen verabschiedet hatten. Seewald erklärte dazu: "Dass ihn der Ministerpräsident verabschiedet, zeigt schon heute den geschichtlichen Stellenwert dieses Bayern, der als erster Deutscher nach einem halben Jahrtausend wieder den Stuhl Petri einnehmen durfte."

Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte, dies spreche für die große Verbindung der bayerischen Staatsregierung zu Benedikt. Söder habe von einer großen Ehre für Bayern und einer großen Freude gesprochen. Er habe dem emeritierten Papst für das "Zeichen der Menschlichkeit" gedankt, das er mit dem Besuch des kranken Bruders gezeigt habe. Voderholzer ergänzte, da es kein Protokoll zu Besuchen eines emeritierten Papstes gebe, habe man alles neu gestalten müssen.

Ratzinger sei seinem Nachfolger nie irgendwo "dazwischen gegrätscht"

Seewald fügte an, an der Stellung des emeritierten Kirchenoberhaupts gegenüber Papst Franziskus habe Benedikts Besuch nichts verändert. "Der Papst ist der Papst. Einen Schatten- und gar Gegenpapst kann es nicht geben." Ratzinger sei seinem Nachfolger nie irgendwo "dazwischen gegrätscht, wie Kritiker pausenlos herumschreien, sondern war im Gegenteil immer peinlich darauf bedacht, ihm nirgendwo in die Quere zu kommen".

Auf die Frage, ob Benedikt im Falle des Todes seines Bruders an dessen Beisetzung teilnehmen würde, antwortete Seewald: "Seine Gebrechlichkeit hat zugenommen. Aber wenn es heißt: Bei Gott ist nichts unmöglich, müsste man in diesem Fall hinzufügen: Und bei Joseph Ratzinger, der immer wieder Dinge tat, die sich noch niemand vor ihm getraute, sind Überraschungen nie auszuschließen."

Benedikt hatte bei seiner Visite auch einstige Lebensstationen wie sein ehemaliges Wohnhaus im Vorort Pentling besucht und am Familiengrab der Ratzingers gebetet. Voderholzer bezeichnete den Regensburg-Aufenthalt in einem Bilanz-Statement als "hochemotionalen Besuch" und eine "Reise der Menschlichkeit". In den vergangenen fünf Tagen "haben wir diesen großen Mann des Geistes in seiner Gebrechlichkeit, in seiner Altersschwäche und seiner Endlichkeit erlebt", sagte der Bischof, der Benedikt XVI. auf vielen Wegen begleitete. (tmg/KNA)