Coronavirus
Mainzer Alttestamentler Hieke über Gott und seine Schöpfung

Mit Theologie gegen Verschwörungstheorien in der Corona-Krise

Es sei humaner, den Ursprung des Coronavirus bei Gott zu suchen, als in einer Verschwörung der Chinesen oder der angeblichen jüdischen Weltherrschaft, sagt der Mainzer Alttestamentler Thomas Hieke. Und auch sonst hat Gott in dieser Krise einiges zu sagen, schreibt er im Gastbeitrag für katholisch.de.

Von Thomas Hieke |  Mainz - 17.07.2020

Die Theologie ist in dieser Zeit der Pandemie von Fragen gefordert: Ist Gott dafür verantwortlich? Warum müssen so viele Menschen an COVID-19 sterben? Bringt es mir etwas in der Krise, wenn ich an Gott glaube? Zunächst ist es humaner, den Ursprung des Virus bei Gott zu suchen, als in einer Verschwörungsideologie die Chinesen, Bill Gates oder die angebliche jüdische Weltherrschaft verantwortlich zu machen. Eine nüchterne, vernunftbasierte Religion ist besser als jede Verschwörungsideologie, die nur aus Hass bestimmte Gruppierungen oder Minderheiten beschuldigen will.

Gott ist niemandem gegenüber verantwortlich und muss niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen. Gott muss sich auch nicht an meine Vorstellungen von richtig und falsch halten, Gott ist immer noch größer als alles Denken und Bemühen um das Richtige. Die Entstehung der Corona-Pandemie ist ein komplexer Vorgang. Aber wenn es den allmächtigen Gott aus dem Glaubensbekenntnis gibt: Kann es dann irgendetwas auf dieser Welt geben, das unabhängig und völlig losgelöst von Gott passiert? Außer natürlich das, was auf das Verhalten oder Fehlverhalten von Menschen zurückgeht, denen Gott die Freiheit gegeben hat, auch die Freiheit, gegen Gottes Gebot und gegen die Vernunft zu handeln. In der Schrift des Propheten Amos stehen herausfordernde Worte: "Brüllt der Löwe im Wald und er hat keine Beute? … Fällt ein Vogel zur Erde, wenn niemand nach ihm geworfen hat? … Geschieht ein Unglück in der Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt hat?" (Amos 3,4–6). Die Bilder drücken aus, dass jede Wirkung ihre Ursache hat. Jede Ursache kann aber auch als Wirkung einer dahinter liegenden Ursache aufgefasst werden, und so kann man zurückfragen und ist irgendwann – bei Gott. Wichtig ist dabei: Das alles sind keine definitiven Aussagen darüber, wie Gott an sich ist. Das weiß auch nicht die Theologie. Sie reflektiert die Deutungen, mit denen Menschen versuchen, sich auf komplizierte Beobachtungen einen Reim zu machen.

Die Gegenprobe sieht so aus: Wenn Gott nicht die letzte Ursache ist (und wenn auch in der Form des schlichten "Zulassens”) – wer ist es dann? Der Zufall? Ist dann der Zufall mächtiger als Gott? Als an den einen Gott des jüdisch-christlichen Bekenntnisses glaubende Menschen haben wir keine Wahl: Ist er es nicht, wer ist es dann? So ähnlich fragt schon Ijob (Ijob 9,24). Wenn es ein Unfall oder Zufall war, den Gott nicht verhindern konnte, ist Gott nicht allmächtig. Einen nicht ganz so mächtigen Zauberer braucht aber niemand. Die Alternative wäre, an einen Gott zu glauben, der mit dieser Welt nichts (mehr) zu tun hat. Auch dieses "höhere Wesen" braucht niemand.

Will Gott Menschen mit COVID-19 töten?

Gott spielt nicht Schach mit den Menschen und opfert ab und zu ein paar Bauern. Jeder einzelne Mensch, der an der Krankheit verstorben ist, zählt, und der Verlust ist zu betrauern. Diese Menschen sind aber wie alle unsere Verstorbenen nicht ins Nichts gefallen, sondern in die Welt Gottes hinübergegangen. "Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand" – dieser Satz aus dem Buch der Weisheit ist sehr wichtig (Weish 3,1a). Die Verstorbenen sind in Gottes Hand gut aufgehoben. Aber viele trauernde Hinterbliebene sehen sich von geliebten Menschen getrennt. All das demonstriert unsere Begrenztheit und Endlichkeit als Menschen.

Alttestamentler Thomas Hieke

Thomas Hieke (* 13. März 1968) ist Professor für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz.

Die Theologie weiß nicht, was Gott wirklich will, kann aber versuchen, Beobachtungen zu deuten und dabei Gott mit einzukalkulieren. Dabei kann man so vorgehen, dass man sich zunächst vorstellt, Gott gibt es nicht. Was könnte dann die Krise bedeuten?

Das große Problem in den Medien vor der Corona-Krise war der Klimawandel, der leider anhält. Nun sind an COVID-19 schon viel zu viele Menschen verstorben. Aber am ungebremsten Klimawandel werden über kurz oder lang alle acht Milliarden Menschen sterben (nach all den Tier- und Pflanzenarten, die ohnehin schon sterben). Das ist etwas in Vergessenheit geraten, zeigt aber die Dringlichkeit des Problems – oder: der Probleme – an. Nun wurde im Streit um den Klimawandel immer behauptet, man könne sich nicht einschränken, die Wirtschaft müsse laufen, wir müssen so weitermachen, um unseren Wohlstand nicht zu verlieren. Plötzlich stellt ein Virus alles still. Hier zeigt sich, was aus der Krise zu lernen wäre: Es geht auch mit weniger, und wir kommen besser durch, wenn wir vernünftiger mit unseren Ressourcen umgehen. Der vieldiskutierte und unvermeidliche "lock down" hat eine überhitzte Maschinerie schnell und umfassend fast ganz zum Stillstand gebracht. Wir müssen diese Chance jetzt nutzen, ganz neu anzufangen und unser Wirtschaften auf andere Grundlagen zu stellen und unseren Lebensstil auf den Prüfstand.

Jede Maßnahme muss geprüft werden: Fördert man die alte Gier, die auf Verschwendung von Ressourcen aufbaut und nicht nach morgen fragt? Oder fördert man neue Technologien, die auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltverträglichkeit aufbauen? Jede und jeder Einzelne muss sich fragen: Was ich da konsumiere, was ich da reise, genieße, verbrauche – halten das der Planet und meine Mitbewohner aus? Der Zustand vor der Pandemie war keine erstrebenswerte heile Welt. Wir müssen das neue "Normal" neu denken und erkennen, was wirklich lebens-wichtig ist. Vielleicht hat Gott uns zeigen wollen, dass wir nicht so weiterwirtschaften können wie bisher. Brutal und umfassend, aber der Klimawandel ist auch brutal und weltumfassend.

Gott greift unsere Gesundheit an, um uns etwas mitzuteilen?

Dieser Gedanke findet sich schon im Ijob-Buch: "Haut um Haut! Alles, was der Mensch besitzt, gibt er hin für sein Leben. Doch streck deine Hand aus und rühr an sein Gebein und Fleisch; wahrhaftig, er wird dich ins Angesicht fluchen" (Ijob 2,4–5). Das sagt der Satan zu Gott und meint damit: Wenn man seine Gesundheit angreift, dann wird der Mensch hellhörig, dünnhäutig, und er fängt an zu denken oder zu beten oder zu fluchen.

Gott will, dass alle – Pflanzen, Tiere und Menschen – auf dieser Erde in Frieden und Gerechtigkeit leben können, schreibt der Alttestamentler Thomas Hieke.

Wer sich in die Lage Gottes versetzt, wird sich die Haare raufen: Da gibt man den Menschen eine Tora, damit sie gut leben können (Lev 18,5), aber sie befolgen sie nicht. Da kommt man selbst als Mensch zu ihnen, und sie kreuzigen einen (Jesus). Was soll ich, sagt Gott, denn noch alles machen, damit sie zur Vernunft kommen? Jetzt greift der Mensch so auf die Erde zu, dass es nicht mehr gutgehen wird. Gott will aber nicht, dass acht Milliarden Menschen durch den Klimawandel samt dem ganzen Planeten untergehen. Als Bibelleser, gläubiger Mensch und Theologe fällt es mir nicht schwer, hier einen Plan Gottes zu erkennen.

Gott macht öfter so verrückte Sachen

Als Gott sein Volk aus Ägypten befreit, schickt er nicht eine Legion Engel, um die Ägypter zu verdreschen, sondern schiebt Wasser hin und her. Das Judit-Buch erzählt, dass eine riesige feindliche Armee die letzte Bastion vor Jerusalem belagert – auch hier schickt Gott kein Engelheer, sondern eine kluge, tapfere und schöne Frau, Judit. Als Theologe reflektiere ich diese von Menschen erzählten Geschichten und suche danach, wie sich Menschen Gott vorstellen. Gott ist ganz anders und handelt ganz anders, als Menschen mit ihrer Logik von Krieg und Gewinnstreben argumentieren würden. Daher passt das mit dem Virus zu den biblischen Geschichten. Sie sind Mythen – und damit Deutungen von Beobachtungen. Mit diesen Narrativen bekomme ich einen Sinn in das, was ich beobachte. Die wirklich herausragenden Virologen, die eine tolle Arbeit machen, fragen nicht nach dem Sinn dieser Pandemie. Wenn ich als Theologe nun erzähle, dass Gott uns mit der Pandemie zeigen will, dass wir nicht mehr so weiterwirtschaften und die Erde zerstören sollen wie vorher, dann behaupte ich damit nicht, eine naturwissenschaftliche Wahrheit entdeckt zu haben. Ich weiß ebenso wenig wie die Virologen, ob es einen naturwissenschaftlich zwingenden Grund für den Ausbruch dieser Pandemie gibt.

Aus der Perspektive der Vernunft müssen wir lernen, unseren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt und mit den armen Menschen zu ändern und auf eine vernünftigere Basis zu stellen.

Aus der Perspektive der Theologie, die in Vernunft auch den Blick auf Gott einbezieht, hat Gott dem Menschen die Freiheit gegeben, auf dieser Erde zu schalten und zu walten. Aber Gott hat den Menschen als Gottes Abbild und Stellvertreter geschaffen, um diese Erde zu erhalten als ein Lebenshaus für Pflanzen, Tiere und Menschen. Gott will, dass alle – Pflanzen, Tiere und Menschen – auf dieser Erde in Frieden und Gerechtigkeit leben können. Das lehrt die Bibel. Gott hat die Macht, das durchzusetzen. Gott kann den Weg des Virus wählen, um der zerstörerischen Gier des Menschen Einhalt zu gebieten. Zu den biblischen Geschichten und zu den biblischen Gottesvorstellungen würde das passen.

Die Aufgabe der Theologie

Die Theologie weist auf die Vernunft hin: Gott gab dem Menschen ein Herz zum Denken, so lehrt der Weise Jesus Sirach (Sir 17,6). Mit Vernunft und Denken ist an die Krise heranzugehen. Die Theologie kann und muss ihre guten Narrative, die auf die Bibel aufbauen, den diskriminierenden Verschwörungserzählungen entgegensetzen. Hier hat die Theologie eine gute Utopie zu bieten. Sie predigt nicht den Endzeitkampf, bei dem die Schwachen zuerst untergehen müssen. Dagegen spricht die Bibel von einer Welt mit guten Lebensmöglichkeiten für alle Menschen – und nicht nur für eine reiche, weiße, westliche, sich als dominant gebärdende Minderheit.

Die Theologie muss auf Gottes Plan der Gerechtigkeit hinweisen: Gott will ein gedeihliches Auskommen für alle Menschen, Tiere und Pflanzen. Das lehren die Schöpfungstexte der Bibel (Genesis 1–2; Psalm 104). Die biblischen Geschichten erzählen von der ungewöhnlichen Logik Gottes, diese Pläne durchzusetzen, die nicht zu menschlichen Logiken passt. Falls jemand den barmherzigen Gott in dieser Argumentation vermisst: Angesichts der Möglichkeit einer Sintflut (Genesis 6–9) mit einer Totalvernichtung allen Lebens (mit Ausnahme der Arche) – auch das ist ein Gedankenexperiment, ein Mythos – ist Gott barmherzig gewesen. Gott spricht aber nicht einfach frei (Exodus 34,6–7), sondern zieht die Menschen, die Gott als Stellvertreter auf Erden eingesetzt hat, zur Rechenschaft. Wir haben eine große Chance und Aufgabe: aus der Krise lernen und die alten Fehler ablegen. Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Bewahrung der natürlichen Ressourcen – das sind die Gebote des Jahrhunderts, und damit gehen auch Begrenzung der eigenen Gier und des kurzsichtigen Gewinnstrebens einher. An sich gebietet das schon die Vernunft. Wer an Gott glauben will, muss einsehen: Gott will, dass wir nicht so weitermachen wie bisher, sondern unseren Lebensstil, unser Wirtschaften und unser weltweites Zusammenleben ändern, so dass alle, Menschen, Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten sehr gut leben können.

Von Thomas Hieke