Schachfigur
Standpunkt

60 Sekunden für die frohe Botschaft

Die Bistümer versuchen, Zukunftsvisionen zu entwickeln - oft mit Hilfe von Unternehmensberatern und Marketing-Vokabular, wie Werner Kleine beobachtet. Ob das bei der Glaubensweitergabe hilft, bezweifelt er - und empfiehlt, sich eine konkrete Situation vorzustellen.

Von Werner Kleine |  Bonn - 15.07.2020

Wenn der Weg das Ziel ist, ist dann das Ziel vielleicht nur im Weg? Diese Frage stellt sich jedenfalls, wenn man die vielfachen Bemühungen beobachtet, mit der die Kirche auf die Fragen reagiert, die sich ihr unausweichlich stellen. Gerne wird mit Hilfe von Unternehmensberatungen an Zukunftsvisionen gearbeitet. Auch ich als Autor dieser Zeilen bin mitten drin in einem solchen Zukunftsprozesses meines Erzbistums. Und mehr als einmal habe ich nicht nur mir, sondern auch meinen Kolleginnen und Kollegen die Frage gestellt, was wir da eigentlich "vermarkten" wollen. Der "Markenkern" ist ja eines der vielen Schlagworte, das Unternehmensberatungen gerne mit einbringen.

In der Tat ähneln viele "Zukunftsprozesse" in den bundesdeutschen (Erz-)Bistümern eher der Suche nach dem entscheidenden marketingstrategischen Relaunch, der Findung einer neuen Corporate Identity oder dem innovativen kommunikationsstrategischen Styling, um crossmedial die Menschen von heute zu erreichen, auf dass das Unternehmen "Kirche" wieder mehr gefragt werde. Wenigstens sollten sich die jährlich mit großer und mittlerweile ritueller Bestürzung zur Kenntnis genommenen Austrittszahlen verringern. Wenn man schon keine neuen "Kunden", um einmal die unternehmensberaterischen Sprachspiele zu bedienen, gewinnen kann, sollte es wenigstens um die Bindung der "Bestandskunden" gehen. Moderne Telekommunikationsunternehmen oder der Einzelhandel, ja selbst die Deutsche Bahn oder diverse Flugunternehmen machen so etwas ja mit Bonussystemen und Rabattaktionen ... spätestens hier wird es für das Unternehmen "Kirche" schwierig, steht doch unmittelbar die Frage nach dem Markenkern ganz praktisch vor Augen: Was ist eigentlich das Produkt, um das es geht? Ist es die Kirche selbst, wie es den Anschein hat? Könnte man dann damit werben, dass bei einem Wiedereintritt die Austrittsgebühren zurückerstattet würden?

Sie merken, liebe Leserin und lieber Leser, dass das einigermaßen absurd klingt. Das liegt wohl daran, dass die Kirche natürlich nicht die Marke ist, um die es geht, sondern bestenfalls der Markenträger. Die Kirche ist Botin, nicht die Botschaft. Der Auftrag Jesu lautet ja, die frohe Botschaft allen Geschöpfen in aller Welt zu verkünden (vgl. Mk 16,15). Nicht die Gründung von Gemeinden ist der primäre Auftrag, sondern die Verkündigung der Botschaft. Dazu bedarf es unter anderem lebendiger Gemeinden als Trägerin der Botschaft. Gemeinden sind dann aber eben nicht Ziel, sondern Mittel zu Zweck. Letztlich braucht es wie zu allen Zeiten auch heute lebendige Zeuginnen und Zeugen, denen man Glauben schenken kann, die durch ihr Handeln ein Zeugnis ohne Worte ablegen und auf Nachfrage Rechenschaft ablegen können. Das ist nicht wirklich neu, aber offenkundig doch eine Zumutung.

Es scheint, als würden sich viele, die in der Kirche von heute Verantwortung tragen, genau um diesen Auftrag herumwinden. Um das einmal mit einer Methode aus der Unternehmensberatung deutlich zu machen: Sie fahren mit einem Menschen in einem Aufzug – sagen wir einmal vom Erdgeschoss in den 15. Stock. Die Fahrt dauert ungefähr 60 Sekunden. Eine Person fährt mit Ihnen nach oben. Sie haben 60 Sekunden Zeit, um Ihr Gegenüber für die Botschaft zu gewinnen. Wenn Sie sich jetzt fragen, um welche Botschaft es geht, steht Ihnen das Ziel im Weg. Probieren Sie es aus. Die Zeit läuft ...

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

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