Bedford-Strohm: "Man kann nicht beten und das Leid des Nächsten übersehen"

Nach 48 Stunden: "Sea-Watch 4" mit mehr als 200 Geretteten unterwegs

Aktualisiert am 24.08.2020  –  Lesedauer: 

Rom/Berlin ‐ Am Wochenende hatte die "Sea-Watch 4" die ersten Migranten aus dem Meer gerettet. Mittlerweile sind schon 200 Gerettete an Bord des Schiffs. Für die Betreiber ist der Einsatz "ein Symbol für das Scheitern der Europäischen Union".

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Die "Sea-Watch 4" hat am Montag weitere 100 Bootsmigranten vor der libyschen Küste aufgenommen. Damit barg das privat betriebene deutsche Rettungsschiff auf seiner ersten Fahrt innerhalb von 48 Stunden mehr als 200 Personen, wie die Betreiberorganisation Sea-Watch in Berlin mitteilte. Der aktuelle Einsatz sei "ein Symbol für das Scheitern der Europäische Union, die ihrer Pflicht nicht nachkommt und Menschen vor ihren Toren ertrinken lässt", erklärte Einsatzleiter Philipp Hahn.

Beim jüngsten Rettungsfall entdeckte der Mitteilung zufolge ein Öltanker ein havariertes Schlauchboot mit 100 Menschen etwa 50 Seemeilen vor der libyschen Küste. Ein anderes Schiff versorgte demnach die Personen mit Rettungswesten und beobachtete die Lage, bis die "Sea-Watch 4" eintraf. Diese sei besser für die Bergung und die medizinische Versorgung ausgerüstet, hieß es.

Die Geretteten zeigten laut den Angaben unter anderem Verätzungen durch Kraftstoff, Dehydrierung, Unterkühlung und Vergiftungserscheinungen durch Benzindämpfe. Barbara Deck, medizinische Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen an Bord der "Sea-Watch 4", sprach mit Blick auf die gesundheitlichen Risiken, die die Menschen bei der Überfahrt auf sich nehmen, von einer "verheerenden Realität".

Erste Rettungen am Wochenende

Die "Sea-Watch 4" hatte am Samstag zunächst sieben Personen und am Sonntag weitere 97 aus seeuntüchtigen Booten vor Libyen geborgen. Das ehemalige Forschungsschiff war vor gut einer Woche von Spanien aus aufgebrochen. Sein Kauf geht auf eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zurück; die Finanzierung trägt der Verein United4Rescue, in dem sich mehr als 550 Organisationen, Unternehmen und Einzelpersonen zusammengeschlossen haben. Auch Ärzte ohne Grenzen ist an dem Projekt beteiligt.

Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, forderte am Montag mehr politische Anerkennung für die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. "Es ist ganz klar, dass die Kriminalisierung der zivilen Seenotretter aufhören muss, denn das sind die einzigen, die überhaupt noch Menschenleben dort retten", sagte Bedford-Strohm im Bayerischen Rundfunk. Er erwarte von der Bundesregierung, "dass sie sich auch dafür einsetzt, dass, wenn Menschen da gerettet worden sind, es nicht wieder ein wochenlanges Geschacher gibt".

Der Ratsvorsitzende betonte weiter, wie notwendig der Einsatz der "Sea-Watch 4" sei. Zur Kritik, wonach sich die Kirche mit dem Boot in die Migrationspolitik einmische, sagte Bedford-Strohm: "Ja, natürlich ist es staatliche Aufgabe. Die Staaten Europas dürften nicht zuschauen. Aber sie schauen zu. Sie tun nichts." Deswegen sei es natürlich Aufgabe der Kirche, sich vom Leid der Menschen anrühren zu lassen. "Man kann nicht beten und das Leid des Nächsten übersehen." (cbr/KNA)