Jesuit Manuel da Nobrega: Brasiliens Gründerfigur starb vor 450 Jahren
Ordensmann vermittelte zwischen Portugiesen und Ureinwohnern

Jesuit Manuel da Nobrega: Brasiliens Gründerfigur starb vor 450 Jahren

Manuel da Nobrega war Brasiliens Gründerfigur. Der Jesuit wusste zwischen Portugiesen und Indigenen zu vermitteln und kämpfte gegen die Versklavung der Ureinwohner. Doch das Leben in den Tropen forderte seinen Tribut.

Von Thomas Milz (KNA) |  Rio de Janeiro - 18.10.2020

"Der brasilianische Boden verspricht viele Früchte zu bringen, aber es fehlt an Arbeitskräften." In höchsten Tönen pries Manuel da Nobrega die neue Kolonie 1549 in einem Brief an seine portugiesischen Ordensoberen. Man möge aber, so der Jesuit und Missionar, dringend Frauen schicken, um die fruchtbare Erde zu besiedeln und dem unchristlichen Treiben zwischen portugiesischen Siedlern und indigenen und afrikanischen Frauen ein Ende zu bereiten. Vor 450 Jahren, am 18. Oktober 1570, starb Nobrega in Rio de Janeiro – an seinem 53. Geburtstag.

Anfang 1549 war der aus einflussreichem Hause im nordportugiesischen Alijo stammende Theologe mit dem designierten Generalgouverneur Tome de Sousa in der sogenannten Allerheiligenbucht gelandet. Dort gründeten sie die Stadt Salvador da Bahia, Brasiliens erste Hauptstadt.

Religiöse Absicherung des portugiesischen Machtanspruchs

Während de Sousa die Besiedlung der 1500 entdeckten Kolonie organisierte, errichtete Nobrega die brasilianische Jesuiten-Mission. Durch "Lehre und Katechese" sollte damit Portugals Machtanspruch auch religiös abgesichert werden. Dazu sollten die Indigenen bekehrt und zu vorbildlichen Untertanen erzogen werden.

Wie der Dominikaner Bartolome de Las Casas in Spanisch-Amerika setzte sich Nobrega für die Anerkennung der Indigenen als Menschen ein, die nicht versklavt werden dürften. Doch erst mal bot sich ihm bei der Ankunft in Brasilien ein Bild des Schreckens. Die in der Kolonie lebenden Portugiesen scherten sich wenig um Moral und Gottes Wort. Sie hatten gleich mehrere Frauen, indigene oder afrikanische Sklavinnen. Aus diesen Verbindungen entsprangen immer mehr Mestizen.

Bild: © KNA

Wie Manuel de Nobrega setzte sich der Dominikaner Bartolome de las Casas (Bild) für die Rechte der Indigenen ein.

Nobregas anfängliche Empörung wich freilich bald einem pragmatischem Kalkül. Denn das unmoralische Durcheinander erleichterte seinen Bekehrungsauftrag. Während viele "bekehrte" Indigene nach erfolgter Katechese und trotz anschließender Taufe die christlichen Gebote schlicht ignorierten, erzogen die mit Europäern liierten Frauen die gemeinsamen Kinder im christlichen Glauben.

Solchen Pragmatismus teilten nicht alle. Pero Fernandes Sardinha, Brasiliens erster Bischof, schwärzte Nobrega in der Heimat an. Ihm missfiel, dass dieser die Indio-Sprachen bei Messen und Beichten zuließ, indigene Bräuche nicht verbot und nichts gegen die Vermehrung "heidnischer Mestizen" unternahm.

Vertrauensverhältnis zu den Indios

Ironie des Schicksals: Jahre später wurde der Hardliner Sardinha ausgerechnet von aufgebrachten Indigenen buchstäblich verspeist. Nobrega hingegen gelang es, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und sie in den Dienst Portugals zu stellen. In den Folgejahren gründete er entlang der Küste zahlreiche Indio-Missionen, Schulen und Seminare.

Als erster wagte er sich zudem 1554 hinauf in das von Indigenen bewohnte Küstengebirge nördlich der Hafenstadt Sao Vicente. Auf einem rund 60 Kilometer landeinwärts gelegenen Hochplateau gründete er die Mission Piratininga, die bald schon in Sao Paulo umbenannt wurde. Von hier aus wurde in den folgenden Jahrhunderten das Landesinnere erschlossen. Heute ist Sao Paulo eine der größten Städte der südlichen Hemisphäre und Brasiliens Wirtschaftsmotor.

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Welche Rolle hat die Kirche in der Kolonialgeschichte gespielt? War sie, wie oft behauptet wird, treibende Kraft der Eroberung und Ausbeutung vor allem Mittel- und Südamerikas? Nein, erläutert Autor Josef Bordat. Das Handeln der Kirche im Rahmen der Kolonialgeschichte müsse differenzierter bewertet werden.

Als die Franzosen die weiter nördlich liegende Guanabara-Bucht besetzten, um dort einen protestantischen Staat zu errichten, schwang sich Nobrega gar zum Anführer der Gegenreformation in der Neuen Welt auf. Zur Unterstützung der Portugiesen stellte er eine kampfstarke Truppe aus Indigenen zusammen.

An einem Strand unterhalb des Zuckerhutes gründete der Trupp 1565 die Stadt Rio de Janeiro, von 1763 bis 1960 Brasiliens Hauptstadt. Damit war Nobrega an der Gründung der drei wichtigsten Städte Brasiliens beteiligt. Nach jahrelangem Ringen gelang es den Portugiesen schließlich, die Franzosen aus der Bucht zu vertreiben; das Riesenreich war für die Portugals Krone gesichert.

Doch das beschwerliche Leben in den Tropen forderte seinen Tribut. Seit 1567 schwer krank, starb Nobrega an seinem Geburtstag 1570 in Rio de Janeiro. Es bleiben seine Berichte, einzigartige Zeugnisse über das Leben in der frühen Kolonie. So stammen aus seiner Feder auch die frühesten erhaltenen Prosatexte Brasiliens.

Von Thomas Milz (KNA)