Die Kirche und der Kolonialismus: Warum viele Vorurteile falsch sind
Serie: Die Kirche und... – Teil 8

Die Kirche und der Kolonialismus: Warum viele Vorurteile falsch sind

Welche Rolle hat die Kirche in der Kolonialgeschichte gespielt? War sie, wie oft behauptet wird, treibende Kraft der Eroberung und Ausbeutung vor allem Mittel- und Südamerikas? Nein, erläutert Autor Josef Bordat. Das Handeln der Kirche im Rahmen der Kolonialgeschichte müsse differenzierter bewertet werden.

Von Josef Bordat |  Bonn - 11.10.2020

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So wichtig es ist, sich als Europäer der weitgehend unrühmlichen Kolonialgeschichte in Amerika, Afrika und Asien bewusst zu sein, so fraglich ist die Kennzeichnung dieser als "Geschichte der Kirche".

Aufgeklärter Rassismus

Das beginnt schon ideenhistorisch. Der europäische Überlegenheitsdünkel als Basis für den Kolonialismus spricht eher aus den Einlassungen der Aufklärungsphilosophie denn aus kirchlichen Verlautbarungen. Der Religionskritiker David Hume behauptet etwa im Essay "Of National Characters", dass alle Nationen, die jenseits der Polarkreise oder zwischen den Wendekreisen leben, im Vergleich zum übrigen Menschengeschlecht minderwertig seien. Der Rechts- und Staatsphilosoph Charles de Montesquieu glaubte herausgefunden zu haben, dass das Klima und die Art der Bodenbeschaffenheit in den tropischen Gefilden zwangsläufig zur Herausbildung von Sklavennaturen hatte führen müssen. Voltaire, für viele Atheisten bis heute so etwas wie ein geistiger Ahnherr, zog ernsthaft in Zweifel, dass Schwarze und Weiße zu derselben Spezies zählen. Und der in Königsberg festverwurzelte Immanuel Kant urteilt in der "Nationenkunde" seiner Schrift "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" ausgesprochen negativ über die "Negers von Afrika": Sie hätten "von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege". Alles in allem kein Ruhmesblatt für die europäische Philosophie der Aufklärung.

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Was bedeutet Mission? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".

Die Rolle der Kirche in der Conquista

Und die Kirche? Die war doch gerade in der Frühphase des neuzeitlichen europäischen Kolonialismus mit dabei – vertreten durch die Missionare der großen Ordensgemeinschaften, die Seite an Seite mit den Spaniern Amerika besetzten. Richtig. Doch welche Rolle spielten die Missionare dabei? Und: War die Kirche wirklich die treibende Kraft der Conquista im 16. Jahrhundert?

In Sachen Conquista ist es der historischen Redlichkeit geschuldet, staatliches und kirchliches Handeln, Eroberung, Ausbeutung und Christianisierung nicht einfach in einen Topf zu werfen. Zwar ist die militärische Flankierung von Missionstätigkeit – zum Schutz der Missionare – im 16. Jahrhundert diskutiert und im Ergebnis befürwortet worden, aber dennoch nicht in der Weise, dass man nun Militärs und Missionare in eins setzen könnte. Leider geschieht das immer noch viel zu oft.

Dann etwa, wenn dem Papst unterstellt wird, die Conquista von Rom aus initiiert zu haben, weil er mit der Schenkungsbulle "Inter cetera" (1493) kurz nach der Entdeckung Amerikas die Grundlage für die Eroberung im 16. Jahrhundert gelegt habe. Dabei wird jedoch übersehen, dass diese Bulle – wie auch andere Verlautbarungen des Heiligen Stuhls – kaum Einfluss auf die Realpolitik der beiden Renaissance-Supermächte Spanien und Portugal hatte. Die portugiesische und auch die spanische Krone – "Reyes Católicos" hin oder her – verfuhren nach eigenem Gutdünken, fernab vom Vatikan. Das ist deshalb erwähnenswert, weil in Fragen der Kolonialisierung sehr oft "die Kirche" als eigentliche Triebkraft erscheint und allzu gerne für Verbrechen im Kontext derselben verantwortlich gemacht wird. Tatsächlich war es aber so, dass der Vatikan lediglich bestehende Verträge bestätigte. Die Rolle des Papstes und "der Kirche" in der Kolonialpolitik der Eroberungsjahrzehnte wird also oft ganz erheblich überschätzt.

Mit der Rückeroberung von Granada fand die "Reconquista" nach 800 Jahren muslimischer Herrschaft in Spanien ihren Abschluss.

Spanien und Portugal – Renaissance-Supermächte jenseits des Vatikan

Spanien und Portugal scherten sich in ihren Verhandlungen wenig um vorher erlassene Bullen des Heiligen Stuhls. So erfolgte die erste Aufteilung der Einflusssphäre zwischen beiden Ländern bereits im Vertrag von Alcáçovas (1479), demgemäß die Kanarischen Inseln an Spanien gingen, obgleich sie gemäß der Bulle "Romanus pontifex" (1455) von Papst Nikolaus V. eigentlich in die portugiesische Hemisphäre fielen. Den Vertrag von Alcáçovas hat Papst Sixtus IV. anschließend bloß noch besiegeln können, nämlich mit der Bulle "Aeterni regis" (1481).

Der Vertrag von Alcáçovas war nach der Entdeckung Amerikas obsolet geworden und wurde durch den Vertrag von Tordesillas (1494) aufgehoben – ungeachtet der inzwischen erlassenen Bulle "Inter cetera". Beim Vertrag von Tordesillas handelt es sich um ein bilaterales Abkommen zwischen Spanien und Portugal, mit dem die beiden Seemächte eine Korrektur der Demarkationslinie vornahmen, die Papst Alexander VI. in "Inter cetera" festgesetzt hatte. Sie wurde um rund acht Grad oder 270 Meilen nach Westen verschoben, so dass Brasilien fortan zur Einflusssphäre Portugals gehörte, was dann auch erklärt, warum in Lateinamerika hauptsächlich spanisch, in Brasilien aber portugiesisch gesprochen wird.

Die im Kontext von Tordesillas fragliche Schenkungs- beziehungsweise Teilungsbulle "Inter cetera" spielte in den bilateralen Beziehungen zwischen Spanien und Portugal keine Rolle: "Die Diplomatie ging einfach über 'Inter cetera' hinweg. Die Verhandlungen zwischen Madrid und Lissabon liefen weiter als sei nichts geschehen", so der Kirchenhistoriker Klaus Schatz. Nur so ist überhaupt zu erklären, dass man einfach mal die Teilungsbedingungen ganz erheblich änderte.

Im übrigen wirkte die Bulle auch nicht in das Verhältnis Spaniens zu Frankreich hinein, das nicht qua "Inter cetera" zur Neutralität und zur Aufgabe von Ansprüchen in Übersee bewegt werden konnte, sondern erst mit territorialen Zugeständnissen in Europa. So war Spanien bereit, Mailand an Frankreich abzutreten, damit Frankreich im Gegenzug auf Ansprüche in Amerika verzichtet. Hätte Spanien nicht mit der päpstlichen Bulle als verbindlichem Druckmittel gewuchert, wenn das möglich, wenn also diese Bulle rechtsverbindlich in den internationalen Beziehungen gewesen wäre? Warum Gebiete abtreten, wenn man Rechtsmittel hat, die durchschlagend sind? In Wirklichkeit hatte die Bulle "Inter cetera" aber keinerlei rechtliche Bindungskraft. Es zählten allein die von der staatlichen Diplomatie ausgehandelten Verträge.

Auch fühlte sich Spaniens katholisches Königspaar Isabel und Ferdinand an keine päpstliche Verlautbarung gebunden, mit der portugiesische Herrschaftsansprüche legitimiert werden sollten. Auf die "Schenkungsbulle" "Romanus pontifex" (1455), die keinen Passus zur Teilung enthielt, sondern mit der Papst Nikolaus V. lediglich Afrika an die Portugiesen "verschenkte", folgte nicht etwa zähneknirschendes Stillschweigen, sondern eine ernste Auseinandersetzung mit zahlreichen Gebietskonflikten, die erst mit dem Vertrag von Alcáçovas (1479) endete, der – wie bereits erwähnt – erstmals eine Interessenabgrenzung (Gebietsteilung) zwischen Spanien und Portugal enthielt, jenseits des Vatikan-Votums.

Also: Spanien und Portugal fühlten sich nicht an irgendwelche "Verteilungs- und Schenkungsbullen" gebunden, sondern haben immer eigene Verträge geschlossen, die zum Teil den päpstlichen Vorstellungen deutlich widersprachen. So geschehen im Vertrag von Alcáçovas, so geschehen im Vertrag von Tordesillas. Im Ergebnis bedeutet das: Spanien und Portugal ließen sich vom Papst am Ende des 15. Jahrhunderts nichts (mehr) sagen; die Kirche stand in der Machtpolitik außen vor. Die Conquista war mithin ein staatliches Projekt. Es ging um die politische Macht, die militärische Stärke und die wirtschaftliche Blüte Spaniens und Portugals. Die Grausamkeiten der Eroberer und die Versklavung vieler Millionen Menschen heute der Kirche, den Ordensgemeinschaften und ihren Missionaren anzulasten, verfängt nicht, wenn man die dargelegten rechtlichen Grundlagen bedenkt.

Bartolome de las Casas, Dominikaner und Bischof in den spanischen Kolonien.

Dominikaner-Opposition gegen Conquistadoren-Willkür

Wie aber sah es an der "Basis" und in der "Praxis" aus? Immerhin haben doch die Missionare von der Eroberung profitiert! Das ist richtig, doch die Mittel dazu, die gewaltsame Conquista previa (vorhergehende Eroberung), ist als Legitimationsfigur innerkirchlich hochumstritten. Während der Hofchronist Juan Ginés de Sepúlveda sie durch Thomas von Aquins Prinzip "Nam qui iure finem petit, is eodem iure adhibet omnia, quae pertinent ad finem" ("Denn wer mit Recht ein Ziel verfolgt, der hat auch ein Recht darauf, alles anzuwenden, was ihn dem Ziel näher bringt") bestätigt sieht, lehnen die Dominikaner Francisco de Vitoria und insbesondere Bartolomé de Las Casas die schnellere Verbreitung der christlichen Religion durch Gewalt und Zwangsmaßnahmen ab: Die Conquista previa sei eine grobe Missachtung der Anweisungen Christi zur Art der Verkündigung des Evangeliums (nach Mt 10, 5-15).

Vitoria und Las Casas finden durchaus Gehör bei ihren Zeitgenossen. Es gab eine regelrechte "Opposition von Dominikaner-Missionaren" (Gillner) gegen die Brutalität der Eroberer und die Indifferenz des spanischen Staates. Es waren vor allem die Missionare aus dem Predigerorden, die gegen die Politik ihrer Landsleute protestierten. Es waren die Missionare der Gesellschaft Jesu, die Schutzzonen deklarierten, ein Schritt, der an weltlichen Machtinteressen scheiterte. Und es waren Dominikaner und Jesuiten, die Universitäten gründeten und deren Angehörige sich für die autochthone Kultur interessierten und Wörterbücher, Chroniken sowie naturkundliche Abhandlungen verfassten. Ohne diese Zeugnisse wüssten wir heute kaum etwas über die präkolumbianischen Kulturen. Auch Wolfgang Reinhard ("Kleine Geschichte des Kolonialismus") hebt die "kolonialkritischen Stimmen der Missionare" hervor und würdigt deren Wirkung auf die spanische Krone, obgleich deren normativer Einfluss auf die Peripherie des Weltreichs begrenzt war.

Man hört oft, die Kirche habe mit der Kolonialisierung in Amerika einen "Völkermord" auf dem Gewissen. Nicht nur, dass es nicht die Kirche war, die kolonialisierte, nicht nur, dass es weniger ein "Völkermord" als vielmehr eine Dezimierung der Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten war, wird dabei oft vergessen, dass die Kolonialherrschaft neben der neuen Religion auch eine neue Kultur (Stichwort: Bildung) brachte, vor allem aber eine neue Moral, getragen von einem neuen Menschenbild. Die spanische Kolonialherrschaft brachte so unter anderem ein Ende der Menschenopfer – kein geringes humanitäres Problem im präkolumbianischen Amerika.

Der Comboni-Missionar Gregor Schmidt steht in einer Gruppe afrikanischer Männer.

Der Comboni-Missionar P. Gregor Schmidt mit Angehörigen des Hirtenvolks der Nuer im Südsudan.

Bis heute aktiv: Missionsorden in Amerika, Asien und Afrika

Entscheidend ist: Die Missionierung Amerikas kann nicht gleichgesetzt werden mit der Eroberung und Kolonialisierung Amerikas im 16. Jahrhundert. Ähnliches lässt sich über die Asienmission im 17. und 18. Jahrhundert sowie die zweite Welle der Afrikamission im 19. Jahrhundert sagen: Auch hier ist zwischen den Interessen der beteiligen Staaten, dem Handeln der Kolonialisten und dem Wirken der Missionsorden zu unterscheiden. Diese haben – von einzelnen Ausnahmen unseliger Machtkorruption abgesehen – den Menschen die Würde zurückgegeben, die staatliche Unterdrückung ihnen nahm. Kirchenmänner wie Daniele Comboni, Melchior de Marion-Brésillac oder Charles Martial Lavigerie legten den Grund, auf dem katholische Ordensleute bis heute Tag für Tag hunderttausenden Menschen in Afrika Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Arbeit verschaffen – und damit immer wieder aufs Neue vermitteln, was Kern der Christentums ist: die Liebe Gottes.

Von Josef Bordat

Der Autor

Josef Bordat studierte Wirtschaftsingenieurwesen, Soziologie und Philosophie mit anschließender Promotion. Er arbeitet als freier Publizist in Berlin.