Der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Februar 2014
Über manches "nicht informiert oder gar getäuscht" worden

Benedikt XVI. geht auf Distanz zu "Katholischer Integrierter Gemeinde"

Gegen die Gemeinschaft der "Katholischen Integrierten Gemeinde" wurden schwere Vorwürfe erhoben. Kirchlich anerkannnt hatte sie einst der Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI. Der distanziert sich jetzt.

Freiburg/Berlin/Vatikanstadt - 26.10.2020

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich von der Katholischen Integrierten Gemeinde (KIG) distanziert, zu der er jahrzehntelang enge Verbindungen unterhielt und die derzeit Gegenstand einer kirchlichen Untersuchung im Erzbistum München und Freising ist. Nach einem am Sonntagabend vorab verbreiteten Beitrag der "Herder Korrespondenz" erklärte Benedikt XVI., er sei offensichtlich "über manches im Innenleben" der Gemeinde "nicht informiert oder gar getäuscht" worden.

Laut einem Zwischenbericht der Münchner Visitatoren, der im Oktober 2019 publik wurde, zeigen Vorwürfe ehemaliger Mitglieder "über weite Strecken den Charakter von geistlichem Missbrauch" und ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit. Unter anderem heißt es: "Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien. Die Gemeindeversammlung entschied darüber, ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte oder sollte." Das Papier schildert ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit, in dem Widerspruch als Sünde gegen den Heiligen Geist dargestellt, Sanktionen auf Familienangehörige ausgedehnt und private Einkünfte für Gemeindezwecke beansprucht worden seien.

Wie ein Sprecher des Erzbistums München und Freising am Montag auf Anfrage mitteilte, haben die Visitatoren ihre Untersuchung inzwischen beendet. Auch ihr abschließender Bericht liege nun vor, mögliche Konsequenzen würden geprüft. Alle Mitglieder der KIG im Erzbistum seien ausgetreten. "Dadurch entzog sich das Gegenüber der Visitation", so der Sprecher.

In der "Herder Korrespondenz" erklärte Benedikt XVI., er habe die Gruppierung zu seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising kirchlich anerkannt, weil er sie zur Rechtgläubigkeit habe begleiten wollen. "Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden", so der frühere Papst. "Ich bedaure es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt."

Gemeinschaft will Aktivität einstellen

Vertreter der Gemeinde lehnten nach Angaben der "Herder Korrespondenz" eine Stellungnahme ab. Wie es in dem Beitrag weiter heißt, soll die Gruppe planen, ihre Arbeit "in einem neuen rechtlichen Gewand" fortzusetzen.

Die 1948 von dem Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher gegründete Gemeinschaft galt zeitweise als einer der hoffnungsträchtigsten Aufbrüche in der katholischen Kirche. Sie wollte nach eigener Darstellung "ein Ort für ein aufgeklärtes und unverkürztes Christentum" sein.

1978 wurde die Integrierte Gemeinde von den damaligen Erzbischöfen in Paderborn und München - Johannes Degenhardt und Joseph Ratzinger - kirchlich anerkannt und 1985 als öffentlicher Verein nach dem katholischen Kirchenrecht errichtet. Sie zog auch namhafte Theologen wie den Ratzinger-Schüler Ludwig Weimer und die Neutestamentler Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch (1936-2011) als Mitglieder an. (gho/KNA)

26.10., 18:15 Uhr: Ergänzt um Absatz 3.