München, Kirche, Liebfrauendom
Serie: Unsere Bistümer

Erzbistum München und Freising: Nach dem Neustart auf die Weltbühne

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Bistum Freising das Erzbistum München und Freising. Bald entwickelte es sich zu einer der bedeutendsten Diözesen Deutschlands und brachte einige Persönlichkeiten mit weltkirchlicher Geltung hervor. Nach wie vor kann es sich auf eine gläubige Basis stützen.

Von Matthias Altmann |  Bonn/München - 16.11.2019

Die bayerische Landeshauptstadt München ist eine von Deutschlands Metropolen und gilt auf internationalem Parkett als Weltstadt. Ihr Umland dagegen ist bayerisch-ländlich geprägt. Diese beiden Pole bestimmen auch die Münchener Erzdiözese. Zum einen ist sie eine der bedeutendsten Deutschlands, die in ihrer Geschichte einige Persönlichkeiten mit weltkirchlicher Geltung hervorgebracht hat. Zum anderen zehrt sie immer noch von Gegenden, deren Bewohner in der traditionell-katholischen Volksfrömmigkeit verwurzelt sind.

Dabei lagen die Anfänge des Erzbistums gar nicht in München, sondern rund 40 Kilometer weiter nordöstlich in Freising. Die heutige Millionenstadt hatte damals die Weltbühne noch gar nicht betreten. Freising hingegen wurde Anfang des achten Jahrhunderts eine Residenz der Agiloflinger, einem fränkischen Adelsgeschlecht, das im frühen Mittelalter die Herzöge von Baiern (so die damalige Schreibweise) stellte. Die Agilolfinger wollten ihrem Land eine feste kirchliche Struktur verpassen. Herzog Grimoald II. rief dazu um 720 den fränkischen Bischof Korbinian aus der Nähe von Paris an seinen Hof in Freising. Als dieser ankam, war bereits eine erste Domkirche an der herzoglichen Pfalz auf dem Freisinger Domberg errichtet worden.

Der Freisinger Dom "Dom St. Maria und St. Korbinian"

Vor dem Freisinger Dom steht eine Statue Ottos von Freising. Er war einer der bedeutendsten Bischöfe des Bistums Freising und galt zur Zeit Friedrich Barbarossas als bedeutendster Geschichtsschreiber.

Das Bistum Freising sah Korbinian, der bald nach seinem Tod als Heiliger verehrt wurde, von Beginn an als geistlichen Vater an. Er ist Schutzpatron des heutigen Erzbistums und wird jedes Jahr um seinen Gedenktag im November mit einem Fest auf dem Freisinger Domberg geehrt. Doch gegründet hat er das Bistum nicht – er leistete lediglich organisatorische Vorarbeit. Sein Tod kam ihm dazwischen. So oblag es schließlich keinem geringeren als Bonifatius, die Diözese Freising im Auftrag von Papst Gregor III. im Jahr 739 offiziell zu errichten – gemeinsam mit den Bistümern Salzburg, Regensburg und Passau.

Bereits kurz nach der Bistumsgründung wurde der Freisinger Domberg unter Bischof Arbeo (764-783) zu einem wissenschaftlichen Zentrum. Viele Klostergründungen förderten Kultur und Seelsorge. Doch im weiteren Verlauf des Mittelalters war das Bistum Freising besonders stark von kriegerischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen, wie etwa dem Investiturstreit, betroffen. Dennoch brachte die Freisinger Kirche auch in dieser schwierigen Phase immer wieder große Persönlichkeiten hervor. Die bedeutendste unter ihnen ist Bischof Otto I. (1138-1158). Er galt unter Kaiser Friedrich Barbarossa als bedeutendster Geschichtsschreiber seiner Zeit. 1294 wurde Freising schließlich zum Fürstbistum erhoben und erlangte somit als Hochstift auch die weltliche Souveränität.

Der Barock prägt bis heute

Während andere Gebiete im Süden Bayerns zumindest zeitweise die Folgen der Reformation zu spüren bekamen, konnten im Bistum Freising die Ideen Martin Luthers kaum Fuß fassen. Da nicht allzu großer Handlungsbedarf bestand, kamen die Reformgedanken des Tridentinischen Konzils erst mit dem Amtsantritt von Bischof Veit im Jahr 1618 zum Zug. Dessen komplette Amtszeit war allerdings von den Wirren und Gewaltexzessen des Dreißigjährigen Kriegs überschattet. Dafür erlebte das Bistum nach dessen Ende eine kulturelle Blüte. Verantwortlich dafür war die Architektur des Barock, die bis heute vielerorts in Oberbayern das Landschaftsbild prägt. Die Bischöfe engagierten die berühmtesten Künstler und Baumeister der Zeit, etwa die Asam-Brüder.

Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 1803 wurden die althergebrachten kirchlichen Strukturen zerstört. Somit waren auch die Tage des Bistums Freising gezählt. Napoleon erhob das bayerische Herrschergeschlecht der Wittelsbacher zum Königshaus; diese wollten Staats- und Kirchengrenzen in Übereinstimmung bringen und dafür eine bayerische Kirchenprovinz gründen – mit München, ihrer Residenzstadt, als Zentrum eines Metropolitanbistums. Dem ersten Wunsch kam die römische Kurie nach, dem zweiten nicht: Diese Struktur hätte nämlich Züge eines Landesbistums evangelischer Provenienz getragen. Daher einigte man sich, auch auf Druck aus Nordbayern hin, auf einen Kompromiss: Bamberg sowie München und Freising wurden zu Erzdiözesen mit dazugehöriger Kirchenprovinz erhoben. München und Freising bekam mit Augsburg, Regensburg und Passau drei Suffraganbistümer. Das Ganze wurde 1817 im bayerischen Konkordat festgehalten und trat schließlich 1821 in Kraft. Damals wurde auch das Gebiet festgelegt, das die Erzdiözese bis heute umfasst.

Das Foto wurde am 1.8.1932 aufgenommen.

Kardinal Michael von Faulhaber war während der NS-Zeit Erzbischof von München und Freising. Sein Verhältnis zum Hitler-Regime ist umstritten.

Bischofssitz war fortan München, die dortige Frauenkirche wurde die neue Kathedrale. Doch nicht nur wegen des Namens der neuen Erzdiözese geriet Freising nicht in Vergessenheit. Einerseits finden im dortigen Dom, der 1981 zur Konkathedrale erklärt wurde, bis heute die Priesterweihen statt. Andererseits wurde Freising bereits 1850 Sitz der bis heute existierenden "Freisinger Bischofskonferenz", dem Zusammenschluss der bayerischen Oberhirten und des Bischofs von Speyer. Letzterer ist nach wie vor aus historischen Gründen Mitglied des Gremiums: Die Pfalz, die quasi deckungsgleich mit dem Bistum Speyer ist, gehörte bis 1946 zu Bayern.

Mit der Erhebung zum Erzbistum änderte sich zunehmend die weltkirchliche Rolle der Münchener Erzbischöfe. So erhielten sie seit Beginn des 20. Jahrhundert bislang immer die Kardinalswürde. Der erste, dem diese Ehre zuteil wurde, war Franziskus von Bettinger (1909-1917). Dessen Nachfolger, Kardinal Michael von Faulhaber, stand dem Erzbistum 35 Jahre von 1917 bis 1952 vor. In seine Amtszeit fielen die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg. Seine Rolle gegenüber dem Hitler-Regime war ambivalent. Während er die nationalsozialistische Ideologie ablehnte, zeigte er sich in vielen Predigten und Reden loyal bis wohlwollend gegenüber den staatlichen Autoritäten. Doch spätestens, als er 1937 auf Wunsch von Papst Pius XI. die Enzyklika "Mit brennender Sorge" entwarf, in der der Vatikan in deutscher Sprache den Nationalsozialismus verurteilte, geriet er in immer schärferen Gegensatz zu den Machthabern – obwohl er sich auch danach nie gänzlich von ihnen distanzierte.

Ein Münchener Ex-Erzbischof wird Papst

Von 1961 bis 1976 stand Julius Döpfner an der Spitze des Erzbistums München und Freising. Er war einer von vier Moderatoren des Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) und ab 1965 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Döpfner war es, der mit Elan und Nachdruck die Reformideen des Konzils im Erzbistum etablierte. Doch sein hohes Arbeitspensum forderte seinen Tribut, sodass er im Alter von knapp 63 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Sein Nachfolger wurde ein gewisser Joseph Ratzinger, der sich als Dogmatikprofessor hohes wissenschaftliches Ansehen erworben hatte. Seine Amtszeit war mit viereinhalb Jahren relativ kurz – was daran lag, dass er von Papst Johannes Paul II. als Präfekt der Glaubenskongregation an die römische Kurie berufen wurde. Der Rest ist bekannt: Jener Ratzinger wurde 2005 zum Papst gewählt und ist seither besser bekannt als Benedikt XVI.

Nach der über 25-jährigen Amtszeit von Kardinal Friedrich Wetter, der Benedikt XVI. bei seiner Deutschlandreise 2006 in München begrüßen durfte, wurde Reinhard Marx 2008 an der Erzbischöflichen Stuhl berufen. Auch er spielt über sein Bistum hinaus eine große Rolle in der Kirche – seit 2014 als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und als einer der Berater von Papst Franziskus in Sachen Kurienreform.

Papst Benedikt XVI. winkt vom Balkon auf den Petersplatz.
Bild: © KNA

Kardinal Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI., war von 1977 bis 1981 Münchener Erzbischof.

Das Erzbistum München und Freising kann sich nach wie vor auf eine relativ breite Basis von Gläubigen stützen. Auf dem Gebiet leben etwa 1,7 Millionen Menschen, was Rang fünf im innerdeutschen Vergleich bedeutet. Vor allem in ländlichen Regionen wie dem Alpenland gibt es nach wie vor ein reges katholisches Leben – mit kirchlichen Vereinen, Wallfahrten und anderen religiösen Bräuchen. Doch die grundlegenden Herausforderungen der Kirche in Deutschland stellen sich auch in einer Gegend, die immer noch stark von Katholizismus geprägt ist. So werden im Erzbistum München und Freising Modelle zur Leitung von Pfarreien erprobt, beispielsweise Teams aus haupt- und ehrenamtlichen Nicht-Priestern. Und auch, wenn das Erzbistum finanziell immer noch gut dasteht: In Zukunft müsse man sich auf Sparmaßnahmen einstellen, verkündete jüngst der scheidende Generalvikar Peter Beer.

Doch bei allen Problemen dürfe die Kirche nicht als "Zitadelle" betrachtet werden, "die vor drohenden Feinden verteidigt werden" müsse, sagte Kardinal Marx einmal. Die Kirche habe die Aufgabe, Horizonte aufzureißen, "nicht die Hoffnungslosigkeit der Welt zu verdoppeln". Sie sei "gerufen, Zeuge der Hoffnung zu sein für alle Menschen, Gläubige und Ungläubige, Einheimische und Zugereiste". In diesem Sinne wird das Erzbistum München und Freising weiter seinen Beitrag für ein christlich geprägtes Bayern leisten – und auch für die katholische Welt.

Von Matthias Altmann