Pater Peter Linster SJ vor der Bürgersaalkirche in München
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"Er wäre der richtige Mann gerade für unsere jetzige Zeit"

Vizepostulator: Für Heiligsprechung Rupert Mayers fehlt ein Wunder

Heute vor 75 Jahren starb in München der Jesuit Rupert Mayer. 1987 sprach Papst Johannes Paul II. den "Sozialapostel" im Münchner Olympiastadion selig. Im Interview spricht Vizepostulator Pater Peter Linster über die Chancen für eine Heiligsprechung.

Von Barbara Just (KNA) |  München - 01.11.2020

Für viele Gläubige in München ist das Grab des Jesuiten Rupert Mayer (1876-1945) ein wichtiger Ort. Als Präses der Marianischen Männerkongregation und Seelsorger im Bürgersaal ist Pater Peter Linster für den Ort zuständig. Im Interview spricht er darüber, wie Gläubige während der Corona-Pandemie das Grab besuchen konnten und was Papst Franziskus von Pater Mayer hält. 

Frage: Pater Linster, seit Jahren bemüht sich der Jesuitenorden um eine Heiligsprechung von Pater Rupert Mayer. Woran hakt es?

Linster: Zuerst muss ich sagen: Pater Rupert Mayer wird weiterhin hochverehrt. Ich erlebe jeden Tag in der Innenstadt den Zulauf zu seinem Grab in der Unterkirche der Münchner Bürgersaalkirche und das darin zum Ausdruck kommende Vertrauen der Menschen in ihn. Für seine Heiligsprechung fehlt aber nach wie vor ein medizinisches Wunder. Darüber habe ich vor ein paar Jahren auch mit Papst Franziskus gesprochen, als ich mit ihm im Vatikan zusammentraf. Auch er hat das bestätigt.

Frage: Wie organisieren Sie in Corona-Zeiten den Besuch der Gläubigen an Mayers Grab?

Linster: Während des Lockdown war die Kirche aus Sicherheitsgründen geschlossen. Am 4. Mai haben wir mit den täglichen Messfeiern unter den entsprechenden Richtlinien wieder begonnen. Die Leute waren so was von dankbar! Viele Menschen nahmen viel auf sich und waren schon in der ersten Woche da, und sie kommen weiter. Die berühmte Büste von Mayer durfte zudem lange nicht berührt werden wegen der Ansteckungsgefahr.

Frage: Wie händeln Sie dies jetzt?

Linster: Seit Oktober ist dieser Brauch wieder gestattet. Die Büste wird regelmäßig desinfiziert. Als Präses der Marianischen Männerkongregation und Seelsorger im Bürgersaal werde ich oft gefragt, wann die Pandemie vorbei sei, und wir wieder ein normales Leben führen können. Dann sage ich: Niemand kann das beantworten. Was wir tun können, ist beten, und was wir mit Rücksicht auf die besonders gefährdeten Menschen tun müssen, ist, die Hygienevorschriften beachten.

Frage: Feiern Sie die Gottesdienste in der Unterkirche oder nur oben im größeren Gotteshaus?

Linster: Jeden Mittwoch ist in der Unterkirche um 7.30 Uhr Heilige Messe. Da ist unter den gegenwärtigen Vorschriften Platz für acht bis zehn Leute. Bei größeren Anlässen wie dem Herz-Jesu-Freitag, der bei uns auf viel Zuspruch stößt, finden dann die meist über 100 Gläubigen mit Abstand eine Sitzmöglichkeit. Der Gottesdienst wird von oben nach unten übertragen.

Erkennungsdienstliches Foto der Polizei von Pater Rupert Mayer SJ

"Selbst wenn er beleidigt wurde oder, wie man heute sagen würde, dumm angemacht wurde, blieb er freundlich", sagt Pater Peter Linster über Rupert Mayer. "Aber er war auch ein Mann mit Kanten."

Frage: Wie wird das hinter dem Grab vor einigen Jahren eingerichtete kleine Museum angenommen?

Linster: Die Leute gehen da gern durch. Es ist ein Kleinod, das zum einen kunstvoll gefertigte, liturgische Gewänder der Marianischen Männerkongregation und andere Kunstwerke zeigt. Und dann ist da die Schau über das Leben und Wirken von Pater Mayer. Zu seinem 75. Todestag am 1. November wird eine zusätzliche kleine Schau über ihn dort durch Kardinal Reinhard Marx eröffnet werden. Zuvor aber, so ist es geplant, findet in Sankt Michael ein Gedenkgottesdienst mit dem Kardinal, dem Jesuitenprovinzial Jan Roser und mir statt, sowie anschließend ein Gebet am Grab Mayers.

Frage: Was hält Franziskus von seinem Ordensbruder Mayer?

Linster: Für ihn ist er ein leuchtendes Vorbild. Der Papst weiß sehr wohl, was Pater Rupert Mayer den Menschen bedeutet. Die klare Entschiedenheit, mit der Mayer den Menschen begegnet ist, die hat er mit Franziskus gemein. Auch dieser spricht, wie gerade erst in seiner neuen Enzyklika "Fratelli tutti", mit einer klaren Sprache. "Rupi" – wie ich meinen seligen Mitbruder gern nenne – hatte zudem immer ein Ohr für die Menschen. Selbst wenn er beleidigt wurde oder, wie man heute sagen würde, dumm angemacht wurde, blieb er freundlich. Aber er war auch ein Mann mit Kanten.

Frage: Was hat Mayer geprägt?

Linster: Auf alle Fälle die Eltern. Die Mutter, die ihn überlebte, hat ihn bis zuletzt in seiner Arbeit für die Armen unterstützt. Er kam ja aus gutem Hause, wurde erst Priester der Diözese Rottenburg und trat danach in den Jesuitenorden ein.

Frage: Apropos Jesuiten. Denken Sie, der Papst hat als Jesuit bezüglich der Heiligsprechung Bedenken, weil er nicht ein Mitglied seines Ordens bevorzugen möchte?

Linster: Das glaube ich nicht. Er macht stets das, was er für sich verantworten kann. Da bleibt er sich treu. Er hat keine Angst. Der geht seinen Weg. Genauso wie Mayer ist er von der ignatianischen Spiritualität und den Exerzitien geprägt. Das merkt man, wenn er spricht und seine Anbetungen hält. Wenn er dabei einnickt, macht das nichts. Denn der Herr schaut mich an, wie Franziskus es erklärt. Das ist die Kraft des Betens. Einfach mal zur Ruhe kommen.

Frage: Worin ist Pater Mayer ein Vorbild?

Linster: Darin, wie er die Dinge beim Namen nennt. Bestimmte Kreise haben momentan großen Zulauf. Mayer wusste, dass Menschenwürde für alle gilt. Er hat sich in München vor und nach dem Ersten Weltkrieg für die vielen Zugezogenen vom Land eingesetzt, für die Armen und die Einsamen.

Frage: Von ihm stammen die Worte: "Wer Katholik ist, kann nicht Nationalsozialist sein." Was würde er heute sagen?

Linster: Wer Katholik ist, kann keine populistische und angstmachende Bewegung oder Parteien von rechts oder links unterstützen. Pater Rupert Mayer war ein leuchtendes Beispiel für den Widerstand gegen die Nazis und Kommunisten. Er war bereit, sein Leben für den Glauben und für die besonders Benachteiligten zu geben. Vielleicht wäre aus ihm ein Märtyrer geworden. Aber aus Gehorsam dem Ordensoberen gegenüber ging er, auch wenn es ihm wehtat, nach Kloster Ettal. Die Jesuiten wollten den scharfen Prediger aus der Schusslinie nehmen. Ich sichte gerade weitere Unterlagen für die Heiligsprechung. Vielleicht geht es ja doch ohne Wunder. Pater Rupert Mayer wäre der richtige Mann gerade für unsere jetzige Zeit.

Von Barbara Just (KNA)