Drei Diakone der Piusbruderschaft empfangen in Zaitzkofen das Sakrament der Priesterweihe.
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Ein Rückblick

Zwischen Schisma und Annäherung: Die Piusbruderschaft wird 50

Heute vor 50 Jahren gründete Erzbischof Marcel Lefebvre die "Piusbruderschaft" als Bollwerk gegen Modernisierung in der katholischen Kirche. Das Verhältnis der Traditionalisten zum Vatikan hat sich seitdem oft gewandelt.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Bonn/Econe - 01.11.2020

Am 1. November begeht die traditionalistische "Priesterbruderschaft St. Pius X" den 50. Jahrestag ihrer Gründung 1970 – damals noch mit kirchlicher Genehmigung. Fünf Jahre später wurde die kirchenrechtliche Anerkennung widerrufen, weil Lefebvre eigenmächtig Priester geweiht hatte.

Worum ging es damals? Die weltweite Einführung der neuen, volkssprachlichen Messfeier (und zugleich das Verbot der alten Form) 1969 war der Wendepunkt für all jene, die an den überlieferten Riten und der alten katholischen Lehre festhielten. Die "Piusbruderschaft" mit ihrem Seminar in Econe wurde zum Sammelbecken für alle, die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ablehnten, bei dem Lefebvre Wortführer der überstimmten Minderheit war. 

Papst Paul VI. suspendierte Lefebvre 1976 vom Bischofsamt. Er hatte erkannt, dass in Econe eine Keimzelle einer Spaltung heranwuchs: Die dort ausgebildeten Priester – zunächst war es nur eine Handvoll, doch es wurden rasch mehr – nahmen die Beschlüsse des Konzils nicht an. Es drohte eine "Kirche in der Kirche" zu entstehen. 

Lefebvre ging auf volle Konfrontation

Johannes Paul II. versuchte, Anfang der 80er Jahre den Traditionalisten entgegenzukommen – und gestattete die Feier der Alten Messe für bestimmte Orte und Gelegenheiten. Und er beauftragte den deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger, Gespräche mit den Traditionalisten zu führen, um dogmatische Streitpunkte aus dem Weg zu räumen. Doch ein ausgehandelter Kompromiss wurde von Lefebvre in letzter Minute verworfen. 

Nun ging der 83-Jährige auf volle Konfrontation. Am 30. Juni 1988 weihte er vier Männer zu Bischöfen – gegen ein Veto des Papstes – und zog damit die Tatstrafe der Exkommunikation auf sich und die vier neuen Bischöfe. Die "Lefebvrianer" wurden nun weithin als Schismatiker angesehen, also als eine Gruppierung, die mit der katholischen Kirche gebrochen hat. Die Piusbruderschaft selbst betrachtete die Exkommunikation als unwirksam und sich selbst als Teil der katholischen Kirche.

Marcel Lefebvre hält eine Rede.
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Er war Wortführer einer überstimmten Minderheit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil: Erzbischof Marcel Lefebvre.

Kirchenrechtlich blieb der Status ihrer Bischöfe und Priester unklar. Das galt auch für die Gläubigen, die von ihnen die Sakramente empfingen. Die Bischofsweihen, die Lefebvre spendete, waren verboten, aber gültig. Das gilt auch für die Priesterweihen durch die Bischöfe, die er geweiht hatte. Und so waren auch die von ihnen gespendeten Sakramente gültig. Es entstand eine in der Nachfolge der Apostel stehende Gruppierung von Bischöfen und Priestern, die dem Papst den Gehorsam verweigerte.

Und diese Gruppe wuchs. Sie unterhält heute sechs Priesterseminare auf drei Kontinenten, zählt mehr als 650 Priester und feiert Gottesdienste in Hunderten Kirchen und Kapellen. Unter ihrem langjährigen Oberen, dem Schweizer Bernard Fellay, gelang ihr eine Wiederannäherung an Rom mit theologischen Gesprächen auf höchster Ebene. Benedikt XVI., der schon als Kardinal beinahe den Kompromiss geschafft hatte, kam ihnen als Papst erneut entgegen: 2007 ließ er die Messe in der alten Form weltweit wieder zu; 2009 hob er die Exkommunikation für die von Lefebvre geweihten Bischöfe auf.

Denken des Gründers hat weiterhin seine Ausstrahlung

Die theologischen Gespräche versandeten jedoch abermals. Und so befindet sich die Piusbruderschaft zwar nicht mehr im radikalen Schisma mit der katholischen Kirche, aber sie gehört auch nicht ganz dazu. Papst Franziskus, der ihre Theologie schärfer ablehnt als seine Vorgänger, hat sich barmherzig gegenüber ihnen gezeigt. So hat er etwa die Gültigkeit der Beichte und der Eheschließungen bei Priestern der Piusbruderschaft ausdrücklich anerkannt.

Dieses Entgegenkommen hindert die Lefebvre-Nachfolger nicht daran, moraltheologische und kirchenpolitische Öffnungsversuche des Papstes scharf zu kritisieren. In jüngster Zeit hat sich der Ex-Vatikandiplomat Erzbischof Carlo Maria Vigano Positionen der Piusbruderschaft angenähert. Ob er sich ihnen anschließen wird, ist noch ungewiss. Doch das Denken ihres Gründers Lefebvre, der die Kirche durch Beharrung auf alten Traditionen vor den Irrtümern der Moderne retten wollte, scheint weiter eine gewisse Ausstrahlung auf eine katholischen Minderheit zu haben.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)