Was die Kirche von der US-Wahl lernen kann
Dogmatiker Sander über zwei alte Kulturtechniken

Was die Kirche von der US-Wahl lernen kann

Debatte - Bei der US-Wahl hätten die Briefwahlstimmen über Twitter und Behauptungen gesiegt, schreibt Hans-Joachim Sander. In der Kirche fehlt ihm die Fähigkeit, sich untereinander über Glaubensfragen abzustimmen. Dafür könne die Wahl ein Vorbild sein.

Von Hans-Joachim Sander |  Salzburg - 12.11.2020

Die letzte Wochen waren für politisch interessierte Zeitgenossen spannender als Krimis. Schließlich waren genug an Briefwahlstimmen in den umkämpften Staaten ausgezählt, um die Gesamttendenz bei den US-Wahlen zu bestätigen. Joe Biden wird der nächste Präsident der USA, Donald Trump ist abgewählt.

Man mag sich die Augen reiben, aber hier haben sich zwei ziemlich alte Kulturtechniken gegen angesagte moderne Kommunikationstaktiken durchgesetzt. Briefe und Auszählen haben über Twitter und Deklamieren gesiegt. Es ist sehr lehrreich über den christlichen Glauben. Schließlich liegt seine Basis in Briefen vor, aber er fremdelt mit dem Auszählen. Zugleich steht er an einem Scheideweg, ob er sich nicht doch mehr auf den Deklamier-Habitus des zweiten Paares einlassen soll. Aber langsam, beginnen wir beim Anlass für diese Differenz.

US-Bürger sind Wähler und keine Follower

Donald Trump war der politische Twitter-König dieser Welt, dessen Tweets von vielen bejubelt und von noch mehr gefürchtet werden. Sie waren seine Technologie der Macht, um die aus einer mehr als 200 Jahre alten Demokratie eine populistische Präsidialautokratie zu machen. Wenn Trump mit einem Tweet Tage nach der Wahl äußert, er habe die Wahl gewonnen und zwar mit Abstand, dann sieht das so aus, als berichte er eine Nachricht. Aber das tun Tweets nicht; sie äußern Befindlichkeiten, keinen Befund. Es können Befindlichkeiten sein über Tatsachen, die gerade bekannt wurden, oder auch Wut oder Erschrecken darüber.

Der erwähnte Trump-Tweet deklamiert eine Befindlichkeit, die wütend gegen den Befund aus dem Zählen der Stimmen vorgeht. Er ist die Ansage von Widerstand gegen den Wahlsieg des Kontrahenten. Aber die mehr als 70 Millionen US-Bürger, die für Trump gestimmt haben, sind keine Follower, sondern Wählerinnen und Wähler, deren erklärter Wille für die Verlängerung dessen Präsidentschaft nun verloren hat. Dieser Vorgang, dass der deklarierte Wille der Minderheit gegenüber dem der Mehrheit verliert, ist in einer Demokratie von unschätzbarem Wert; eine Minderheit kann keinen Sieg reklamieren, bloß weil sie nicht verlieren kann. Nichts ist erbärmlicher als ein Wahlverlierer, der die eigene Niederlage nicht deklariert, sondern empört Betrug und Sieg reklamiert, die es aufgrund der Auszählung nicht gibt.

Dogmatiker Hans-Joachim Sander
Bild: © Privat

Hans-Joachim Sander ist seit 2002 Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.

Das legt eine elementare Struktur im Glauben frei: Soll man Deklamationen seiner Großartigkeit oder Deklarationen seiner Positionen den Vorzug geben? Zwischen beiden besteht ein feiner Unterschied, was eine grundlegende Differenz bedeutet. Um beides wird im christlichen Glauben derzeit heftig gerungen. Der christliche Glaube ist auf Briefe gebaut, jene des Paulus, die aufgrund ihres großen Erfolgs die anderen Literaturmodi des Neuen Testaments auslösten. In diesen Briefen deklariert sich Paulus als Christusgläubiger und auch seine weiteren Positionen folgen diesem Habitus wie Rechtfertigung und Gnade, Erlösung durch das Kreuz und die vom Geist abhängigen Charismen und viele andere mehr. Sie werden weder als großartig deklamiert noch als unschlagbar reklamiert, sondern Schritt für Schritt theologisch entwickelt.

Auch das Lehramt äußert sich im Deklamationshabitus

Seit einigen Jahrzehnten treten aber erfolgreich charismatische und pfingstlerische Christen auf, die an die Stelle der freimütigen Deklaration des Glaubens gegenüber anderen die gläubige Deklamation einer befreienden inneren Erhebung stellen. Sie setzen auf Befindlichkeiten statt Befunde. Sie reklamieren einen Geist, der sie gegenüber anderen bevorzugt, weil er sie und nicht die anderen erhebt. Es ist nicht so, als ginge das an der katholischen Kirche vorbei. Unter manchen ihrer neuen geistlichen Gemeinschaften findet sich auch der Deklamationshabitus und selbst das Lehramt äußert sich neuerdings mit ihm. So hat die Kleruskongregation aus heiterem Sommerhimmel Deklamationen über die singuläre Stellung des Priesters geäußert, die den von Bischöfen, Laien und Synoden mühsam erklärten Willen auf Veränderung in deutschen Diözesen und im Synodalen Prozess ausbremsen sollen. Und auch die jüngste Reklamation vergangener Einschätzungen anderer christlicher Kirchen durch die Glaubenskongregation lässt sich kaum als eine Deklaration stehender Wahrheiten über die Ökumene behaupten.

Das Ringen zwischen diesen beiden sehr verschiedenen Habitus wurde bei der US-Wahl durch die analoge Kulturtechnik des Zählens nach demokratischer Abstimmung entschieden. Ausgerechnet damit hat die Kirche noch ihre Schwierigkeiten. Aber wenn sie aus dem gegenwärtigen Hickhack zwischen überzeugter deklamatorischer Gläubigkeit und für den Glauben überzeugend deklarierbare Positionen herausfinden will, wird sie auf die Kulturtechnik des Auszählens nach Abstimmungen zurückgreifen müssen. Es ist an der Zeit, nicht nur für Bischöfe in Konzilien, sondern für alle getauften und gefirmten Christinnen und Christen Anlässe, Orte und Techniken zu entwickeln, um sich untereinander in aller Freiheit über ihren Glauben in strittigen Fragen abzustimmen. Deklamationen über angebliche Glaubenstraditionen, die zudem nur verschwindende Minderheiten hinter sich bringen, genügen nicht mehr, gleich wie sehr sie sich in Gewand zeitgenössischer Digitaltechniken präsentieren. Der immer massiver werdende Streit in Glaubensfragen nötigt dazu, nachvollziehbar herauszufinden, womit gläubige Menschen bereit und willens sind sich zu identifizieren und die eigene Existenz dafür zu deklarieren.

Von Hans-Joachim Sander

Der Autor

Hans-Joachim Sander war von 1997 bis 2002 als Privatdozent an der Universität von Würzburg und von 1998 bis 2002 sowohl in Eichstätt als auch in Salzburg tätig. Seit 2002 ist er Professor für Dogmatik in Salzburg.