Gottesdienst in der Corona-Krise
Dogmatiker Sander über die Pastoralmacht des Staates und der Kirche

Die Kirche lernt erst in der Krise den Lebensraum des Menschen kennen

In der Corona-Krise geht es darum, sowohl das Wohl des individuellen Subjektes als auch der Gemeinschaft im Blick zu haben. Dem Staat gelingt das aktuell besser als der katholischen Kirche, glaubt der Dogmatiker Hans-Joachim Sander. Warum das so ist, schreibt er im Gastbeitrag für katholisch.de.

Von Hans-Joachim Sander |  Salzburg - 03.04.2020

Manchmal offenbaren erst Krisen etwas, das man nicht sehen wollte, obwohl es schon vorher offenkundig geworden war. Mit einem solchen Momentum sucht uns die Corona-Krise heim. Mit uns sind diejenigen gemeint, die sich mit dem Glauben und der Kirche identifizieren, aber sich fragen müssen, wo ihr spezifischer Ort in den außergewöhnlichen Entwicklungen dieser Tage ist. Mit dem, was offenbar geworden ist, meine ich die Bedeutung jedes einzelnen Menschen, die durch die derzeit unvermeidliche soziale Distanz täglich außerordentlich wächst, aber zugleich ausgerechnet jetzt nicht durch Gemeinschaft ersetzt werden kann, obwohl viele sich danach sehnen. Die Unsicherheit über den kirchlichen Ort wie die offenkundige Bedeutung des einzelnen Menschen sind ebenso verdrängt wie verschämt gewesen in der katholischen Kirche. Ausgerechnet die Politik und der Staat treffen beides derzeit mit einer Sicherheit, die auf den ersten Blick erstaunlich ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beides mit einem Satz verbunden: "Niemand ist verzichtbar, alle zählen." Das ist eine schon fast religiös anmutende Botschaft und doch hat sie einen primär politischen Ort. Aber es ist nicht die Kirche, die diese politische Theologie repräsentiert; sie hat eine säkulare Natur. Der Satz handelt mit der Macht einer Fürsorge, die mit Disziplinierungen einhergeht, welche sich schließlich durch Selbstdisziplinierungen vollendet. Die negative Formulierung ist meines Erachtens signifikant; denn die positive Entsprechung, dass auf niemand verzichtet werden kann, steht nicht so einfach zur Verfügung. Sie hängt von der Selbstdisziplinierung ab, über die nur jede Person selbst entscheiden kann. Es kommt auf jeden Menschen an, um diese Pandemie nachhaltig abzuflachen, damit sie sich nicht zur Großkatastrophe im Gesundheitssystem und weiter in die Gesellschaft auswächst. Und zugleich ist das, was jede und jeder von uns in dieser Situation an sozialem Abstand dafür tut, ein tatsächlicher Dienst an allen.

Der Staat beansprucht die Pastoralmacht stark

Das scheint eine verkehrte Welt zu sein, aber es ist ein schon sehr lange bekanntes Muster. Es handelt sich um Pastoralmacht. Für ihren Gebrauch gilt, zugleich alle im Blick zu haben wie jede einzelne Person und beides auch noch so zu tun, dass das Wohl sowohl des individuellen Subjektes wie der übergeordneten Gemeinschaft verfolgt wird. Es verbietet sich dieser Macht, bloß auf das Glück der größtmöglichen Zahl hin zu agieren, für das dann Opfer unter weniger Glücklichen in Kauf genommen werden – also jene Strategie, die ursprünglich die Regierung von Boris Johnson verfolgt hatte, als sie auf das möglichst schnelle Herstellen von Herdenimmunität setzte und deshalb den Leuten keine Massenevents verbot. Auch der Profifußball spielte noch unter dieser Matrix, als längst aus Asien klar war, wie gefährlich sie sich auswachsen kann. Bei der Pastoralmacht verbietet sich dieses Kalkül, vielmehr muss den Gegensatz zwischen dem Wohl aller und dem Wohlergehen jedes Einzelnen strikt vermeiden, wer sie gebrauchen will.

Der Staat hat eine solche Pastoralmacht und beansprucht sie derzeit stark; auch die Kirche beansprucht sie, aber hat sie gerade derzeit nicht. Diese Diskrepanz spielt sich auf offener Bühne ab und das hat theologisch etwas Atemberaubendes jenseits von Covid-19. Im Zentrum dieser Differenz stehen Sonderinteressen. Werden sie verfolgt, dann ist Pastoralmacht nicht zu haben, sondern wird sich vielmehr gegen das Verfolgen dieser Interessen scharf wenden. Das Wohl des einzelnen Individuums ist kein Sonderinteresse, wenn es in keinen Gegensatz zu dem aller steht; das gilt entsprechend auch umgekehrt. Das haben die katholischen Bischöfe wie auch die hohen Repräsentanten der protestantischen Kirchen auch verstanden, als sie ohne Murren und mit viel organisatorischem Aufwand die Vorgaben des Staates für die Bewältigung der Krise akzeptiert haben, die sie betreffen, und nun umsetzen. Auch das kommt nicht von ungefähr. Schließlich hat diese Form von Macht die Kirche vielleicht schon während, auf jeden Fall aber nach dem Ende der Antike selbst entwickelt, so die Analyse von Michel Foucault, der Pastoralmacht als erster ausführlich analysierte. Von der Macht der Pastoren über die ihnen anvertraute Herde der Gläubigen hat sie sich dann in der Moderne auf die sogenannte Gouvernementalität besonders der Sozialstaaten erweitert.

Dogmatiker Hans-Joachim Sander
Bild: © Privat

Hans-Joachim Sander ist seit 2002 Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.

Die Stärke dieser Macht im demokratischen Staat hatten wir bisher so noch nicht gekannt. Die soziale Distanz wird den Bewohnerinnen und Bewohner aller europäischen Staaten mit Nachdruck verordnet, weil das zum Wohl aller wie aller Einzelnen ist. Wenn die so zugemutete Selbstdisziplinierung nicht genügend greift, werden Ausgangssperren eingerichtet und durchgesetzt. Nebenbei gesagt ist auffällig, dass Ausgangssperren zuerst in kulturell stark vom Katholizismus geprägten Staaten eingerichtet wurden – Italien, Österreich, Spanien, Belgien und innerhalb der Bundesrepublik eben Bayern und Saarland. Es sei dahingestellt, ob hier mehr der katholische Hang zum Autoritären durchschlägt oder der bekannten Chuzpe des Katholischen in Rechnung getragen wird, Moral- und Ordnungsansagen zunächst einmal mit Schlupflöchern zu entgehen. Bei protestantischem Hintergrund wird Selbstdisziplinierung bevorzugt, was dann aber auch schnell mit Kontaktverboten verstärkt wird.

Jedenfalls erlauben die Staaten sich und anderen keinen Gegensatz zwischen dem Allgemeinwohl und den Spezialinteressen der Einzelnen, weil das letzte mit dem ersten identifiziert werden kann. Es gehe schließlich um Leben und Tod, wie die politisch Verantwortlichen betonen und wie es in Italien und Spanien auch mit Händen zu greifen ist. Wer mit Sinn und Verstand will dieser Pastoralmacht Widerstand leisten? Wer sich selbst disziplinieren kann, wird das nicht tun. Und wer es trotzdem versucht, wird zur individualisierten Selbstdisziplinierung in diesen Zeiten diszipliniert werden. Das ist Pastoralmacht pur.

Kirche hat noch immer Hang zu Sonderinteressen

Trotz aller offiziellen Zustimmung der Diözesen zu den einschneidenden Maßnahmen lässt sich in der katholischen Kirche immer noch ein Hang beobachten, von Sonderinteressen nicht abzulassen. Das zeigte sich in den späten Absagen von Gottesdiensten, den Diskussionen über die besondere Frömmigkeit der Mundkommunion oder dem Schwadronieren darüber, dass Corona eine Strafe Gottes für mangelnden Glauben ist. Ich bin gespannt, wann wir die ersten Berichte von verschämten heimlichen Messen trotz Gottesdienstverbot lesen müssen, und das dann als Recht auf Religionsfreiheit reklamiert bekommen. Das sind nicht nur Ausreißer, sondern Ausdruck eines Musters, das sich in der katholischen Kirche nicht so leicht abstellen lässt.

Es fällt katholisch geprägten Menschen offenbar nicht so leicht, sich einer Pastoralmacht unterzuordnen, die eine säkulare Abwehr von Unheil verfolgt. Wo kommt das her? Meines Erachtens resultiert es aus einem Erschrecken, das jetzt nochmals verschärft wird, weil es nun alle gläubigen Katholiken erreicht. Wir Gläubigen wurden lange dazu angehalten, den eigenen Glauben, die eigene Kirche, die eigenen Priester immer als Teil der Lösung anzusehen. So bin ich im katholischen Milieu groß geworden, so habe ich Theologie studiert, so habe ich selbstverständlich professionell Theologie getrieben. Doch mit den Missbrauchsskandalen wurde klar, dass übergriffige Priester, vertuschende Kirche und sich selbst erhebender Glaube das Problem sind. Es betraf jedoch offenkundige Verbrechen, von denen sich die Nicht-Verstrickten distanzieren konnten. Jetzt aber betrifft es vieles von dem, was Glaube, Kirche, Priester üblicherweise tun, wenn sie praktizieren, und woran sich Gläubige normalerweise selbstverständlich beteiligen.

Themenseite: Die theologische Debatte auf katholisch.de

Ob Missbrauchs- oder Corona-Krise, der Umgang mit Homosexuellen oder die Gleichberechtigung von Frauen: Wie steht es um die Gegenwart und die Zukunft der katholischen Kirche? Darüber diskutieren Theologinnen und Theologen regelmäßig auf katholisch.de.

Wir Katholiken hielten die eigene Sonderwelt wie selbstverständlich für das, was – wenigstens im Prinzip – dem Allgemeinwohl entspricht, ja sogar, was dieses allgemeine Wohl benötigt, um sich gut und heilvoll zu entwickeln. Das war der katholische Modus von Pastoralmacht, so dass kein Wohl aller das Katholische zu relativieren vermochte; schließlich war es in ihm geborgen. Dem ist aber nun nicht mehr so und dieser Relativierung muss man auch als gläubiger Katholik ins Auge sehen. Sie wird nicht aufhören mit einer Pandemie und sie wird nicht mit einem Rückbau staatlicher Pastoralmacht vergehen, die dann reumütig wieder Gottesdienste als öffentliche Daseinsvorsorge empfehlen würde. Das wird sie nicht; sie wird genug Geschmack an sich selbst gefunden haben, wenn das alles vorüber sein wird. Daher wird sich viel eher die Erfahrung auf relativ breiter Front einstellen, dass für einen oder eine selbst das, was üblicherweise in der Kirche geschieht, so notwendig dann doch nicht ist, dass es über Sonderinteressen hinausgeht.

Der Grund liegt darin, dass in der katholischen Pastoralmacht der notwendige andere Pol nur reduziert präsent ist, also das Wohl der und des Einzelnen. Darum kann sich diese Pastoralmacht so schlecht in Krisenzeiten einbringen; ihr fehlt es an Glaubwürdigkeit, weil sie das spezifisch individuelle Wohl nur in einem größeren Ganzen respektiert. Das, was der katholischen Kirche nun auf breiter Front bevorsteht, ist die Entdeckung eines für sie noch weitgehend unbekannten Kontinents. Es handelt sich um den Lebensraum des individuellen Menschen, der für sie nicht einfach ableitbar ist und zudem meistens auf eher prekäre Weise überraschend ist. Dieser Lebensraum kann nicht einfach so mit anderen geteilt werden, weshalb auch die katholische Familienoption ihn nicht wirklich erreicht. Und er lässt sich vor allen Dingen nicht ohne große Komplexität in einer größeres Ganzes einstellen.

Ein Treffer ins Herz für die Pastoralmacht der Kirche

Das trifft die katholische Modulierung von Pastoralmacht ins Herz, weil in ihr die Komplexität der gegenwärtigen Umstände des individuellen Lebens immer reduziert wurde auf Gemeinschaftsvisionen, zu denen dann eingeladen wurde. Einzelne lassen sich aber nicht einfach zu etwas einladen, worüber die Einladenden verfügen. Ihnen muss man Angebote machen, über deren Wahrnehmung dann sie eben von sich her entscheiden. In den relativ hohen Abrufen von gestreamten Gottesdiensten derzeit hat man diesen Zusammenhang. Niemand sollte kirchlich davon träumen, dass nach der Pandemie die Kirchen wieder voller werden oder geistliche Gemeinschaften ein weiteres Mehr ausrufen können. Es ist vielmehr Ausdruck eines ganz anderen und viel gravierenderen Zeichens der Zeit, nämlich der Individualisierung, mit der Menschen in der globalisierten Zivilisation um ihr Wohl als Einzelne ringen.

Darum ist jetzt kirchlich entscheidend, zu lernen, wie und warum das Wohl des/der jeweils Einzelnen kein Gegensatz zum dem ist, was allen wohl tut. Es ist komplex, den scheinbaren Gegensatz dazwischen zu überwinden. Das kann nicht gelingen, wenn es mit Sonderinteressen gekapert, mit Allgemeinempfehlung ruhig gestellt oder zu Gemeinschaftsidealen eingeladen wird. Es gelingt nur, wenn man sich den Gegensatz strikt versagt. Die säkulare Pastoralmacht macht gerade vor, wie es geht – "niemand ist verzichtbar, alle zählen".

Von Hans-Joachim Sander

Der Autor

Hans-Joachim Sander war von 1997 bis 2002 als Privatdozent an der Universität von Würzburg und von 1998 bis 2002 sowohl in Eichstätt als auch in Salzburg tätig. Seit 2002 ist er Professor für Dogmatik in Salzburg.