Heiliger oder Kriegsverbrecher? An Stepinac scheiden sich auch 48 Jahre nach seinem Tod noch die Geister.
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Umstrittener früherer Erzbischof von Zagreb

"Hassfigur": Historikerin warnt vor Heiligsprechung Kardinal Stepinacs

Stepinac war von 1938 bis 1960 Zagreber Erzbischof. Kritiker werfen ihm einen Pakt mit Faschisten vor. Dennoch sprach Johannes Paul II. ihn selig. Die Heiligsprechung ruht jedoch. Im Interview erklärt Historikerin Marie-Janine Calic, warum sie das richtig findet.

Von Joachim Heinz (KNA) |  München/Zagreb - 08.12.2020

Bei Heilig- und Seligsprechungen in der katholischen Kirche läuft es, salopp gesagt, gerade nicht so richtig rund. Am heiligen Papst Johannes Paul II. (1920-2005) regt sich Kritik, weil dieser Theodore McCarrick zum Erzbischof von Washington und wenig später zum Kardinal ernannte, obwohl schon damals Gerüchte über sexuelles Fehlverhalten des US-Amerikaners die Runde machten. Bereits an der Seligsprechung scheitern könnte der Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Josef Kentenich (1885-1968). Ihm werden Machtmissbrauch und Übergriffigkeiten vorgeworfen. Ein spezieller Fall ist der des kroatischen Kardinals Alojzije Stepinac (1898-1960). Das Verfahren zu dessen Heiligsprechung ruht. Warum der Kirchenmann so umstritten ist, erläutert die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic (58) im Interview.

Frage: Frau Professorin Calic, Alojzije Stepinac war von 1937 bis zu seinem Tod 1960 Erzbischof von Zagreb. Kritiker werfen ihm vor, mit dem faschistischen Ustascha-Regime paktiert zu haben, das von 1941 bis 1945 in Kroatien an der Macht war. Was ist da dran?

Calic: Stepinac war kein Faschist oder überzeugter Anhänger des Ustascha-Regimes; aber die katholische Kirche und das Regime hatten gemeinsame Interessen. Dazu gehörten ein Ultra-Nationalismus, entschiedene Gegnerschaft zum Bolschewismus, eine Ablehnung des Zusammenschlusses der südslawischen Völker in einem gemeinsamen jugoslawischen Staat und eine antiserbische Grundhaltung.

Frage: Wie blickte die Ustascha-Bewegung auf die Kirche?

Calic: Das Ustascha-Regime betrachtete den Katholizismus als Nationalreligion in einem großkroatischen Staat - und räumte der Kirche eine privilegierte Stellung ein, ähnlich wie Franco in Spanien. Für viele Katholiken war das insofern von Bedeutung, als sie sich im Königreich Jugoslawien gegenüber den Serbisch-Orthodoxen benachteiligt gefühlt hatten. Das mag auch erklären, warum Stepinac der Ustascha zur Gründung des Unabhängigen Staates Kroatien gratulierte und im April 1941 zwei Wochen nach dem Machtantritt von Ante Pavelic ein Rundschreiben an den Klerus schickte, in dem er zur Unterstützung des neuen Regimes aufforderte.

Papst Johannes Paul II. in Polen
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Papst Johannes Paul II. hat den kroatischen Kardinal Alojzije Stepinac 1998 seliggesprochen.

Frage: Die Ustascha beteiligte sich an der von den deutschen Nationalsozialisten betriebenen Auslöschung der europäischen Juden und verfolgte in Kroatien lebende Minderheiten wie die Serben und die Roma. Wie würden Sie angesichts dieser Verbrechen die Haltung von Stepinac umschreiben?

Calic: Als mindestens ambivalent. Er protestierte hier und da gegen unhaltbare Zustände bei den Deportationen von Juden und Serben, aber sprach sich nie grundsätzlich dagegen aus.

Frage: Die Juristin Claudia Stahl schreibt in ihrer 2017 erschienenen Biografie, dass Stepinac Notleidende und Verfolgte unterstützte.

Calic: Vereinzelt hat er sich für eine Rettung katholisch getaufter Juden eingesetzt, vor allem Kinder. Er hat aber nie seine Stimme gegen die planmäßige Vernichtung der Juden und anderer Volksgruppen erhoben. Auch hat er sich nie öffentlich vom Ustascha-Regime distanziert.

Frage: Hätte das denn etwas genutzt?

Calic: Stepinac war Erzbischof von Zagreb, Vorsitzender der Bischofskonferenz, und hatte die Oberaufsicht über die gesamte katholische Militärseelsorge. Als höchster Repräsentant der Kirche in Kroatien hätte er wenigstens die systematische Verfolgung der Serben durch Angehörige der katholischen Kirche unterbinden können.

Frage: Wo zum Beispiel?

Calic: Es gab wahre Hasspredigten gegen Minderheiten aus den Reihen des Klerus oder entsprechende Beiträge in der katholischen Presse - dagegen hätte Stepinac vorgehen können. Besonders schwer wiegt sein Schweigen angesichts der Zwangskonversion von 250.000 orthodoxen Serben zum Katholizismus. Er hatte Kenntnis von all dem, aber schob jegliche Verantwortung weit von sich.

Frage: Änderte Stepinac seinen Kurs, als sich das Kriegsende abzeichnete?

Calic: Noch kurz vor dem Zusammenbruch des faschistischen Staates schrieb er im März 1945 in einem Hirtenbrief, dass die Kirche weiter für ein unabhängiges Kroatien eintreten werde. Die Kirche half Kriegsverbrechern zudem, das Land zu verlassen. Ein Ante Pavelic musste sich nie vor Gericht verantworten.

Frage: Stepinac dagegen schon. Bereits 1946 brachten ihn die neuen kommunistischen Machthaber vor den Kadi. War er ein Bauernopfer in einem Schauprozess?

Calic: Natürlich hatte das Verfahren eine politische Komponente. Man wollte die Verderbtheit der Kirche und die moralische Überlegenheit des Kommunismus beweisen. Denn die Kirche war damals die einzige noch funktionierende Opposition gegen das Tito-Regime. Allerdings ging es in dem Prozess auch um die Aufarbeitung von Massenverbrechen, an denen sich Repräsentanten der katholischen Kirche beteiligt hatten.

Frage: Papst Johannes Paul II. hat Stepinac 1998 seliggesprochen - unter anderem mit Verweis auf die nach dem Prozess folgenden sechs Jahre Haft und den anschließenden Hausarrest bis zu seinem Tod 1960. Welche Motive haben Ihrer Ansicht nach dafür eine Rolle gespielt?

Calic: Stepinac ist das Symbol des national denkenden, katholischen Kroatien und gilt zudem als entschiedener Widersacher des Kommunismus.

Frage: Was verrät der Umgang mit Stepinac über die katholische Kirche in Kroatien?

Calic: Die Kirche in Kroatien hat ihre Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet oder sich gar für ihre Verfehlungen entschuldigt. Stattdessen pflegt sie bis heute eine gefährliche Verbindung zur äußersten Rechten und zum völkischen Nationalismus. So setzt sie sich dafür ein, dass das kroatische Militär den Wahlspruch "Für die Heimat bereit" übernimmt, den die Ustascha populär machte.

Frage: Papst Franziskus hat das Verfahren zu Stepinacs Heiligsprechung vorerst ausgesetzt. Was wäre, wenn der kroatische Kardinal am Ende doch noch ein Heiliger wird?

Calic: Stepinac ist für viele Serben eine Hassfigur. Sie würden sich darin bestätigt sehen, dass das serbische Volk immer noch verfolgt wird und sich dagegen zur Wehr setzen muss. Zugleich könnte eine Heiligsprechung große Frustrationen bei denen auslösen, die einen gesellschaftlichen Ausgleich zwischen Serben und Kroaten erreichen wollen. Der Ruf nach einer Heiligsprechung Stepinacs kam anfangs vor allem aus den Kreisen von Ustascha-Sympathisanten. Hinter dem religiösen Ansinnen - dessen muss man sich klar sein - stecken handfeste politische Absichten.

Von Joachim Heinz (KNA)