Heiligsprechungen: Zwischen Volksfrömmigkeit und Kirchenpolitik
Warum besonders heilige Päpste Kritik hervorrufen

Heiligsprechungen: Zwischen Volksfrömmigkeit und Kirchenpolitik

Heilige und Selige gehören seit jeher zur katholischen Kirche. Doch im Laufe der Kirchengeschichte haben sich die Wege, vorbildliche Gläubige zur Ehre der Altäre zu erheben, stark verändert. Gerade die Päpste der vergangenen 40 Jahre setzten neue Maßstäbe für Heiligsprechungen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 14.02.2019

Viele Gläubige fremdeln heute mit Heiligen: In Wallfahrtsorten füllen nicht immer ganz geschmackssichere Heiligenbildnisse Dutzende Regalmeter Stellfläche in Devotionalienläden, gehen Namenspatrone aus Gips, Metall oder Plastik über die Ladentheke. Und in so mancher barocken Kirche scheint der liebe Gott von den Heiligen etwas in die zweite Reihe gedrängt zu werden. Aber: "Die Heiligen sind keine selbstständigen Heilsbringer, die am lieben Gott vorbei etwas für uns tun können", stellt der Münchner Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland klar. Die Tendenz, sie als göttliche Figuren zu sehen wie im Götterhimmel der Griechen und Römer, ist aber nicht neu. In der Geschichte drohte die Verehrung der Heiligen immer wieder, in eine Anbetung umzuschlagen. Dabei ist die Rolle der Heiligen eine ganz andere.

"Heilige gehören zur Kirche, sie sind unsere Brüder und Schwestern", sagt Haunerland. Sie hätten das Evangelium kennengelernt und wurden davon "in einer Weise so gepackt, dass ihr Leben für uns Vorbild sein kann", sagt er. Das Konzil von Florenz stellte im 15. Jahrhundert fest, dass die Heiligen "den dreifaltigen und einen Gott selbst in Klarheit" sehen und für Gläubige Fürsprache bei ihm einlegen können. Wer also das Gefühl hat, im Gebet etwas müde und nicht konsequent genug zu sein, der kann einen Heiligen bitten, das Gebetsanliegen als Fürsprecher zu unterstützen. Selbst erfüllen kann und wird der Heilige aber nichts.

Vorbildliche Verstorbene

Das frühe Christentum kannte noch keine Heiligen, sondern nur die Erinnerung an Verstorbene. Dabei entwickelte sich im 3. oder 4. Jahrhundert die Tendenz, sehr vorbildliche Verstorbene besonders zu ehren. Das sollte die Botschaft Gottes erfahrbarer machen: Durch die Lebensläufe der Heiligen hatten die Gläubigen etwas Konkretes in der Hand, wie sich die Ideale des Evangeliums im Alltag umsetzen ließen.

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Bild: © KNA-Bild

Die Basilika Vierzehnheiligen im oberfränkischen Bad Staffelstein macht ihrem Namen alle Ehre: Hier werden die 14 Nothelfer verehrt.

Wen man "heilig" nennen durfte, war zunächst noch nicht durch ein festgesetztes Verfahren geregelt. Die Verehrung bestimmter Personen entwickelte sich aus der Volksfrömmigkeit heraus und der zuständige Ortsbischof hieß diesen Kult dann gut. Alle biblischen Figuren und sämtliche Heiligen des ersten Jahrtausends wurden also nie formell heiliggesprochen. Ulrich von Augsburg war im Jahr 993 der Erste, der von einem Papst ganz offiziell zur "Ehre der Altäre" erhoben wurde. Daneben konnten auch Bischöfe heiligsprechen – bis 1234 Papst Gregor IX. dieses Recht auf die Päpste beschränkte. Ein förmliches Verfahren der Kanonisation gibt es seit 1588. Damals setzte Papst Sixtus V. nach dem Konzil von Trient eine Kongregation ein, die sich mit Heiligsprechungen befasste – unter anderem Namen und mit etwas anderem Aufgabenzuschnitt existiert sie bis heute.

Heilige als pastorales Mittel

Das päpstliche Monopol auf Heiligsprechungen führte zunächst nicht dazu, dass es am laufenden Band neue Heilige gab: Von 1588 bis zur Amtszeit Johannes Pauls II. wurden "nur" 565 Menschen selig- und 285 heiliggesprochen. Dass seitdem deutlich mehr Menschen kanonisiert werden, sei aber eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt der Theologe Haunerland. Denn neue Heilige waren für Johannes Paul II. ein Mittel der Pastoral, um die Kirche zu erneuern. So habe er die Kongregation angewiesen, "schneller jene Fälle zu bearbeiten, die aus Diözesen kommen, wo es noch keine Seligen gibt". Außerdem sollte es mehr Selige und Heilige geben, die zu Lebzeiten mitten im Leben standen. "Ordensleute, Bischöfe und Priester gab es unter den Heiligen viele. Aber Menschen, die in der Welt gelebt haben, als Eheleute, Väter und Mütter, sind relativ selten seliggesprochen worden. Er wollte auch solche Vorbilder", sagt Haunerland. Seitdem haben auch die Nachfolger des polnischen Pontifex wesentlich mehr Menschen heiliggesprochen als es die Päpste in den Jahrhunderten vorher getan hatten.

Was einen Menschen zu einem Heiligen macht, ist dabei vielfältig: In der frühen Kirche wurden vor allem Märtyrer verehrt, sie gelten bis heute als Prototypen für Heilige. Später kam die Würdigung heroischer Tugenden dazu, also ein besonders gottesnaher Lebenswandel. Beim heutigen Verfahren ist es außerdem so, dass für eine Seligsprechung ein und für eine Heiligsprechung zwei Wunder auf Fürsprache der betreffenden Person nach deren Tod geschehen sein müssen. Nur bei Märtyrern wird vor der Seligsprechung in der Regel auf ein Wunder verzichtet – um heiliggesprochen zu werden, ist aber dennoch ein Wunder erforderlich. Die Prüfung des Vatikans vor der Anerkennung dieser Wunder gilt als sehr aufwendig und streng. Die Rolle des Wunders beschrieb Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006 so: "Die Wunder versichern uns nicht nur, dass der Diener Gottes im Himmel in Gemeinschaft mit Gott lebt, sondern sie sind auch eine göttliche Bestätigung des Urteils, das die kirchliche Autorität über sein tugendhaftes Leben zum Ausdruck gebracht hat."

Auslegung der Regeln ändert sich

Wie mit den Regeln eines Kanonisationsverfahrens umgegangen wird, hat sich mit der Zeit verändert. So wurde die Definition des Martyriums nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil recht weit ausgelegt. Ein Beispiel dafür sieht etwa der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke im Fall von Maximilian Kolbe. Er wurde als "Märtyrer der Liebe" anerkannt – er hatte sich im Konzentrationslager Auschwitz für einen Mithäftling geopfert und war für ihn in den Tod gegangen. Den klassischen Martyriumsbegriff erfüllte das nicht, da Kolbe für einen anderen Menschen, nicht aber für seinen Glauben starb. Während Papst Benedikt XVI. und Papst Johannes Paul II. die Kriterien für ein Kanonisationsverfahren etwas weiter auslegten, führte Franziskus neue ein: 2017 ließ er in einem päpstlichen Schreiben die Hingabe des eigenen Lebens für einen anderen Menschen ausdrücklich in Selig- und Heiligsprechungsverfahren zu.

Maximilian Kolbe im Porträt.
Bild: © KNA

Der Franziskaner-Minorit Maximilian Kolbe wurde 1941 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Ob ein Mensch am Ende eines Verfahrens Seliger oder Heiliger wird oder das Verfahren eingestellt wird, heißt laut Winfried Haunerwald aber erst einmal nicht, dass er Gott nicht nahe ist: "Das heißt lediglich, dass die Kirche über ihn kein Urteil fällt." Dass sich die Verehrung um eine Person aber ohne eine formelle Heiligsprechung hält, sei in der Neuzeit eher unwahrscheinlich.

Ein Teil der Kirchenpolitik

Wer wann kanonisiert wird, ist aber auch eine politische Entscheidung: So war es sicher kein Zufall, dass die Päpste Pius IX. und Johannes XXIII. im Jahr 2000 gleichzeitig seliggesprochen wurden. Jeder der beiden Päpste stand für eines der Vatikanischen Konzile. Damit wurden beide Konzile als gleichwertig gewürdigt. Der Vatikan sorgt also dafür, dass Kanonisationsprozesse je nach kirchenpolitischer Agenda angetrieben oder gebremst werden. So wurde der österreichische Bauer und NS-Gegner Franz Jägerstätter zunächst nicht für eine Heiligsprechung in Betracht gezogen. Schließlich hatte er den Kriegsdienst verweigert. Für die Kirche zu dieser Zeit ein Kritikpunkt. Erst 50 Jahre später nahm sein Verfahren Fahrt auf, bis er 2007 seliggesprochen wurde. 

An Heiligen und den Heiligsprechungsverfahren gab und gibt es aber auch Kritik. Martin Luther störte die vermeintliche Mittlerfunktion der Heiligen. Der Mittler zwischen Gott und den Menschen sei nur Jesus Christus, befand er. Heute wird vor allem die Auswahl der Selig- und Heiliggesprochenen bemängelt. So warf etwa der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf den Päpsten vor, in erster Linie die Kanonisierungsprozesse ihrer Vorgänger anzutreiben – und dabei mit den Vorgaben des Verfahrens eher lasch umzugehen. "Die amtierenden Päpste setzen die Ordnung des Heiligsprechungsverfahrens für ihre Vorgänger einfach außer Kraft", sagte er. Jeder Märtyrer für den Glauben im Nationalsozialismus habe es schwerer, heiliggesprochen zu werden als ein Papst.

Heute sind Heilige vor allem in südlichen Ländern populär. Eines der besten Beispiele dafür ist der Kapuzinerpater Francesco Forgione, bekannt als Pater Pio, dessen Konterfei in Italien in Kirchen und Privathaushalten, auf Tassen, Tellern und Andachtsbildchen anzutreffen ist. Außerdem spielen Heilige auch für geistliche Gemeinschaften eine Rolle, in denen oft deren Führerfiguren besonders als Vorbilder verehrt werden. In Deutschland hat die Heiligenverehrung schon seit Jahrzehnten nachgelassen.

Von Christoph Paul Hartmann