COMECE-Vizepräsident fürchtet mögliche Brexit-Folgen

In Sorge um Nordirlands Versöhnung: EU-Bischof Noel Treanor wird 70

Aktualisiert am 25.12.2020  –  Lesedauer: 

Brüssel/Belfast  ‐ Möchte man dieser Tage katholischer Bischof in Belfast sein? Noel Treanor ist in großer Sorge, dass der Brexit alles bedrohen könnte, was seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 an Unfrieden abgebaut worden ist. Der Bischof wird 70 Jahre alt.

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Seine Eltern tauften ihn Noel - "der an Weihnachten Geborene"; ein besonders in Frankreich beliebter Vorname für neugeborene Jungen - das Pendant zur weiblichen "Noelle". Noel Treanor, heute Vizepräsident der EU-Bischofskommission COMECE und Leiter der Diözese Down and Connor mit Sitz in Belfast, Nordirland, wird am 25. Dezember 70 Jahre alt.

Seine wichtigste Sorge gilt seiner Diözese, die wie kaum ein anderes Gebiet ganz unmittelbar vom Brexit betroffen ist. Das Karfreitagsabkommen von 1998, laut dem es keine harte Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland geben darf, entstand hier in seiner Bischofsstadt, in einem Kloster in Belfast, in das die Unterhändler von Katholiken und Protestanten damals durch die Hintertür kommen mussten aus Furcht, von den eigenen Leuten für "Verräter" statt für Versöhner gehalten zu werden.

Zuvor bereits Generalsekretär der COMECE

Viele Jahre hat Treanor in Brüssel, Rom und Irland für das Thema EU und Kirche gearbeitet. Geboren am 25. Dezember 1950 im irischen Silverstream, County Monaghan, ganz nahe an der inneririschen Grenze, ging er in Drumcong im County Leitrim zur Schule. Anschließend studierte er Theologie in Maynooth und wurde 1976 zum Priester geweiht, just als protestantische Ultras mit einer Mordserie gegen katholische Zivilisten den seit Januar 1975 geltenden Waffenstillstand hintertrieben.

Später setzte Treanor seine Studien in Rom fort und wurde dort Studienleiter am Irish College. Seit 1989 arbeitete er bei der COMECE in Brüssel, ab 1993 als deren Generalsekretär. 2008 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Down und Connor ernannt.

Das Gebiet des Bistums, rund 2.400 Quadratkilometer in Nordirland, umfasst große Teile der Countys Antrim and Down einschließlich der Städte Belfast, Antrim, Bangor, Carrickfergus, Downpatrick und Holywood. Von den rund eine Million Einwohnern sind rund 30 Prozent Katholiken. Es ist damit nach dem Erzbistum Dublin das zweitgrößte Irlands hinsichtlich der Bevölkerungszahl und gehört zur Irischen Bischofskonferenz.

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Es ist auch diese politisch heikle Lage, die Treanor in Fragen der europäischen Integration so hoch engagiert macht. Er spricht fließend Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Irisch. 2018 wählte ihn die COMECE zu einem ihrer Vizepräsidenten; seit Oktober 2018 ist er zudem Präsident von Justitia et Pax Europa.

Treanor ist überzeugt: Der Beitritt Großbritanniens und Irlands zum Projekt der europäischen Einigung habe damals überhaupt erst den Rahmen und den Treibstoff für die Überwindung des Nordirland-Konflikts geschaffen. "So konnten hier in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten Frieden, Versöhnung und politischer Fortschritt einziehen", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Natürlich, so meint der Bischof, könne man das Referendum interpretieren: "die Art und Weise, wie es vorbereitet und durch Fake News erzielt wurde". Die öffentliche Meinung sei manipuliert worden; das sei "eine große Herausforderung für die Demokratie".

Große Sorge um Brexit-Folgen

Die Gesamtheit des öffentlichen Lebens in Irland und Nordirland - auch die Wirtschaft, das Sozial- und Gesundheitssystem - wurden seit 1998 weitgehend harmonisiert. Viele Menschen leben auf der einen Seite der Grenze und arbeiten auf der anderen. Firmen und Dienstleister operieren auf beiden Seiten und unter beiden Jurisdiktionen. Gibt es dieser Tage in Brüssel keine Einigung auf einen Handelsvertrag zwischen EU und Großbritannien, werden von Januar an Zölle und Zollkontrollen eingeführt. Die Auswirkungen einer neuen Grenze wären gravierend - unwägbar und sehr komplex.

Nach Meinung des Bischofs würden zwar die Unternehmer sicher pragmatische Lösungen finden. Aber die Sache sei "psychologischer Natur": Heute führen alle in völliger Ruhe über eine unsichtbare Grenze und operieren hüben wie drüben. Bis 1998 gab es an den Grenzen die britische Armee, befestigte Checkpoints, Polizeifahrzeuge. "Sobald wir hier wieder Grenzen mit einer Art Infrastruktur bekommen, wird das fast sicher irgendwelche gewaltsamen Reaktionen hervorrufen", befürchtet Treanor.

Dazu kommt die Corona-Wirtschaftskrise. Stagnation plus Brexit - das könnte tiefe Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. "Schon jetzt haben wir hier die höchste Rate an Kinderarmut", warnt der Bischof. Der Spagat zwischen Belfast und Brüssel, das Hirtenamt zwischen Brexit und EU, sie halten für Noel Treanor in diesen Tagen noch eine Menge Aufgaben bereit.

Von Alexander Brüggemann (KNA)