Wallfahrt in Velehrad
Vor 600 Jahren brannten Hussiten das Kloster nieder – später kam ein Papst

Mährens Nationalheiligtum Velehrad: Ein Ort für historische Stunden

Von hier rief Johannes Paul II. nach dem Sturz des Kommunismus zu einer Neuevangelisierung Europas auf: Das Kloster Velehrad gilt als Nationalheiligtum Mährens. Dabei hat der Wallfahrtsort schlimme Tage erlebt – und seine Bedeutung lässt nach.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Velehrad - 12.01.2021

Im Südosten Mährens liegt Velehrad, ein paar Kilometer abseits der Europastraße 50, der Verbindung von Brno (Brünn) in die nahe Slowakei. Der beschauliche 1.200-Einwohner-Ort hat ein riesiges Gotteshaus; tatsächlich ist er überhaupt erst um sie herum entstanden: die Wallfahrtskirche von Velehrad, größte Kirche der Region.

1205 als Abtei gegründet, entwickelte sich Velehrad dank der Wirtschaftstüchtigkeit der Zisterzienser rasch zu einem der reichsten Klöster der Region. Schon 1228 konnte die über 100 Meter lange romanische Kirche geweiht werden. Doch der Aufstieg wurde vor genau 600 Jahren jäh unterbrochen, als am 12. Januar 1421 die reformatisch-revolutionäre Bewegung der Hussiten das Kloster überfiel und es niederbrannte.

Zwar wurde es später wieder aufgebaut und immer wieder baulich verändert. Doch zu so herausragender Stellung wie zuvor fand es nicht mehr zurück. Nach einem weiteren großen Brand 1681 wurden Kirche und Klostergebäude unter der Leitung des italienischen Barockarchitekten Giovanni Pietro Tencalla umgestaltet – bevor der riesige Komplex 1784 im Zuge der josephinischen Klosterreformen als "unnütz" aufgehoben wurde.

Papst Johannes Paul II. besucht Velehrad

Papst Johannes Paul II. besuchte am 21. April 1990 den mährischen Wallfahrtsort Velehrad. Es war der erste Papstbesuch in der damaligen Tschechoslowakei.

Die Klosterkirche diente zunächst als Pfarrkirche des Ortes und war später dem Verfall preisgegeben. Nach einer Restaurierung übernahmen 1890 die Jesuiten das Kloster. Einen Teil der Gebäude übernahm im Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich die Hitlerjugend. Unter dem kommunistischen Regime wurde das Kloster 1950 erneut aufgelöst. Erst nach der Samtenen Revolution 1990 durften die Jesuiten wiederkommen.

Velehrad ist nicht für alle Tage. Es ist ein Ort für gewisse Stunden – historische Stunden; ein mährisches Nationalheiligtum. Da war etwa 1985, als mehr als 10.000 Pilger hier an dessen vermeintlicher Wirkungsstätte den 1.100. Todestag des Slawenapostels Method (um 815-885) feierten: die größte Menschenansammlung des Landes seit dem ersten Jahrestag des russischen Einmarschs 1969, Fußballspiele ausgenommen. Eine unpolitisch-politische Kundgebung.

Goldene Rose als kostbarer Schatz aufbewahrt

Oder der April 1990, als fast eine halbe Million Menschen kamen, um Papst Johannes Paul II. bei seinem Blitzbesuch unmittelbar nach dem Untergang des Kommunismus zuzujubeln. Von hier aus berief der erste slawische Papst die Bischöfe des gesamten nun freien Europa zu einer Synode nach Rom. Von hier rief er zur Neuevangelisierung des Kontinents auf. Die Goldene Rose, ein Geschenk des Kirchenoberhaupts, wird bis heute als kostbarer Schatz bewahrt. Sie wird seit Ende des 11. Jahrhunderts als Auszeichnung der Päpste verliehen. Das Symbol der Goldenen Rose steht für Christus. Das Gold deutet auf seine Auferstehung hin, die Dornen auf die Passion.

Oder 1993, als der damalige Regierungschef und spätere Staatspräsident Vaclav Klaus nach der jährlich am 5. Juli stattfindenden Nationalwallfahrt nach Velehrad für einen Eklat sorgte. Als der Prager Kardinal Miloslav Vlk dort vor rund 100.000 Pilgern und laufenden TV-Kameras die Nation der Gottesmutter Maria weihte, warf Klaus der Kirche eine "Machtdemonstration" vor, eine Überschreitung ihrer Grenzen und eine Manipulation der öffentlichen Meinung.

Lange wurde Velehrad als Ausgangspunkt des Slawenapostels Method (um 815-885; rechts) angesehen. Neuere archäologische Erkenntnisse widerlegen diese These.

Oder im Juli 2005 schließlich, mit der Method-Wallfahrt zum 800. Jahrestag des Klosters. Im Alltag ist von solchen Großkundgebungen freilich nur wenig zu spüren: Der riesige Vorplatz, die riesige Barockkirche haben nur wenige Besucher. Eine beeindruckende Leere. Auch an dem überdimensionalen Papstkreuz auf dem Vorplatz – seit 1928 trägt die Kirche den Ehrentitel einer "Basilica minor" – weht nicht immer der Mantel der Geschichte.

"Diese Kirche ist wie ein Huhn mit einem langen Hals", klagen sie in Velehrad. Beim Gottesdienst muss, akustisch wie atmosphärisch, der lange Weg vom Chor ins Kirchenschiff überbrückt werden. Dazwischen liegt das lang gestreckte Chorgestühl aus Lindenholz mit seinen 60 Schnitzfiguren. Nicht leicht für den zelebrierenden Priester, über 80 Meter bis nach ganz hinten durchzudringen.

Staatstrennung sorgt für "Umwidmung"

Und noch ein Problem haben die Hüter des Erbes des Slawenapostels Method. War Velehrad früher Anlaufstation für Tschechen und Slowaken, so hat die staatliche Trennung 1993 in der stark katholisch geprägten Slowakei für eine historische "Umwidmung" der Wallfahrt gesorgt.

Mit dem (archäologisch zutreffenden) Argument, das heutige Velehrad sei nicht wirklich der Hauptort des einstigen Großmährischen Reiches und damit auch nicht der Ausgangspunkt der Mission des Methodius gewesen, ist der Aufruf slowakischer Geistlicher verbunden, doch lieber im eigenen Land zu bleiben. Das knapp 100 Kilometer entfernte Nitra (Neutra) ist bei Archäologen einer von insgesamt drei heißen Kandidaten für die historische Hauptstadt. Nitra – ein neues, ein slowakisches Velehrad? Tatsächlich kommen heute kaum noch Slowaken hierher.

Von Alexander Brüggemann (KNA)