An der Wiege slawischer Theologie
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Vor 1.100 Jahren starb der Missionar Kliment von Ohrid

An der Wiege slawischer Theologie

Heilige - Nach dem Tod der Slawenapostel Kyrill und Method drohte ihr Missionswerk zerschlagen zu werden. Doch einer ihrer Schüler, der heilige Kliment von Ohrid, ergriff seine historische Chance.

Von Alexander Brüggemann (KNA)  |  Ohrid - 27.07.2016

Auf einer Felsnase steil über dem See erbaut, etwas außerhalb des Ortes gelegen, steht der winzige Ziegelbau zu Ehren des heiligen Johannes Kaneo - eine der schönsten der zahllosen orthodoxen Kirchen von Ohrid.

Im Herbst ist es am schönsten am Ohrid-See, sagen die Einheimischen. Einst einer der Touristenmagneten Jugoslawiens, wo die Bewohner des Tito-Staates ihren Urlaub vom real existierenden Sozialismus machten, kämpft der 42.000-Einwohner-Ort Ohrid im Südwesten Mazedoniens heute um seinen Vorzeigestatus. Trotz Sonnengarantie, trotz kristallklaren Wassers, Zypressen, Feigen- und Walnussbäumen, und trotz der kunsthistorischen Pracht, die Mazedoniens gute Stube in ihrer großen Vergangenheit hervorgebracht hat.

Ohrid als kulturelles und geistliches Zentrum

Von den Römern gegründet und seit alters her ein kulturelles und geistliches Zentrum, erlebte Ohrid, ein zentraler Ausgangspunkt der Slawenmission, seine größte Blüte im späten Mittelalter. Das erste slawische Bistum überhaupt spielte eine wichtige Rolle für die Christianisierung der gesamten Balkanregion.

Da ist etwa der rote Ziegelbau von Sveti Kliment, fast kitschig schön auf einer Anhöhe über der Stadt gelegen. Von den Häusern weiter unten dringt das Krähen der Hähne, das Kreischen der Kinder und das Schimpfen der Mütter herauf. Sveti Kliment (Sankt Klemens), das ist der Name jenes Heiligen, dessen 1.100. Todestag dieser Tage begangen wird. Kliment von Ohrid (um 835/40-916) war der berühmteste und älteste Schüler der Slawenapostel Kyrill und Method. Er wurde der erste slawische Bischof der Stadt und starb hier am 27. Juli 916.

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Ohrid ist eine Stadt im Südwesten Mazedoniens, die am östlichen Ufer des Ohridsees liegt. Das Bild zeigt die Kirche des Hl. Johannes von Kaneo.

In unseren Breiten ist das Werk der beiden Brüder Kyrill und Method, die zu den wichtigsten Heiligen der Ostkirche gehören, und das ihrer Schüler fast unbekannt. Und das, obwohl der Slawe Johannes Paul II. (1978-2005) Kyrill und Method an Silvester 1980 dem Begründer des Abendländischen Mönchtums, Benedikt von Nursia, als "Mitpatrone" und Schutzheilige Europas zur Seite stellte - als die im Kommunismus unterdrückten Christen Mittel- und Osteuropas Schutz bitter nötig hatten.

Method (815/20-885) und Kyrill (827/28-869) gingen 862 auf Bitten des oströmischen Kaisers Michael III. aus Thessaloniki auf ihre wichtigste Mission: als Missionare ins Großmährische Reich. Konstantin erkannte die Schwachstelle: Die Slawen besaßen noch keine Schrift. Vor seiner Abreise entwickelte er daher aus den griechischen Kleinbuchstaben ein auf die slawischen Laute abgestimmtes Alphabet. Damit fertigten die Brüder Übersetzungen der wichtigsten christlichen Schriften an: der Beginn des Slawischen als Schriftsprache.

Die Schüler wurden in alle Winde zerstreut

Die Bildung einer slawischen Kirchenprovinz durch den "Missionserzbischof" Method war ein Meilenstein in der Gewinnung der slawischen Welt für das Christentum. 885 starb er im südmährischen Velehrad, wo mit ihm rund 200 Schüler und Priester wirkten. Nach seinem Tod brach die Mission zunächst zusammen. Der politische Wind hatte sich gedreht. Nur die moralische Autorität des Method hatte die slawische Mission noch über Wasser gehalten. Nun wurden die Schüler in alle Winde zerstreut.

Dauerhafte Wurzeln schlug das Werk der Slawenapostel zuerst in Bulgarien. Dort gab Zar Boris I. Schülern des Method eine neue Wirkungsstätte. Boris förderte die Idee einer eigenen slawischen Liturgie und Geistlichkeit, die sein Territorium kirchlich unabhängiger von Konstantinopel machen könnten.

Mazedonien - Völker und Religionen

In Mazedonien leben vor allem slawische Christen und muslimische Albaner zusammen. Letztere stellen nach einer Zählung von 2002 rund 33 Prozent der Bevölkerung. Auch die rund zwei Prozent Roma in Mazedonien gehören dem Islam an. Die allermeisten Christen (rund 64 Prozent) sind Mitglieder der mazedonisch-orthodoxen Kirche, die sich - in Anlehnung an das 1767 aufgelöste Erzbistum/Patriarchat Ohrid - 1967 vom serbischen Patriarchat in Belgrad lossagte, aber von der Weltorthodoxie nicht anerkannt wird. Die Katholiken machen nur etwa 0,7 Prozent der Bevölkerung aus. (KNA)

Einige Schüler Methods gingen zu den Kroaten Dalmatiens. Die bedeutendsten ließen sich nach ihrer Flucht entlang der Donau und über Belgrad in Ohrid nieder, damals Sitz einer bulgarischen Herrscherresidenz. Der heilige Kliment begründete als erster slawischer Bischof (seit 893/94) den hohen theologischen Rang des Bistums Ohrid (Achrida).

Ein Kloster mit geistiger Strahlkraft

Kliment wirkte als Schriftsteller und theologischer Übersetzer und unterrichtete wiederum selbst mehrere tausend Schüler, weihte einheimische Geistliche. Diese "Schule von Ohrid" brachte einen großen Teil der altbulgarischen Literatur hervor. Von Ohrid aus trug das von ihm weiterentwickelte "kyrillische Alphabet" das Christentum und die altkirchenslawische Liturgie über Rumänien bis ins Gebiet der Kiewer Rus und über Moskau bis tief ins heutige Russland.

Am anderen Ufer des Sees, 30 Kilometer von Ohrid und in Sichtweite der heutigen albanischen Grenze gelegen, liegt das Kloster Sveti Naum. Der heilige Naum (oder Nahum, gest. 910), Schüler und Begleiter von Kliment, gründete im Jahr 900 an dieser Stelle ein Kloster, dessen geistige Strahlkraft auf die ganze Region wirkte. Der Marienzyklus in Ohrids Klemens-Kirche und das Letzte Abendmahl in der Sophien-Kathedrale, die Beweinung Christi in Sankt Pantelejmon in Nerezi oberhalb der Hauptstadt Skopje: Sie alle gehören zum besten, das die europäische Kunst des späten Mittelalters hervorgebracht hat.

Von Alexander Brüggemann (KNA)