Welt-Ei im Pappkarton
Ein Blick auf österliche Traditionen in Chile, Südafrika und Australien

Ostern im Herbst: So feiern Katholiken auf der Südhalbkugel das Fest

Ostern ist ein Frühlingsfest – das trifft etwa für Christen in Deutschland zu, aber auf der Südhalbkugel der Erde stimmt diese Aussage nicht. Doch wie feiert man die Auferstehung Christi ohne länger werdende Tage und aufblühende Natur? Ein Blick nach Chile, Südafrika und Australien.

Von Roland Müller |  Bonn - 05.04.2021

Das Osterfest ist – jedenfalls für Christen in Europa – untrennbar mit dem Frühling verbunden. Länger werdende Tage, eine aufblühende Natur und steigende Temperaturen führen den Gläubigen symbolisch vor Augen, was die Auferstehung Jesu bedeutet: der Sieg des Lebens über den Tod, der sich im Triumph des Frühlings über den Winter bildhaft ausdrückt. Auch die Berechnung des Ostertermins ist an den Beginn des Frühjahrs gebunden. Das scheint mehr als sinnvoll, denn Ostern steht in einem engen Zusammenhang mit dem Pessach-Fest, das nach biblischem Gebot im jüdischen Frühlingsmonat stattfindet.

Doch mit der Ausbreitung des Christentums in aller Welt seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, wird Ostern nicht mehr ausschließlich zu Beginn des Frühlings begangen. Denn auf der Südhalbkugel sind die Jahreszeiten denen in der nördlichen Hemisphäre entgegengesetzt: Südlich des Äquators findet die Feier der Auferstehung also im Herbst statt. Doch was macht das mit Ostern und ist die Botschaft des bedeutendsten christlichen Festes auch ohne Bezug zum Frühling zu verstehen? Ein Blick in drei Länder des Südens der Welt zeigt, wie Gläubige das Fest dort feiern und welche Osterbräuche sich entwickelt haben.

"Cuasimodistas" in Chile

Am Sonntag nach Ostern, in Chile "Cuasimodo" genannt, bringen Mitglieder von Bruderschaften die Eucharistie zu Kranken, die keine Möglichkeit hatten, die Osterkommunion zu empfangen. Dabei sind sie in Prozessionen zu Pferd oder mit geschmückten Fahrrädern unterwegs.

Chile

Josef Bocktenk ist Pfarrer in Quilicura im Großraum der chilenischen Hauptstadt Santiago. Der gebürtige Westfale gibt zu, dass ihm die Jahreszeit, in die das Osterfest fällt, keinen Anlass zu einer Predigt bietet. "Die Botschaft der Auferstehung verträgt sich eben gut mit der aufkeimenden Pflanzenwelt", erinnert sich Bocktenk an die Frühlinge in seiner deutschen Heimat. "Aber hier in Chile welkt alles zur Osterzeit." Der Geistliche wanderte im Alter von 22 Jahren nach Chile aus, um dort Priester zu werden. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der heute 73-Jährige einige Ideen einfallen lassen, um seinen Gemeindemitgliedern die Osterbotschaft zu vermitteln: "Weil Jesus im Evangelium vom Weizenkorn spricht, das sterben muss, um reiche Frucht zu bringen, habe ich zwei Wochen vor Ostern Maiskörner in eine Schale mit Erde stecken lassen." Bocktenk hofft, dass die Samen am Osterfest aufgekeimt sind und so Tod und Auferstehung versinnbildlichen.

Ansonsten bedient sich der Priester der Lichtsymbolik, um Ostern zu erklären. "Wenn die 1.500 Kubikmeter unserer großen Kirche hier in Dunkelheit getaucht sind und die 3 Kubikzentimeter Licht der Osterkerze scheinen, ist das ein Sinnbild unserer Welt", so Bocktenk. Denn im Alltag solle der Auferstandene durch die Gläubigen aufleuchten. "Damit haben wir die Dunkelheit zwar nicht besiegt, aber vielleicht Hoffnung gegeben – mehr sollten wir als Kirche auch nicht von uns verlangen."

Chile ist ein katholisch geprägtes Land mit einer Kultur, die sich stark an den USA und Europa orientiert. Deshalb gehören etwa ein Zusammensein nach der Osternacht und die Suche nach Schokoeiern für Kinder auch im Andenstaat zum Brauchtum des Festes. Eine Besonderheit in Zentralchile ist jedoch die Feier des Weißen Sonntags, der "Fiesta de Cuasimodo" genannt wird. Eine Woche nach Ostern bringen Gläubige in feierlichen Prozessionen die Eucharistie zu den Kranken der Pfarrei, die die Osterkommunion nicht empfangen konnten. Dabei sind sie zu Pferd oder mit geschmückten Fahrrädern unterwegs und tragen traditionelle Kleidung in den Farben des Vatikan. Papst Johannes Paul II. nannte diesen Brauch bei seinem Besuch in Chile im Jahr 1987 einen "wahren Schatz des Volkes Gottes".

Hot cross bun

In Südafrika gehören "Hot Cross Bun" genannte Heißwecken zu Ostern dazu. Das Kreuz in der Mitte verweist auf Tod und Auferstehung Jesu.

Südafrika

Auch in Südafrika fällt Ostern in den Spätsommer oder Herbst. Dem deutschen Pfarrer Stefan Hippler, der seit 1997 in Kapstadt lebt, fiel als "Neuankömmling zuerst auf, dass der Karfreitag der eigentliche Feiertag ist". Dies rühre von der starken kulturellen Prägung des Landes durch die Buren und die reformierte Kirche her. Der Kirchgang an den Kar- und Ostertagen sei für die meisten Christen unabhängig von der Konfession sehr wichtig, so Hippler. Für ihn ist "die Intensität des Mitfeierns, Mitleidens, Miterlebens speziell der Kartage" eine Erinnerung an seine Kindheit in Deutschland.

Die Katholiken in Südafrika pflegten eher traditionelle Formen der Spiritualität, wie den Kreuzweg, der oft als eigenständiger Wortgottesdienst oder vor dem Sonntagsgottesdienst gebetet werde. "Die Menschen identifizieren sich mit Opfer und Leid sehr stark, womit die Geschichte Südafrikas sicherlich zu tun hat", weiß der Priester, der sich besonders für mit HIV infizierte Menschen einsetzt. Auch die Beichte stehe hoch im Kurs: "In manchen Gemeinden sitzen an einem Abend bis zu fünf Priester in der Kirche, um allen, die kommen, die Gelegenheit zu geben, ihre Beichte abzulegen."

Ostern werde traditionell als Familienfest gefeiert: "Man trifft sich mit Familie und Freunden, die Kinder suchen wie auch in Europa die Ostereier, die der Osterhase versteckt hat", so Hippler. Je nach Wetterlage werde auch "kräftig der Grill angeschmissen" und "Hot Cross Buns" sowie Marshmallow-Ostereier "dürfen auf keinen Fall fehlen". Werde das Fasten zuvor sehr ernst genommen, komme es an Ostern zu einer "Explosion" des Genusses. An den Ostertagen ziehe es viele Familien an die Strände, was jedoch "jetzt in Covid-19-Zeiten etwas ruhiger" sei.

Oster Bilby

In Australien bringt nicht der Osterhase die Eier, sondern ein Beuteltier: das Oster-Bilby.

Australien

"An Ostern sind die Temperaturen in Australien sehr angenehm, weil der Sommer dann bereits vorbei ist", sagt Marlene Schmidt. Die Deutsche lebt seit fünf Jahren in Sydney und freut sich auf das diesjährige Osterfest in "Down Under", das sie am Strand verbringen wird. Schmidt ist katholisch, wie etwas mehr als ein Fünftel der Australier. "Ostern wird hier so wie in Deutschland gefeiert und ist ein Fest, zu dem die Familie zusammenkommt", sagt die 40-Jährige. Wie in Südafrika, sind auch in Australien "Hot Cross Buns" zu Ostern sehr beliebt. Dieses traditionelle Gebäck mit einem Kreuz in der Mitte stammt ursprünglich aus Großbritannien. Die bei der Herstellung verwendeten Gewürze sollen an die Salböle erinnern, mit denen die Frauen den Leichnam Jesu reinigen wollten. Da sie das Grab leer vorfanden, sind sie ein Zeichen für die Auferstehung.

"In Australien wird Ostern mit der Ernte verbunden, da es im Herbst stattfindet", sagt Schmidt. Die Kinder hätten zudem Schulferien, weshalb viele Familien das nicht zu heiße Wetter für Unternehmungen an der frischen Luft nutzen würden. "Eine Besonderheit ist außerdem, dass unsere Ostereier nicht der Osterhase, sondern ein Beuteltier bringt: der Oster-Bilby." Der Bilby oder Kaninchennasenbeutler ist in Australien heimisch und hat einen grauen Pelz. 1968 erschien die Geschichte "Billy The Aussie Easter Bilby" einer Neunjährigen aus dem Bundesstaat Queensland, die das Tier populär machte. Heute hat der Oster-Bilby den -Hasen abgelöst.

Von Roland Müller