Bischof Stephan Ackermann steht in einem Kreuzgang in Trier
Missbrauchsbeauftragte diskutieren bei ÖKT über Macht in der Kirche

"Aktivisten?" – Ackermann für Rollenklarheit in Betroffenenbeiräten

Bei Betroffenenbeiräten, die "mehrheitlich durch Aktivisten" besetzt sind, ist der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz Stephan Ackermann skeptisch. Die Rolle der Beiräte sei es nicht, immer im klaren Gegenüber zur Kirche zu bleiben.

Frankfurt - 15.05.2021

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Stephan Ackermann, sieht die Rolle der Betroffenenbeiräte in der Kirche in der Beratung. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Tatort Glaubensraum" beim Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) zeigte der Trierer Bischof sich skeptisch gegenüber Beiräten, die "mehrheitlich durch Aktivisten" besetzt sind. Auf Nachfrage der Moderatorin erläuterte er die Bezeichnung "Aktivist" mit "wenn man sagt, wir bleiben immer nur im klaren Gegenüber zur Kirche, wir werden kompromisslos die Fehler aufdecken und wir werden zu keiner Kooperation bereit sein, sondern unsere Rolle ist die Rolle aufzudecken, immer den Finger in die Wunde zu legen, und wir werden das auch politisch öffentlich tun". Das gehe im Beirat nicht, so Ackermann, der seine Aussage allerdings nicht so verstanden wissen wollte, dass er keine "Aktivisten" in Betroffenenbeiräten haben wolle.

Mit einem politischen Anliegen in Betroffenenbeiräten mitzuarbeiten, sei legitim, die Rolle der Beiräte sei aber nach seinem Verständnis nicht die, "immer Gegenüber zu bleiben", wie es Betroffenenvertreter wie der von Ackermann namentlich benannte Sprecher der Organisation "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, sind, der nicht Mitglied eines kirchlichen Betroffenenbeirats ist. "Wir haben unterschiedliche Rollen auszufüllen", so Ackermann.

Bei dem Podium mit dem Untertitel "Stolpersteine der Macht im kirchlichen Missbrauch" äußerte sich auch der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, der Sprecher des Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), zur Aussetzung des EKD-Betroffenenrats. Meyns betonte, dass der Beirat nicht aufgelöst worden sei, sondern lediglich ausgesetzt. Drei der sieben verbliebenen Mitglieder hätten eine Auflösung gewünscht, die Mehrheit habe sich aber für eine Weiterarbeit ausgesprochen. Im Herbst solle nun besprochen werden, wie es weitergehe. Mit Blick auf Äußerungen der aus dem Beirat ausgetretenen fünf Mitglieder mahnte auch Meyns wie Ackermann eine Rollenklarheit bei Betroffenenvertretern an. "Hier gibt es Rollenvorstellungen, die mit dem Mandat der EKD für einen Beirat die Rolle sprengen würden", so der Landesbischof. Der Beirat könne als Einrichtung des Rates der EKD nicht unabhängig sein.

Massive Kritik von Betroffenen an EKD

Zuvor hatte bei einer ÖKT-Veranstaltung zum Thema "Macht in der Kirche" die Betroffene Katharina Kracht, die selbst Mitglied des Beirats war, bereits massive Kritik am Vorgehen der EKD geäußert. Die Betroffenen seien nicht einbezogen worden und ihre Perspektive in der Kommunikation "ausradiert": "Dieses Vorgehen ist insgesamt charakteristisch dafür, wie Betroffenenbeteiligung in der Evangelischen Kirche läuft. Mit ihrer Macht und gerade auch mit ihrer Diskursmacht geht die Evangelische Kirche ohne großes Verantwortungsbewusstsein um. Ihre Deutungshoheit stellt sie nicht in Frage", so Kracht.

Um das Podium, auf dem neben den Bischöfen auch die Schriftstellerin und Essayistin Petra Morsbach diskutierte, hatte es im Vorfeld des ÖKT Missstimmungen gegeben. Laut mehreren Betroffenenorganisationen soll für die Moderation ursprünglich die Journalistin Kerstin Claus vorgesehen gewesen sein. Claus, die selbst Missbrauchsbetroffene ist, sei aber von Meyns als Moderatorin abgelehnt worden. Während die Veranstalter des ÖKT an Claus festhalten wollten, hatte sie schließlich selbst ihre Teilnahme abgesagt.

Bereits am Freitagabend bei der ÖKT-Festveranstaltung kritisierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Aufarbeitung von Missbrauch in den Kirchen. Angesichts einer zunehmenden Säkularisierung müsse man sich kritisch fragen, wo die Kirchen selbst zum Prozess der Entfremdung beitragen. "Zuvorderst nenne ich da die quälend langsame Aufdeckung und Aufarbeitung abscheulicher Verbrechen an den Schwächsten unter uns, an Kindern und Jugendlichen. Verbrechen, die in den Kirchen lange Zeit vergessen oder verschwiegen wurden", so der Bundespräsident. (fxn)