An vielen Stellen verhalte sie sich "völlig unjesuanisch"

Passionsspiele-Leiter Stückl: Kirche vor Sturz in Bedeutungslosigkeit

Aktualisiert am 16.06.2021  –  Lesedauer: 

Augsburg ‐ Nur noch an wenigen Orten finde wirkliche Seelsorge statt: Christian Stückl, Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, prognostiziert, dass die Kirche in ein paar Jahren "völlig bedeutungslos" sein werde. Dabei hätte sie eine große Chance.

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Christian Stückl (59), Regisseur und Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, sieht die katholische Kirche vor einem Sturz in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit. Die Kirche habe sogar in tiefkatholischen Regionen Bayerns "ein Riesenproblem", sagte der Theaterintendant der "Augsburger Allgemeinen" (Mittwoch). Wegen einer geringen Zahl an Priestern finde "nur noch an wenigen Orten wirklich eine Seelsorge statt", so Stückl. Er kenne Priester, die "völlig überfordert" seien.

"Der Kirche droht ein Generationenloch", warnte Stückl. "In ein paar Jahren wird Kirche völlig bedeutungslos sein", betonte er. "Kirche ist nicht mehr Teil unserer Gesellschaft", kritisierte der Passionsspielleiter. "Ich war früher ein extrem eifriger Kirchgänger, habe mich immer mit dem Thema auseinandergesetzt, ich war in einem katholischen Jugendverband engagiert", so der Theater-Experte. "Aber wir hatten in Oberammergau einen Pfarrer, der jede Diskussion abgewürgt hat, weil er sagte: Ich bin der Theologe, ich habe es studiert und du bist ein Laie." Dieser Pfarrer habe damals Stückl und andere Jugendliche seiner Generation "aus der Kirche vertrieben".

"Große Chance, wenn..."

Stückl erklärte weiter: "Die Kirche hätte eine große Chance, wenn sie es schaffen würde, sich wirklich auf Jesus zu beziehen." Stattdessen verhalte sie sich an vielen Stellen "völlig unjesuanisch", kritisierte er. Etwa als sie Wiederverheiratete von der Kommunion ausschließen wollte oder im Missbrauchsskandal.

"Ich habe mich immer mehr entfernt von theologischen Begriffen wie Schuld, Sünde, Sühne", betonte Stückl. "Ich orientiere mich an dem Jesuswort: Wenn ihr Glauben habt, dann könnt ihr Berge versetzen und die Welt verändern", so Stückl. "Wenn die Zuschauer merken, dass dieser Jesus wirklich für etwas kämpft", dann sei der Glaubenssatz "Durch seinen Tod sind unsere Sünden vergeben" nebensächlich.

Christian Stückl ist seit 1987 Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele. Diese gehen auf ein Pestgelübde der Oberammergauer Einwohner aus dem Jahr 1633 zurück und werden alle zehn Jahre aufgeführt. Turnusmäßig hätten die Spiele vergangenes Jahr stattfinden sollen, wegen der Corona-Pandemie wurden sie jedoch auf 2022 verschoben. (mal/KNA)