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Standpunkt

Versagen in Afghanistan bringt christliches Wertegerüst ins Wanken

Der Westen hat sein Versprechen gebrochen, in Afghanistan für Frieden, Demokratie und Menschenrechte zu sorgen, kommentiert Matthias Drobinski. Für ihn wankt durch das Versagen jetzt auch das christliche Wertegerüst des Westens.

Von Matthias Drobinski |  Bonn - 20.08.2021

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Am Beginn des Kampfes der westlichen Truppen gegen die Taliban in Afghanistan stand vor 20 Jahren ein Versprechen: Wir, der Westen befreien die Menschen nicht nur von der mörderischen Diktatur der Islamisten. Wir werden Frieden bringen und Demokratie, uns für Menschenrechte und den Aufbau einer Zivilgesellschaft einsetzen.

Tatsächlich haben Hilfsorganisationen und auch die deutsche Bundeswehr viel dafür getan, dass in Afghanistan zaghafte Ansätze einer Zivilgesellschaft erblühten. Doch insgesamt hat der Westen dieses Versprechen nicht gehalten, gar gebrochen. Er hat es nicht halten können, weil die Gegen- und Beharrungskräfte im Land stark blieben. Er hat es aber vor allem gebrochen, indem er ein korruptes Regime stützte und für die meisten Menschen in Afghanistan war, was so viele Mächte zuvor waren: Besatzer, die ihre Interessen mit wohlklingenden Absichtserklärungen schmückten. Die Verhandlungen Donald Trumps in Doha haben das offenbar werden lassen, der daraus resultierende, einer schmählichen Flucht gleichende Abzug hat das Versagen komplettiert. Es ist nicht nur ein Versagen der Militärs und Geheimdienstler. Es wankt das mal christlich, mal abendländisch genannte Wertegerüst, auf das die Europäer und Amerikaner zu Recht so stolz sind.

Auch deshalb muss die Bundesregierung jetzt alles tun, um noch möglichst viele der Menschen nach Deutschland zu holen, die für deutsche Einrichtungen gearbeitet haben – vor Monaten hätte dies schon geschehen müssen, und wer nun die verzweifelten Hilferufe der Ortskräfte hört, kann sich da nur schämen für sein Land. Auch deshalb müssen die Bundesrepublik, die Europäer, die Vereinigten Staaten großzügig sein, wenn demnächst verstärkt geflüchtete Afghaninnen und Afghanen an ihren Grenzen auftauchen.  Es geht um die Frage, was die Versprechen der westlichen Demokratien wert sind. Dass Armin Laschet dazu nichts besseres einfällt als zu erklären, die Flüchtlingskrise von 2015 dürfe sich nicht wiederholen, zeigt, dass er das nicht verstanden hat. Es ist ein Wahlkampf-Satz, der den in Kabul zitternden Helferinnen und Helfern der Deutschen noch einen Tritt verpasst.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Reporter bei der Zeitschrift "Publik-Forum".

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