Jesuitenpater Klaus Mertes
Der Kirche sei "die Helferposition verschlossen"

Mertes kritisiert kirchliche "Mitleidssprache" bei Missbrauch

Eine "Mitleidssprache", die von "Sorge um die Opfer" rede, wie es oft in offiziellen kirchlichen Verlautbarungen heiße, stimme nicht mehr: Für den Jesuiten Klaus Mertes scheitert kirchliche Sprache im Kontext Missbrauch gleich aus mehreren Gründen.

Freiburg - 26.08.2021

Nach Einschätzung des Jesuiten Klaus Mertes fehlt der katholischen Kirche eine angemessene Sprache für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Der Kirche seien im Verhältnis zu Missbrauchsbetroffenen "gewohnte Rollen versagt", schreibt Mertes in einem Beitrag für die Zeitschrift "Herder Korrespondenz" (September). Eine "Mitleidssprache", die von "Sorge um die Opfer" rede, wie es oft in offiziellen kirchlichen Verlautbarungen heiße, stimme nicht mehr.

Der Kirche sei "die Helferposition verschlossen". Mertes: "Es ist ein Unterschied, ob sich der Samariter dem Geschlagenen am Wegesrande zuwendet, wenn er von anderen Personen ausgeplündert wurde, oder ob er selbst ihn oder sie ausgeplündert hat."

Im Kontext Missbrauch stimme kirchliche Sprache aus mehreren Gründen nicht mehr, so Mertes. Sie scheitere etwa daran, "dass sie überhaupt noch Worte machen will, wo ihr die Worte doch gerade genommen sind". Zudem arbeite sich Kirche mit manchen sprachlichen Äußerungen und Bildern in die Nähe zu den Opfern vor, obwohl sich der Graben zwischen Täter- und Opferperspektive nicht von der einen zur anderen Seite überspringen lasse. "Betroffene erleben solche Sprache als Übergriff", so der Jesuit.

"Kirchliche Sprache triggert nun bei den Betroffenen Traumata an"

Außerdem hätten sich "Missbrauchstäter und auch Vertuscher für ihr Tun und Unterlassen der kirchlichen Sprache bedient und sie dadurch kontaminiert", so Mertes. "Kirchliche Sprache triggert nun bei den Betroffenen Traumata an. Sie tröstet und erbaut nicht mehr", betonte der 67 Jahre alte Jesuit.

Mertes hält eine "unabhängige Aufarbeitungsinstanz" für Missbrauch in der katholischen Kirche für notwendig. "Die Institution kann die Aufarbeitung von Missbrauch aus eigener Kraft allein nicht stemmen", schreibt er. Es bedürfe einer Instanz "von außen".

Die Kirche in Deutschland versuche seit Jahresbeginn mit den "Standards für eine unabhängige Aufarbeitung" und mit der Unabhängigen Kommission für die Anerkennungsleistungen (UKA) "erste Schritte des Loslassens". Weiter verwies Mertes auf jüngere bischöfliche Äußerungen nach Einführung von Verwaltungs- und Disziplinargerichtsbarkeiten in der Kirche, "um Amtsversagen nach transparenten und gerechten Verfahren aufarbeiten zu können". Auch dies resultiere aus einer Ohnmacht, "nicht aus eigener Kraft monarchisch" Missbrauch aufarbeiten zu können, so Mertes. Er hatte als damaliger Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin wesentlich dafür gesorgt, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche 2010 öffentlich wurde. (KNA)