Synodaler Weg: Schritte zu einer echten Reform katholischen Lebens
Pastoraltheologe Matthias Sellmann analysiert die zweite Synodalversammlung

Synodaler Weg: Schritte zu einer echten Reform katholischen Lebens

Beschlussunfähigkeit, Abbruch: Trotz des Eklats bei der Versammlung des Synodalen Wegs sieht der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann wertvolle Kennzeichen von Dialogbereitschaft und gemeinsam wachsender Handlungsfähigkeit im Reformprozess. In einem Gastbeitrag analysiert er das Treffen.

Von Matthias Sellmann |  Bochum - 06.10.2021

Viele haben registriert, dass die Zweite Synodalversammlung vorzeitig abgebrochen wurde. Dies war ohne Zweifel ein Eklat, der zu Recht kritisiert wurde. Die fehlende Beschlussfähigkeit am Ende kann aber auch als Lernergebnis für die ganze Versammlung gelesen werden: Viele erleben solches Arbeiten mit Anträgen, Redezeitbegrenzungen, Einreichungsfristen und limitierenden Geschäftsordnungen zum ersten Mal. Die Synodalversammlung ist damit auch eine schon in sich wertvolle gemeinsame Einübung in demokratisches Miteinander.

Und wer Vorbehalte hatte gegenüber solch parlamentsähnlichem Beraten, weil das doch alles nur ineffektiv und bloße Zeitverschwendung sei, wird sich korrigieren müssen. Eine fehlende Stunde am Ende kann nicht die vorangegangen zwanzig Stunden intensiven Beratens und Entscheidens vergessen machen.

Diese Zeit war enorm effektiv und verdient eine nähere Beachtung. An dieser Stelle soll daher eine vertiefende Sicht aus der Perspektive eines Teilnehmers am Synodalen Weg als Angebot zur Information stehen. Ich möchte acht kurze Positionsbestimmungen zum aktuellen Stand des Reformwegs vornehmen.

Instrument gegen Missbrauchs-Faktoren

Das meiner Meinung nach Wichtigste: Die Vertreterinnen und Vertreter des Beirats der von kirchlicher sexueller Gewalt Betroffenen haben dem Synodalen Weg ihr Vertrauen ausgesprochen. Sie haben sich mit eindringlichen Statements an der Debatte beteiligt. Und sie haben bestätigt, dass sie im Synodalen Weg ein wirksames Instrument erkennen, die systemischen Risikofaktoren für weiteren Missbrauch in kirchlichen Strukturen zu senken.

Matthias Sellmann ist Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) und Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Mehr als 200 Synodale waren anwesend und repräsentierten die vielen pluralen Strömungen und Interpretationen katholischen Lebens. Viele auch sehr persönliche Statements sowohl von Bischöfen wie von Laien unterstrichen, dass es der Versammlung nicht bloß um ein Papierfeuerwerk ging. Hier waren Menschen versammelt, die auch anhand ihrer eigenen Biografie auf beeindruckende Weise verdeutlichten, dass es ein 'Weiter so' nicht geben kann. Große Mehrheiten von fast durchgängig 80 Prozent sprachen sich für richtungweisende Grundlagentexte und daraus folgende klare kirchenpolitische Reformschritte aus. Das bedeutet: Der Synodale Weg in Deutschland hat ein klar ausgewiesenes und nun auch öffentlich proklamiertes konzeptionelles Programm, und er hat klare ausgewiesene Handlungskonkretionen. Beide sind mit enormer Mehrheit bestätigt. Wer dem Reformkurs weiterhin vorwirft, er sei schwammig, ist lese- und denkfaul. Sowohl die Grundlagentexte zu einer neuen Macht- und Gewaltenteilung in der Kirche wie zu einem auf der neu bestimmten Würde der Personen beruhenden Ideal von Sexualität sind gleichermaßen paradigmatisch wie anschlussfähig für eine weltanschaulich plurale Gesellschaft. Der Grundtext zur Lebensform des Priesters wird überarbeitet, der zu 'Frauen in der Kirche' bald vorgelegt. Die ebenfalls mit den erwähnten Mehrheiten beschlossenen Handlungstexte werden kirchliche Praxis verändern. Hier ging es unter anderem um strukturelle Mitbestimmungsrechte in Pfarrei und Diözese; um die Debatte des Frauenthemas auf Weltebene und die "Mandatierung" der DBK, es auch in den weltweiten Synodalen Weg einzuspeisen; um die Beteiligung der Gläubigen an der Bischofswahl; um Frauen in Leitungspositionen; um Förderung des weiblichen Nachwuchses an theologischen Hochschulen; um die Verstetigung des Synodalen Weges in einem strukturell gesicherten Beratungs-, Entscheidungs- und Monitoringprozess. Das ist eben keine Kosmetik und auch keine Gremiengläubigkeit. Es sind Schritte zu einer echten Reform katholischen Lebens – hoffentlich mit dem Gewinn neuer Glaubwürdigkeit bei den Bürgerinnen und Bürgern hierzulande.

Keine Kosmetik und keine Gremiengläubigkeit

Eindrücklichen Mehrheiten stehen etwa 30 Synodale in fundamentaler Opposition gegenüber, die sich auf und mit dem Synodalen Weg offensichtlich völlig fremd fühlen. Sie machen ein anderes katholisches Selbstverständnis stark. Auch sie vertreten damit wertvolle Anliegen und dürfen im Synodalen Weg nicht mundtot gemacht werden. Auf polemische Schärfen und Entgleisungen können alle Seiten gut verzichten. Dabei liegt das vielleicht höhere Maß an Selbstdisziplin und Sensibilität bei denen, die sich mit ihren Positionen in der Mehrheit wissen. Mit Zurückhaltung in der Form erleichtern sie der Minderheit das klare Wort in der Sache, an dem allen gelegen sein muss. Trotzdem waren die Beratungen nicht insgesamt polemisch. In der überwiegenden Zeit befand sich die Versammlung in einem zwar engagierten, aber auch unaufgeregt-ruhigen Modus der Diskussion und Antragsbearbeitung.

 Rudolf Voderholzer bei Synodalversammlung

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hatte die Homepage "Synodale Beiträge" initiiert.

Gerade unter dem Eindruck einer Lagerbildung sind jene Zeichen und Schritte wichtig, die ein wechselseitiges Aufeinander-Zugehen signalisieren. So unterstrichen einige Autoren von Texten auf der Homepage "Synodale Beiträge", sie wollten tatsächlich Diskussionsbeiträge, nicht aber Komplettalternativen zu den Vorlagen aus den Synodalforen geliefert haben. Die ganze Versammlung stimmte dem Ansinnen zu, die Bedenken einiger Synodaler gegenüber gendergerechter Sprache auf der nächsten Versammlung in einem eigenen Format zu erörtern. Andere strittige Fragen sollen in öffentlichen Hearings intensiv verhandelt werden. Die Foren sollen künftig mehr zusammenarbeiten, um Schnittmengen, aber auch Kontroversen präziser zu bestimmen. Und der große Zeitdruck soll durch ein fünftes Treffen der Synodalversammlung gemildert werden. All dies sind wertvolle Kennzeichen von Dialogbereitschaft und gemeinsam wachsender Handlungsfähigkeit.

Aufgrund der kirchenrechtlich bestimmten Position der Bischöfe und ihrer satzungsgemäßen Möglichkeit, die Beschlüsse auf der Synodalversammlung mit einer Sperrminorität von einem Drittel zu Fall zu bringen, liegt eine besondere Verantwortung für das Gelingen bei den derzeit 66 Angehörigen des Episkopats. Es war deutlich zu erkennen, dass vielen Bischöfe die Chance dieser kirchengeschichtlichen Stunde bewusst ist. In der zweiten Synodalversammlung waren so viele bischöfliche Stimmen und Positionen zu hören wie nie zuvor im Prozess. Das war sehr wichtig für alle Synodale. Es wäre wünschenswert, wenn solche Positionsanzeigen auch künftig gesetzt würden, insbesondere auch von den Erzbischöfen als Metropoliten ihrer Kirchenprovinz. Aufgrund der inneren Struktur der Bischofskonferenz kommt ihnen eine eigene Rolle zu. Doch nicht von allen ist für die Synodalen ersichtlich, wie sie sich zum Synodalen Weg stellen.

Unterstützung aus dem Ausland

Starke Unterstützung kam von Beobachtern aus dem Ausland – diesmal aus Polen und der Schweiz – sowie aus der Ökumene, hier vertreten durch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Die Stimme aus Polen merkte angesichts der doch großen Textmengen scherzhaft an, der Mensch bestehe offenbar doch nicht nur als Leib und Seele, sondern aus Leib, Seele – und Unterlagen (= Papier). Es gab in den drei Statements keine auch nur angedeutete Sorge vor einer Abspaltung der deutschen Kirche von der Weltkirche oder einem deutschen Sonderweg. Es wäre wünschenswert, die internationale Vernetzung und den Austausch noch zu intensivieren.

Wiederholt wurde in der Aula der deutliche Wunsch nach einer besseren Verständigung mit dem Vatikan und den einschlägigen römischen Dikasterien laut. Dass der Synodale Weg in Rom auf großes Misstrauen stößt, ist bekannt. Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, folgte in Frankfurt an allen drei Tagen den Beratungen und wurde auch in mehreren Redebeiträgen direkt angesprochen. Leider äußerte er sich nicht. Umso mehr liegt in einem besseren Draht nach Rom eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben des Prozesses. Dies kann aber nicht einseitig eine Bringschuld der deutschen Ortskirche sein. Weltkirchliche Führung ist keine Einbahnstraße, sondern verlangt es, auch von sich aus proaktiv Misstrauen abzubauen. Es gehört zu dieser Holschuld Roms, sich nicht nur selektiv über die Vorgänge in Deutschland informieren zu lassen. Die deutschen Bischöfe werden durch die jüngeren römischen Entscheidungen in unzumutbare Loyalitätskonflikte gestellt, obwohl sie mit der Einrichtung des Synodalen Wegs ihrer pastoralen Verantwortlichkeit nachkommen und obwohl die gefundenen Beschlüsse innerhalb des geltenden Kirchenrechts bleiben. Diese Spannung muss benannt werden.

Hohe Autorität in der Synodalversammlung haben die Beiträge der jungen Synodalen und ihrer Repräsentanten aus dem BDKJ und anderen kirchlichen Gruppierungen. Es ist ermutigend, dass auch sie dieser ihrer Kirche weiterhin Großes zutrauen und sich auf dem Zukunftsweg mit Zeit, Ideen und ausgeprägter Frustrationstoleranz engagieren. Sicherlich gehören diese jungen Leute in der Synodalversammlung zu denen, die von ihrer Umwelt am meisten belächelt und gar bemitleidet werden, wenn sie zu ihrem Glauben und ihrem Einsatz stehen. Auch um ihretwillen ist dem Synodalen Weg das Gelingen aufgegeben.

Von Matthias Sellmann