"Man sucht sich seine Sexualität nicht aus"

Timmerevers und Overbeck: Kirchliche Sexualmoral weiterentwickeln

Aktualisiert am 01.12.2021  –  Lesedauer: 

Paderborn ‐ Über Jahrhunderte habe die Kirche "Menschen falsch beurteilt und mit ihrer Situation und Befindlichkeit alleingelassen und de facto in ein Abseits gestellt": Zwei deutsche Bischöfe fordern daher eine Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral.

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Die Bischöfe Franz-Josef Overbeck (Essen) und Heinrich Timmerevers (Dresden) mahnen eine Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral an. Homosexuelle Partnerschaften, Transgender und Diversität seien aufgrund neuer Erkenntnisse der Sexualwissenschaft neu zu bewerten, schreibt Timmerevers in dem am Mittwoch im Paderborner Bonifatius Verlag erschienenen Buch "Katholisch und Queer". "Man sucht sich seine Sexualität nicht aus." Über Jahrhunderte habe die Kirche "Menschen falsch beurteilt und mit ihrer Situation und Befindlichkeit alleingelassen und de facto in ein Abseits gestellt", so der Bischof. "Hier haben wir Unrecht begangen und sind auch schuldig geworden."

Overbeck wendet sich gegen "das Festhalten an einer Sexualmoral, die zum Beispiel gleichgeschlechtlich liebenden Menschen die Möglichkeit einer gelingenden und erfüllenden Beziehung praktisch verwehren möchte". Weiter schreibt der Ruhrbischof: "Die Lebenserfahrungen und tiefen Empfindungen derer, die homosexuell oder transident sind, haben mich sehr berührt." Die kirchliche Lehre müsse diese konkreten Lebenszeugnisse integrieren.

Jeder Versuch, Homosexualität als "unnatürlich" zu pathologisieren, stehe im Widerspruch zu den Erkenntnissen human- und sexualwissenschaftlicher Forschung. Das schlichte Wiederholen der bisherigen lehramtlichen Bewertung von Homosexualität könne niemanden mehr überzeugen, sondern führe lediglich dazu, dass sich Menschen gekränkt und verletzt von der Kirche abwenden, so der Essener Bischof.

Papst bringt "neue Form der Wertschätzung zum Ausdruck"

Papst Franziskus habe deutlich gemacht, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften rechtlichen Schutz verdienen, schreibt Overbeck weiter. Damit bringe er "eine neue Form der Wertschätzung zum Ausdruck, die den Ausgangspunkt für eine (ortskirchliche) Neubewertung der Homosexualität bilden kann". Allerdings stehe diese Entwicklung in einem Spannungsverhältnis zum Nein der vatikanischen Glaubenskongregation zu einer Segnung homosexueller Partnerschaften.

Laut geltender katholischer Lehre ist es zwar keine Sünde, homosexuell zu empfinden. Gleichgeschlechtliche Handlungen sind demnach aber "in sich nicht in Ordnung" und das Ausleben der Sexualität nur der Ehe von Mann und Frau vorbehalten. In dem von Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann und Mara Klein herausgegebenen Buch schildern lesbische, schwule, gleichgeschlechtlich lebende, bisexuelle, sowie trans, inter, nichtbinäre und andere queere Menschen ihre Erfahrungen mit Glauben und Kirche. Auch Menschen aus ihrem Umfeld wie Eltern oder Geschwister sowie Stimmen aus Verbänden, Amtskirche, Theologie und Seelsorge kommen zu Wort.

Die kirchliche Sexualmoral steht auch auf der Agenda des Synodalen Wegs. In ihrem Reformdialog beraten die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland. Ausgangspunkt ist eine jahrelange Kirchenkrise, die der Missbrauchsskandal verschärft hat. Weitere Schwerpunktthemen des Reformprozesses sind die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche. (tmg/KNA)

Das Buch

Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann, Mara Klein (Hrsg.): Katholisch und Queer – Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Bonifatius Verlag, Paderborn 2021, ISBN 978-3-89710-915-5, 304 Seiten, 22 Euro.