Teil der Zivilgesellschaft und "dritter Ort"

Wie die Kirche auf dem Land Menschen verbindet

Aktualisiert am 10.02.2022  –  Lesedauer: 

Göttingen ‐ Die Kirche ist vor allem auf dem Land ein wichtiger Akteur, wenn es um die Vernetzung von Menschen geht. Die Forscherin Ljubica Nikolic erklärt im katholisch.de-Interview, wie die Kirche trotz vieler Austritte vor Ort noch wirken kann – und welche Probleme zusätzlich lauern.

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Ländliche Räume haben viele Probleme: Es gibt deutlich weniger Infrastruktur als in Städten und Menschen ziehen dort weg. Im gesellschaftlichen Zusammenleben spielt deshalb die Kirche dort eine besondere Rolle – die aber auch ihrerseits mit Problemen zu kämpfen hat. Ljubica Nikolic ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume an der Georg-August-Universität Göttingen, sie arbeitet immer wieder mit den Menschen auf dem Land und erforscht Soziale Orte abseits urbaner Zentren. Im Interview spricht sie über die besondere Stellung der Kirche dort und deren Netzwerk-Effekt.

Frage: Frau Nikolic, oft hört man, dass im ländlichen Raum die Kirche noch eine bedeutende Stellung im gesellschaftlichen Leben einnimmt, die sie in der Stadt nicht mehr hat. Stimmt das?

Nikolic: Das kann man genauso wenig verallgemeinern wie man "den" ländlichen Raum verallgemeinern kann. Wie Kirche sich als sozialer Akteur auf dem Land verhält, hängt sehr von Einzelpersonen ab. Ich war zum Beispiel in Diemelstadt (Waldeck-Frankenberg, Hessen), wo der Bürgermeister mehrmals im Gespräch die besondere Rolle der dortigen Pfarrerin betont hat, sei es bei der Weiterentwicklung des Dorfes im Rahmen einer Zukunftswerkstatt oder auch der Aufnahme von Geflüchteten. Dort gab es schon vor der Pandemie eine Dorf-App, wo Neuigkeiten aus der Verwaltung oder den Vereinen verbreitet wurden, aber auch untereinander kommuniziert werden konnte. Während der Lockdown-Phasen in der Pandemie wurden dort nicht nur Kindergartenschließungen kundgetan oder Nachbarschaftseinkäufe organisiert, sondern auch Formate für Gläubige entwickelt. So wurde seelsorgerische Arbeit über Online- Gottesdienste sowie Gebetstexte geleistet– und das wurde von den Menschen gut angenommen.

Frage: Welche Rolle nimmt Kirche im ländlichen Raum ein?

Nikolic: Die Kirche wird oft als ein Bestandteil der Zivilgesellschaft wahrgenommen. Sie ist ein sogenannter "dritter Ort", also eine Sphäre, die nicht der Arbeitsplatz und nicht das eigene Zuhause ist, wo sich Menschen verschiedener Herkunft, Einstellung und Gesellschaftsschicht begegnen, selbst wahrnehmen und austauschen können. Sie hat eine niedrige Zutrittsschwelle: Jeder kann kommen. Das ist in einer Zeit, in der sich viele Menschen in ihre eigenen Blasen zurückziehen, immer relevanter. Kirche kann also als Korrektiv fungieren zwischen verschiedenen Haltungen und Meinungen.

Sie hat außerdem haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, die vernetzt sind und gestalten wollen. Da spielt auch hinein, dass die Kirche deutschlandweit präsent ist – das macht sie als sozialen Akteur stabiler und effektiver. Denn wer nur in einem kleinen Radius wirkt, kann weniger bewirken als wenn ein überregionales Netzwerkedahinter steht. Immer mehr sehe ich die Kirche aber auch als eine Institution, die Personal und Räume hat und mit beidem gesellschaftliches Leben verbessern kann. An diesem Punkt ist sie aber noch nicht überall.

Frage: Verändert sich das Engagement der Kirche?

Nikolic: Ich habe den Eindruck, dass sich Kirche gerade mehr öffnet und mehr über den "seelsorgerischen Tellerrand" gucken möchte. Sie bringt sich auch in Fragen der Daseinsvorsorge mehr ein. Dazu gehören Allianzen mit anderen Akteuren auf lokaler Ebene, um einfach bessere Lebensbedingungen für die Menschen zu schaffen. In diesem Zusammenspiel nimmt die Kirche oft eine moderierende Rolle ein und vermittelt zwischen Vereinen, Unternehmen, Einzelpersonen und der Verwaltung. Sie engagiert sich darin, Bürger in einer Gemeinde zu halten und Zugezogene zu integrieren. Die seelsorgerische Arbeit steht immer noch an erster Stelle, ansonsten ist das Betätigungsspektrum der Kirchen aber breiter geworden. Dahinter stecken enorme Möglichkeiten, immerhin hat die Kirche ein überregionales Netzwerk, kaum eine andere Institution kann das von sich behaupten.

Frage: Aber es hängt an Personen.

Nikolic: Wenn ich durch die Provinz fahre, sagen die Leute dort nicht "Da hat die Kirche was gemacht", sondern: "Pfarrer XY ist da ganz aktiv". Es ist nicht die Institution Kirche, sondern ihre Vertreter, die vor Ort in Augenschein treten.

Bild: ©Privat

Ljubica Nikolic ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume an der Georg-August-Universität Göttingen.

Frage: Wie ändert sich dieses Gefüge durch die vielen Kirchenaustritte?

Nikolic: Das kommt, denke ich, auf den Grund für den Austritt an. Wer massiv enttäuscht der Institution Kirche den Rücken kehrt, etwa wegen der Missbrauchsfälle, wird nach einem Austritt Angebote von kirchlichen Akteuren wahrscheinlich ignorieren. Wenn die Kirche dann aber in einem heterogenen Akteursmix mit etwa der Stadtverwaltung, der Zivilgesellschaft und Unternehmen auftritt, können solche Menschen dennoch an der gleichen Aktion teilnehmen und dabei ihr Gesicht wahren. Es geht also darum, dass die Ausstellung oder das Konzert in der Kirche nicht nur von der Kirchengemeinde allein veranstaltet werden.

Viel bedeutsamer für das Strukturelement Kirche sind jedoch die Pfarreizusammenlegungen und Kirchenschließungen. Da muss die Kirche noch nicht einmal abgerissen werden, es reicht schon, wenn sie verkauft und zu einem Restaurant, Wohnungen oder einer Kletterhalle umfunktioniert wird. Dann ist das zwar immer noch ein Ort, an dem sich Menschen treffen und an dem kommuniziert wird. Aber die Zugangsschwelle ist nicht mehr so gering. Denn entweder muss Miete, Eintritt oder die Essensrechnung bezahlt werden.

Frage: Was muss passieren, um diese Kommunikationsräume zu erhalten?

Nikolic: Indem stellvertretende Orte gefunden werden. Wenn sich die Kirche alleine nicht mehr lohnt, kann sie ja vielleicht ein Multifunktionsgebäude werden. Kirche, Gemeindehaus, Bushaltestelle, Vereinsheim und Schwarzes Brett in einem – solche Gebäude gibt es bereits. Da muss sich die Kirche dann mit anderen Akteuren zusammentun, ist aber vor Ort immer noch vertreten.

Frage: Was ist denn, wenn die Kirche doch wegfällt?

Nikolic: Zieht sich die Kirche als sozialer Player zurück, es besteht aber ein von vielen empfundener Bedarf, springen andere Akteure ein. Daseinsvorsorge wird immer mehr im trisektoralen Mix aus Verwaltung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft geleistet. Die Kirche hätte eine Chance auf Mitwirkung verpasst. Sorge machen hier nur Akteure, deren Handlungsorientierungen als unzivil und antidemokratisch bezeichnet werden muss. Wenn „rechtsaußen“-Akteure sich anschicken, einen Sozialen Ort aufzubauen, sollten alle Alarmglocken klingen, auch in der Kirche.

 Weiterhin kommt es auf die Dauer des Engagements an. Eine Initiative oder Projektgruppe arbeitet gezielt für ein bestimmtes Anliegen, die können unter Umständen ein Sozialleben nicht über einen längeren Zeitraum – also nachhaltig – tragen. Deshalb ist die Kirche als Faktor so wertvoll: Weil sie ihr Engagement auf lange Zeit ausrichtet.

Frage: Inwiefern spielt da denn auch das Umfeld eine Rolle? Beispielsweise in Ostdeutschland gibt es mit Blick auf die Kirche eine ganz andere Bevölkerungszusammensetzung.

Nikolic: Das spiegelt sich in der gesellschaftlichen Verankerung wieder. In Ostdeutschland ist die Kirche ein Akteur unter mehreren und wird dort in der Regel bei den Vereinen einsortiert. In den Ländern der alten Bundesrepublik hat die Kirche eine herausgehobenere Stellung, dort haben die Menschen auch die Vielschichtigkeit des kirchlichen Engagements eher präsent. Sie zählt dort bis heute nicht zum restlichen Tableau von ehrenamtlichem Engagement.

Was generell gilt, ist die Bedeutung der Kirche als Mittlerin, als Netzwerk. Oft spielt sie bei Initiativen nicht die erste Geige, fungiert aber als verbindendes Element im Hintergrund. Sie ist oft dabei und bringt so Menschen zusammen, die sonst ganz unterschiedlich verortet sind. Ihre Stärke liegt also in der Subtilität ihres Handelns.

Von Christoph Paul Hartmann