Neue Höchstzahl an Kirchenaustritten in 2021

Erstmals weniger als 20 Millionen Protestanten in Deutschland

Aktualisiert am 09.03.2022  –  Lesedauer: 

Hannover ‐ Keine guten Aussichten: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 2021 eine neue Höchstzahl an Austritten erreicht. Die Gesamtzahl der Protestanten unterschreitet erstmals die 20-Millionen-Grenze. Die EKD hat zudem Gründe für Austritte erhoben.

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Die Zahl der Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist erstmals unter die 20-Millionen-Grenze gerutscht. Zugleich verzeichnet die Kirche eine neue Höchstzahl an Austritten. Nach den am Mittwoch in Hannover veröffentlichten "vorläufigen" Zahlen gehörten Ende 2021 insgesamt 19,72 Millionen Menschen einer der 20 Gliedkirchen der EKD an (23,7 Prozent der Gesamtbevölkerung). Das sind rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr, als 20,2 Millionen Mitglieder gezählt wurden. Die katholische Kirche veröffentlicht ihre – dann endgültige – Jahresstatistik erst im Sommer.

Ursachen für die Entwicklung waren die im Corona-Jahr erhöhten Sterbefälle (360.000) sowie die Rekordzahl von 280.000 Kirchenaustritten. 2020 waren es 220.000 und im bisherigen Rekordjahr 2019 rund 270.000. Die Zahl der evangelischen Taufen hat sich mit 115.000 gegenüber 2020 zwar deutlich erhöht, erreicht aber längst nicht das Niveau von vor der Coronakrise. Die Aufnahmen blieben mit rund 18.000 ungefähr auf dem Vorjahresniveau.

"Entschieden gegensteuern"

"Zwar hängt die Ausstrahlkraft einer Kirche nicht allein an der Zahl der Mitglieder, die ihr formal angehören, trotzdem werden wir sinkende Mitgliederzahlen und anhaltend hohe Austrittszahlen nicht als gottgegeben hinnehmen, sondern dort, wo es möglich ist, entschieden gegensteuern", sagt die EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus. Dazu beitragen sollen auch gezielte Taufinitiativen. In vielen Landeskirchen würden derzeit besondere Taufangebote unterbreitet, um Familien, die während des Lockdowns kein Tauffest feiern konnten, Gelegenheit zu geben, die Taufe nachzuholen, hieß es.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Annette Kurschus
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Annette Kurschus, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Ursachenforschung betreibt die evangelische Kirche bei den Austrittsgründen: In einer qualitativen Teil-Studie und einer repräsentativen Umfrage hat das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der EKD Gründe und Anlässe für Austritte seit 2018 erhoben. Dabei wird deutlich, dass nur eine Minderheit einen konkreten Anlass zum Kirchenaustritt hatte: 24 Prozent vormals Evangelische, aber 37 Prozent vormals Katholische.

Skandale als mutmaßlicher Grund

"Es ist davon auszugehen, dass Skandale zur Austrittsspitze 2019 beigetragen haben, insbesondere bei den vormals Katholischen", so die Soziologin Petra-Angela Ahrens, die die Studie durchgeführt hat. Katholiken seien zum Zeitpunkt ihres Austritts tendenziell noch viel stärker mit ihrer Kirche verbunden und vollzögen also einen "regelrechten Bruch". In erster Linie vollziehe sich der Austritt jedoch als Generationen übergreifender Prozess, der mit einer fehlenden religiösen Sozialisation beginne.

Bei den weiterreichenden Gründen zeigt sich laut Studie, dass viele Kirchenmitglieder Religion und Glauben als unbedeutend für das eigene Leben empfinden. In diesem Zusammenhang haben insbesondere vormals evangelische Christen auch die Ersparnis der Kirchensteuer als Grund angeführt (71 Prozent zustimmende Voten). "Damit bestätigt sich die geläufige Figur einer 'Kosten-Nutzen-Abwägung' zur Kirchenmitgliedschaft, die bei fehlender religiös-kirchlicher Bindung einen Austritt wahrscheinlicher macht", so die Kirchensoziologin.

Laut der jüngsten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) war die Kirchenaustrittszahl in Deutschland im Jahr 2020 mit 221.390 die zweithöchste aller Zeiten, nur im Vorjahr lag sie höher (272.771). Insgesamt machten die Katholiken mit 22.193.347 Kirchenmitgliedern 26,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. (tmg/KNA)