Ludger Verst über den Ukraine-Krieg und den Verrat am Christentum

Patriarch Kyrill I. schützt die Mörder

Aktualisiert am 04.04.2022  –  Lesedauer: 
Meinung

Frankfurt ‐ In verwüsteten Vororten Kiews liegen Menschen leblos am Boden. Wehrlose Zivilisten, sogar Kinder. So schrecklich die Bilder, so schockierend die Erkenntnis: Patriarch Kyrill I. trägt eine Mitschuld an den Kriegsverbrechen, schreibt Ludger Verst.

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Die Region um Kiew nach dem Rückzug der russischen Armee: Es sind Bilder des Grauens. In verwüsteten Vororten liegen Menschen leblos am Boden. Vielen sind die Hände hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt. Wehrlose Zivilisten, sogar Kinder. "Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar", kommentiert der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak das Gesehene auf Twitter.

So schrecklich die Bilder, so schockierend die Erkenntnis. Was seit Wochen befürchtet, wird zur entsetzlichen Realität: Es sind russische Kriegsverbrechen, die nicht nur das Militär, sondern auch Präsident Putin und sein religiöser Verbündeter, der Moskauer Patriarch Kyrill I., zu verantworten haben.

Die staatstreue russisch-orthodoxe Kirche steckt mit dem Kriegstreiber Putin unter einer Decke. Präsident und Patriarch verfolgen mit ihrer Politik auch eine religiöse Agenda, sind sich Experten einig. Die Idee von einem "heiligen Schicksal Kiews und der Mutter Russland" sei ein fadenscheiniges Motiv, um nicht nur Kiew, sondern die gesamte Ukraine zurückzuerobern, schrieb der Australier Tim Costello kürzlich im Guardian.

Wie Putin ist auch dem Patriarchen die Spaltung seiner Kirche in der Ukraine ein Dorn im Auge. Das Schisma begann, nachdem ein Teil der ukrainischen Diözesen sich wegen der russischen Annexion der Krim-Halbinsel und der Interventionen in der Donbas-Region 2018 vom Moskauer Patriarchat lossagten. Sie ließen sich vom ökumenischen Patriarchat Konstantinopel im heutigen Istanbul anerkennen.

Ein "metaphysischer Krieg"

In seiner Frühlingsrede rechtfertigte Kyrill das sinnlose und brutale Blutvergießen in der Ukraine, indem er forderte, dass sich die Menschen wieder strenger an die "göttlichen Gesetze" halten sollten. Die "falschen Freiheiten" des Westens, sein exzessiver Konsumkult und vor allem die Gay-Paraden — allesamt Ausgeburten der "Sünde" — müssten endlich bekämpft werden, wenn nicht das Ende aller Zivilisation nahen sollte. Daher befände sich Russland in einem "metaphysischen Krieg" und dürfte nicht länger tolerant gegenüber denen sein, die die "Verleugnung Gottes und seiner Wahrheit" betreiben und die Grenzen zwischen "Heiligkeit und Sünde" verwischen.

Was wir hier miterleben, ist in Krisen- und Angstsituationen nicht neu: Es polarisiert sich die Mentalität in einem Aggressionsmodus nach der Devise "Man muss mit allen Mitteln das Andere, das Fremde bekämpfen und das Eigene verteidigen." Es gehört so gut wie immer zum Vorlauf kriegerischer Angriffe, dass "Gott" für Polarisierungen in Gut und Böse, in Freund und Feind machtpolitisch in Anspruch genommen wird.

So wird die Frieden stiftende Idee von der Menschenfreundlichkeit Gottes und der Liebesfähigkeit des Menschen zugunsten eines Schulterschlusses zwischen Religion, Politik und Militär ein weiteres Mal verraten und verkauft. Mehr noch: Eine christliche Kirche, die Kriegsverbrechen mit "göttlichem Gesetz" rechtfertigt, ist nicht nur schlichtweg menschenverachtend; sie verliert in weltoffenen, demokratischen Gesellschaften auf Dauer jeden Grund und Sinn.

Von Ludger Verst

Der Autor

Ludger Verst ist Theologe, Berater, Publizist und Lehrbeauftragter im Institut für Pastoralpsychologie und Spiritualität der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

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