Moskaus Kirche in der Isolation – Patriarch wirbt um Verständnis

Nach sechs Wochen Krieg steht Kyrill I. weiter fest an Putins Seite

Aktualisiert am 08.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Moskau ‐ Aufgrund ihrer Treue zu Wladimir Putin gerät die russisch-orthodoxe Kirche weltweit in die Isolation. Plötzlich entdeckt Patriarch Kyrill die Ökumene als Rettungsanker. Das aber führt bei den anderen Kirchen zu heftigen Debatten.

  • Teilen:

Mit zunehmender Fassungslosigkeit schauen die Kirchen weltweit – auch aus der Orthodoxie – auf den Moskauer Patriarchen Kyrill I. Der steht auch nach sechs Wochen Krieg in der Ukraine fest an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zuletzt wandte sich der 75-Jährige am Sonntag in der Hauptkirche der russischen Streitkräfte in Kubinka bei Moskau an die Soldaten und rief sie auf: "(Wir müssen) unserem Eid und unserer Bereitschaft treu bleiben, unser Leben für unsere Freunde hinzugeben, wie es das Wort des Allmächtigen besagt."

Wohl kaum zufällig erinnerten diese Worte an die zynische Aussage Putins bei einer Großveranstaltung im Moskauer Luschniki-Stadion am 18. März: "Und hier kommen mir die Worte aus der Heiligen Schrift in den Sinn: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt."

Friedensrhetorik für einen Angriffskrieg

Wie für Putin ist es dabei offenbar auf für den russisch-orthodoxen Patriarchen kein Problem, die Soldaten mit Friedensrhetorik in einen Angriffskrieg zu entsenden, den er selbstredend nicht als solchen bezeichnet: "Wir sind ein friedliches Land und ein sehr friedliebendes, leidgeprüftes Volk, das wie nur wenige europäische Völker unter Kriegen gelitten hat. Wir haben keinerlei Drang nach Krieg oder nach irgendetwas, das anderen schaden könnte", behauptete er in seiner Predigt in der pompösen, erst vor zwei Jahren geweihten Armeekirche. Aber Russen seien durch ihre Geschichte so erzogen worden, dass sie ihr Vaterland liebten und bereit seien, es zu verteidigen, wie nur sie es könnten, fügte er hinzu.

„Wir sind ein friedliches Land und ein sehr friedliebendes, leidgeprüftes Volk, das wie nur wenige europäische Völker unter Kriegen gelitten hat.“

—  Zitat: Patriarch Kyrill I.

Schon Anfang März hatte er in einem anderen Gottesdienst den russischen Krieg gegen die Ukraine als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen gerechtfertigt. Wenig später nannte er in einer Predigt den Schutz der Gläubigen vor "Gay-Pride-Paraden" Homosexueller indirekt als Legitimation für den russischen Einmarsch. Dieses Feindbild – böser Westen, gute Russen – ist bei ihm seit Jahrzehnten verfestigt, obwohl – oder weil? – er zu denjenigen russisch-orthodoxen Klerikern gehört, die schon zu Sowjetzeiten in den Westen reisen durften. Bereits bei der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung 2007 im rumänischen Sibiu/Hermannstadt fand er provozierende Worte über die angebliche Verderbtheit des Westens und seiner Kirchen, die säkulare Gesellschaft und die Postmoderne.

Insofern ist es durchaus bemerkenswert, dass der Patriarch ausgerechnet jetzt eine gewisse Öffnung zur Ökumene signalisiert. So beantwortete er überraschend ein an ihn gerichtetes Schreiben des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) – ohne freilich auf dessen Anliegen einzugehen, sich für ein Ende des Krieges einzusetzen. Stattdessen verbreitete er weiter die russische Propaganda von der Schuld des Westens an der Eskalation.

Nach seinen Video-Konferenzen mit Papst Franziskus und dem anglikanischen Primas Justin Welby erklärte Kyrill in Moskau vor dem Obersten Kirchenrat, als vielleicht wichtigsten Eindruck habe er gewonnen, "dass unsere Gesprächspartner sich nicht von uns distanziert haben oder zu unseren Feinden geworden sind". Er warb bei dem Gremium für die Fortsetzung ökumenischer Kontakte, "da sich unsere Kirche ohne all dies in völliger Isolation befinden würde und wir nicht die geringste Möglichkeit hätten, unseren Partnern unser Verständnis der Situation und unsere Sicht der Dinge zu vermitteln".

Bild: ©picture alliance/dpa/Sputnik/Sergey Guneev

Kyrill I. steht auch nach sechs Wochen Krieg in der Ukraine fest an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Angesichts dessen verspricht die Vollversammlung des ÖRK vom 31. August bis 8. September in Karlsruhe erregte Diskussionen. Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll.

Aggressor Putin und sein frommer Handlanger Kyrill

Unterdessen gibt es aber auch Initiativen aus westlichen Kirchen, die russisch-orthodoxe Kirche wegen ihrer Haltung zum Krieg gegen die Ukraine aus dem ÖRK auszuschließen. Dagegen argumentieren andere Kirchenvertreter, dass es in der immerhin weltweit mitgliederstärksten orthodoxen Kirche auch andere Stimmen gebe, die gestärkt werden müssten und mit denen die Gesprächsbeziehungen aufrechterhalten werden sollten. Auch wenn die Kirche sicher keinen unmittelbaren Einfluss auf das Kriegsgeschehen habe, könnte es eine wichtige Rolle spielen, wenn sie ihre Haltung der ideologischen Rechtfertigung aufgeben würde.

Ob dies je geschehen wird, kann momentan wohl niemand seriös abschätzen. Das Dilemma bleibt also – auch für Papst Franziskus. Denn auch er bemüht sich offensichtlich, nicht alle Türen nach Moskau zuzuschlagen. Was ihm auf der anderen Seite den Vorwurf einbringt, zwar den Krieg und die Gräuel zu verurteilen, aber Aggressor Putin und seinen frommen Handlanger Kyrill bisher noch zu sehr mit Samthandschuhen anzufassen.

Von Norbert Zonker (KNA)