Höhere Sensibilität für die Wirklichkeiten der Gegenwart gefragt

Liturgiewissenschaftlerin: Liturgiesprache braucht mehr Menschennähe

Aktualisiert am 12.04.2022  –  Lesedauer: 

Chur ‐ Viele Menschen tun sich schwer mit der Sprache der Liturgie. Die Liturgiewissenschaftlerin Birgit Jeggle Merz fordert daher mehr Nähe zu den Menschen in den Vorlagen: Liturgisches Beten lasse sich nicht auf einen historischen Stand einfrieren.

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Nach Ansicht der Liturgiewissenschaftlerin Birgit Jeggle-Merz braucht es in der Sprache liturgischer Texte eine größere Nähe zum Leben der Menschen von heute. Um Spuren im Alltag der Menschen setzen zu können, brauche es eine Sprache, an die man anknüpfen könne, schreibt Jeggle-Merz in einem Beitrag auf "feinschwarz.net" (Dienstag). "Um diese zu finden, muss man auf die Geschichten und die Wirklichkeiten der Menschen der Gegenwart hören und mit ihnen in einen Dialog treten." Nicht anders seien auch in früheren Jahrhunderten die liturgischen Vorlagen entstanden. "Die Liturgie, ihre Formen und auch ihre Sprache veränderte sich immer, wenn die Mentalitäten sich wandelten", so Jeggle-Merz, die Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur und außerordentliche Professorin für Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern ist.

Die Liturgiereform, des Zweiten Vatikanischen Konzils habe auch darauf abgezielt, eine in der Tradition verankerten Gebets- und Feierkultur zu bewahren, schreibt die Theologin weiter. "Allerdings geriet dabei zu oft aus dem Blick, dass die Kirche zu allen Zeiten die Formen von Verkündigung und Sprache je neu finden muss, um in ihnen das Evangelium weitergeben zu können." Die Tradition zu wahren, dürfe nicht bedeuten, zuallererst am Althergebrachten festzuhalten: "Liturgisches Beten lässt sich nicht auf einen historischen Stand einfrieren, sondern braucht die stete Fortschreibung, nimmt man ernst, dass Gebet immer ein aktuelles Geschehen ist." Wenn man den Menschen mit seinen Kontexten und Ausdrucksmöglichkeiten nicht ernst nehme, fördere das "die Entfremdung vom liturgischen Geschehen".

Dynamische, nicht formale Äquivalenz

Jede Generation müsse daher in einem Prozess des Aufeinanderhörens die liturgischen Vorlagen anpassen, korrigieren und ergänzen. Die Überarbeitung der liturgischen Bücher habe sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund vatikanischer Vorgaben als schwierig dargestellt. So habe die Übersetzerinstruktion "Liturgiam authenticam" (2001) jeder Übersetzung der lateinischen Liturgiebücher in die verschiedenen Muttersprachen enge Grenzen gesetzt, indem sie eine große Nähe zum lateinischen Text verbindlich vorgeschrieben habe. "Dieses Prinzip der formalen Äquivalenz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Liturgiedeutsch immer mehr an die Grenze zur toten Sprache geriet", betont Jeggle-Merz. Erst Papst Franziskus sei mit dem Motu proprio "Magnum Principium" (2017) wieder zum Prinzip der dynamischen Äquivalenz zurückgekehrt: "Das Ziel von Übersetzungen ist Verständlichkeit, nicht einfache Wortwörtlichkeit in Anlehnung an den lateinischen Text", schreibt Jeggle-Merz.

Die Liturgiewissenschaftlerin fordert, dass es ein Anliegen der gesamten Kirche sein solle, den heutigen Menschen einen Zugang zur Liturgie zu ermöglichen. Das betreffe nicht nur die Übersetzung der lateinischen Vorlagen, sondern "alle Formen der Kommunikation in liturgischen Feiern", insbesondere Predigten. Menschen wollten sich in der Liturgie angesprochen fühlen und die Fragen ihres Lebens gedeutet wissen. "Eine erhöhte Sensibilität für die Wirklichkeiten der Gegenwart in Sprache und Gestalt der Liturgie würde ihnen helfen, dies alles in den ihnen oft fremden und unbekannten liturgischen Feiern zu finden." (mal)