"Seit Jahrhunderten haben wir die weibliche Besonderheit erstickt"

Kardinal Ouellet: Unterordnung der Frau unter den Mann ist eine Sünde

Aktualisiert am 15.06.2022  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Es gebe kein vollständiges Bild des Menschen, wenn nur das Männliche vorherrschend sei, meint der kanadische Kardinal Marc Ouellet. Das Weibliche sei "der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft".

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Der kanadische Kurienkardinal Marc Ouellet hat die Unterordnung der Frau unter den Mann als "Frucht der Sünde" bezeichnet. "Wie viel Schaden haben wir als Männer angerichtet, indem wir einen Status der Überlegenheit gutgeheißen haben", sagte er laut dem US-amerikanischen Internetportal "Crux" (Mittwoch). Es gebe "kein vollständiges Bild des Menschen, wenn nur das Männliche als vorherrschend und einzig relevant angesehen wird", so der Kardinalpräfekt der Bischofskongregation. "Seit Jahrhunderten haben wir die weibliche Besonderheit erstickt."

Ouellet äußerte sich demnach auf einer Tagung einer Beobachtungsstelle für Frauen, die von der "World Union of Catholic Women's Organizations" (UMOFC) unterstützt wird. Die Beobachtungsstelle stellte die Ergebnisse eines ersten Berichts über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Frauen in Lateinamerika und der Karibik vor. Ouellet, der Präsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika ist, sagte laut Bericht, er hoffe, dass die Beobachtungsstelle "in ihre Beobachtungen das Licht des Glaubens einbringen wird. Der Glaube ist eine Erkenntnismethode, die hilft, die letzte Begegnung mit der Realität durch die Vielfalt der Informationen zu erkennen". Der Glaube ersetze die Vernunft nicht, sondern erweitere ihren Horizont, mache sie "verständnisvoller, herzlicher und im Grunde empathischer".

Frauen seien "Protagonistinnen des epochalen Wandels"

Das Weibliche sei "der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft". Er zitierte Papst Franziskus und sagte, dass die Frauen die "Protagonistinnen des epochalen Wandels" seien, dem die Welt gegenüberstehe. Die Frau sei in der Geschichte immer eine Hauptfigur gewesen, die aber oft unsichtbar gemacht worden sei. "Viele haben eine Mentalität in ihrem Bewusstsein verankert, die es ihnen nicht erlaubt, die Würde jeder Frau anzuerkennen, und sie stattdessen objektiviert und ausbeutet", so Ouellet.

Bei der Tagung äußerte sich auch die italienische Ordensfrau und Sekretärin des vatikanischen Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, Alessandra Smerilli. "Wenn die Wirtschaft eine Frau wäre, würde sie sich wirklich um das Gemeinwohl und die Fürsorge für den Menschen kümmern", sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Pandemie habe die Situation von Frauen in Bezug zum Zugang zu Nahrungsmitteln, Land, Technologie, Bildung, Landwirtschaft und Gesundheit ins Rampenlicht gerückt. (cbr)