Selbst Engagierte zweifeln und gehen

Rekord-Kirchenaustritte: Die Kirchenkrise ist chronisch geworden

Aktualisiert am 28.06.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Aufarbeitung und Reform ist die Antwort der Kirche auf ihre Krise. Doch die Kirchenaustrittszahlen steigen immer weiter. Längst verlassen nicht nur die Menschen die Kirche, die ohnehin nicht viel von ihr wissen wollten. Kann die Kirchenstatistik mehr leisten, als nur den Verfall zu kartieren?

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"Wenn wir heute die Statistik des Jahres 2020 vorlegen, dann sind diese Zahlen ein drastisches Spiegelbild dessen, wie sich die Corona-Pandemie auf das Leben in unseren Gemeinden auswirkt", analysierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Georg Bätzing im vergangenen Jahr die Zahlen der Kirchenstatistik für das Jahr 1 mit Corona: "Was musste nicht alles verschoben werden: Taufen, Erstkommunionfeiern, Firmungen und Hochzeiten." Jetzt liegen die Zahlen für das Jahr 2 mit Corona vor, ein Jahr, das mit einer Mischung aus Impfen und Optimismus, dass die Pandemie vorbei geht, deutlich weniger von Lockdowns geprägt war.

Immerhin: Was 2020 verschoben wurde, wurde 2021 wenigstens zu Teilen nachgeholt. Die Zahl der Sakramentenspendungen hat im Vergleich zum Vorjahr massiv zugenommen: Fast doppelt so viele Trauungen und Firmungen! Fast die Hälfte mehr Taufen! 10 Prozent mehr Erstkommunionen! Der kurzsichtige Blick nur auf das Vorjahr könnte optimistisch machen. Aber man braucht nur ein Jahr weiter zurückzugehen, um festzustellen: Was in dieser Statistik nach Rekord aussieht, kommt bei weitem nicht über die traurige vorpandemische Realität des Jahres 2019 hinaus. Allein die Firmungen übersteigen den Wert von 2019 – damit gab es 2021 bei diesem Sakrament nicht den historisch zweit- sondern nur den drittschlechtesten Wert. Bildet man den Durchschnitt aus den Jahren 2021 und 2020, liegen die Zahlen dieses Corona-Doppeljahres so weit unter denen von 2019, dass klar ist, dass bei weitem nicht jede Taufe, jede Firmung, jede Trauung nachgeholt ist, und mit jedem Jahr, das ins Land geht, dürfte die Wahrscheinlichkeit kaum steigen. Die kirchliche Kernkompetenz “Lebenswendengestaltung” hat ein Nachfrageproblem.

Bischof Heinrich Timmerevers (2.v.l) und Ministranten feiern mit einer kleinen Zahl an Gläubigen, die sich für diesen Gottesdienst vorher anmelden mussten
Bild: ©picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Matthias Rietschel (Archivbild)

Corona musste für viele Erklärungen herhalten – nicht alle, die 2020 wegblieben, kamen 2021 wieder.

Die bloße Anzahl der Austritte ist schon verheerend: Mit 359.338 Menschen haben 138.000 Personen mehr die Kirche verlassen als im Jahr zuvor. Vor zehn Jahren wären 138.000 Kirchenaustritte insgesamt schon besorgniserregend gewesen; im Schreckensjahr 2010, als das Ausmaß der Missbrauchsfälle in Deutschland offenbar wurde, traten 181.000 Menschen aus. "Nur", will man mit heutigem Blick fast sagen, da diese Größenordnung normal erscheint. Zu den Austritten kommen die Todesfälle und damit per Saldo fast 550.000 Katholiken weniger als im Jahr zuvor. Allzu lange kann sich das keine Organisation leisten.

Das Jahr der sich verschärfenden Kirchenkrise

2021 war ein Jahr der sich verschärfenden Kirchenkrise, geprägt vor allem von den Wirren um das Kölner Missbrauchsgutachten. In absoluten Zahlen steht das Erzbistum Köln mit über 40.000 Austritten an der Spitze, in relativen Zahlen ähnelt die Tabelle den Vorjahren: Die Diözesen mit den ganz großen Städten – Berlin, Hamburg, München, Köln, Dresden, Leipzig – haben die geringste Kirchenbindung, wo es noch Reste eines festgefügten Milieukatholizismus gibt, sind auch die Austrittszahlen deutlich unterdurchschnittlich: Görlitz, Paderborn, Osnabrück, Erfurt, Regensburg und Münster sind die ersten sechs. Im Vergleich zu 2019 hat sich Köln zwar einige Plätze nach hinten gearbeitet. Die Schlüsse aus den Zahlen von 2019 können aber quasi eins zu eins auf das aktuelle Jahr übertragen werden: Bistümer mit in den Reformdebatten besonders exponierten Bischöfen, sei es konservativ, sei es progressiv, finden sich in der Statistik so nah nebeneinander und über die ganze Skala verteilt, dass man kaum Einflüsse der kirchenpolitischen Großwetterlage in der jeweiligen Diözese als Erklärungsmuster heranziehen kann. Weder halten konservative Hirten ihre Herde besonders gut zusammen, noch halten progressive Bischöfe die Menschen in ihren weit ausgestreckten Armen, und die Statistik bei der evangelischen Kirche läuft ohnehin parallel in den Tendenzen, ganz abseits der spezifisch katholischen Gemengelage. Kirche allgemein ist egal, und mit ihr die in den innerkirchlichen Debatten so wichtigen Binnendifferenzierungen, was Kirche ist und sein soll.

Dass der Synodale Weg da noch nicht gezündet hat, kann nicht verwundern. "Der Aufbruch, den wir mit dem Synodalen Weg gehen, ist hier im Kontakt mit Gläubigen offenbar noch nicht angekommen", heißt es von Bischof Bätzing in seiner ersten Reaktion zu den Zahlen. Momentan ist der Aufbruch aber vor allem nur ein Aufbruch auf Papier – wie könnte es auch anders sein vor Ende des Wegs. Beschlüsse zeigen zwar eine Richtung an, zeigen einen bischöflichen Willen zur Reform, der noch vor wenigen Jahren so kaum denkbar gewesen wäre. Aber umgesetzt ist kaum etwas. Dort, wo es bereits die greifbarsten Ergebnisse gibt, im Bereich des kirchlichen Arbeitsrechts, ist die Reform noch im Entwurfsmodus. Was in der Kirche Revolution ist – die höchstpersönliche Lebensform soll im Arbeitsverhältnis keine rechtliche Konsequenzen haben! –, ist außerhalb der Kirche selbstverständlich. Die Reform in der Kirche hat als nachholende Modernisierung wenig Strahlkraft. Wo ansonsten nach den Beschlüssen des Synodalen Wegs  erste Umsetzungen vor Ort erfolgen, etwa in der Beteiligung der Laien an der Bestellung der Bischöfe, gibt es aktuell noch innerkirchliche Unzufriedenheit.

Trommelfeuer der Missbrauchsgutachten

Dazu kommt das Trommelfeuer der Missbrauchsgutachten: 2018 die MHG-Studie, Köln lag im Berichtszeitraum der aktuellen Kirchenstatistik,  in diesem Jahr folgten München und Münster, Freiburg steht noch an – und über Jahre noch viele weitere. In Passau wurde der Auftrag gerade vergeben. Die späte, aber im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Sektoren umfassende Aufarbeitung bringt immer wieder neu ans Licht, was über Jahre verschleppt und Jahrzehnte vertuscht wurde, und mit jeder Studie folgt ein neuer vom Skandal des Missbrauchs geprägter Nachrichtenzyklus, mit jeder Studie wird das Multisystemversagen, das Schweigekartell aus Bischöfen und Laien deutlich, die nicht nur Anfragen an die Integrität der Menschen in Verantwortung der vergangenen Jahrzehnte stellen, sondern das System Kirche auch existentiell und ekklesiologisch anfragen. 

Münsters Bischof Felix Genn bei seiner ersten Stellungnahme nach der Vorstellung des Gutachtens
Bild: ©Lars Berg/KNA (Archivbild)

Zuletzt nahm Münsters Bischof Felix Genn eine Studie zu Missbrauch in seinem Bistum entgegen. Er ist weder der erste und noch lange nicht der letzte Bischof, dem die Abgründe im Handeln seiner Diözese auf den Tisch gelegt werden.

Einen Befreiungsschlag kann man weder vom Synodalen Weg noch von der Aufarbeitung des Missbrauchs erwarten – eher im Gegenteil. Die Diskussionen beim Synodalen Weg haben ins Licht gerückt, wie lange – mindestens seit der Würzburger Synode in den 1970ern – zentrale Reformanliegen fruchtlos immer wieder neu diskutiert wurden. Die Geduld selbst in den optimistischen Kernmilieus ist erschöpft. Dass wohl irgendwann in den 20er-Jahren dieses Jahrtausends eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit in Kraft gesetzt wird, deren Grundzüge schon in den 1970ern ausformuliert wurden – das ist löblich, aber wen begeistert das noch, wen hält das, wen holt das zurück? Selbst wenn man die – manche sagen zynische, manche realistische – These des Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke von der "Beteiligungssimulation" Synodaler Weg nicht teilt, muss doch realistisch eingepreist werden, dass trotz ähnlicher Hoffnungen auf Reformen in anderen Teilen der Weltkirche manche postkonziliare Blütenträume nach Gleichberechtigung, Beteiligung und Entklerikalisierung an der Wirklichkeit der weltkirchlichen Entscheidungsmacht zerbrechen könnten. Den Optimismus, den die führenden Protagonisten des Synodalen Wegs, unter den Bischöfen wie unter den Laien, an den Tag legen, dürften in der Breite des verbliebenen Kirchenvolks die wenigsten teilen.

Mehltau über den Kernmilieus

Die nun veröffentlichten Zahlen sind die empirische Bestätigung eines bislang diffusen Gefühls, dass alles noch schlimmer ist als vor ein, zwei Jahren, eines Gefühls, das den Katholikentag – auch hier ein Rekord nach unten – vor wenigen Wochen schon geprägt hat: Eine akute Kirchenkrise gibt es eigentlich nicht, längst ist sie chronisch geworden und legt sich wie Mehltau auch über die Kernmilieus in den Gemeinden. Noch im vergangenen Jahr standen die engagierten Ehrenamtlichen im Pressestatement des Vorsitzenden als Gegenpunkt zu den vielen, die das Vertrauen verloren haben. In diesem Jahr ist klar, dass das Gruppen sind, die sich überschneiden, "dass mittlerweile nicht nur die Menschen austreten, die zu ihrer Pfarrei schon über einen längeren Zeitraum wenig oder sogar keinen Kontakt hatten, sondern es mehren sich Rückmeldungen, dass Menschen diesen Schritt gehen, die bisher in den Pfarreien sehr engagiert waren", so Bätzing.

Teilnehmer schauen Richtung Podium, während des 102. Deutschen Katholikentags in Stuttgart.
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

Der Katholikentag in Stuttgart blieb deutlich hinter den Hoffnungen zurück, was die Zahl der Teilnehmenden angeht – ob er auch hinter den Erwartungen zurückblieb, hing vom Grad an Optimismus ab.

Rekord-Zahlen, freier Fall, Kernschmelze, Implosion: Die jährlichen Superlative bei der Antextung der jeweils neuen Zahlen nutzen sich ab. Metaphorik braucht es dabei kaum, Zahlen genügen: 2018 gab es die bis dahin zweithöchsten Austrittszahlen. 2019 die höchsten. 2020 wieder die zweithöchsten. 2021 wieder die höchsten – bis dato. Was bleibt, ist die Hoffnung gegen alle Hoffnung, wenn Bischof Bätzing sagt: "Die Botschaft des Evangeliums hat Kraft, die wir mit allen, die der Kirche angehören, zur Entfaltung bringen und ins Leben übersetzen können." Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Wo Menschen bleiben, wo sie gehen, liegt eher an der Geographie als an Inhalten. Dass Restbestände an volkskirchlichen Milieus besser erklären als alles Inhaltliche, warum und wo Menschen gehen und wo sie bleiben, sollte zu denken geben – gerade wenn die Prägekraft und Stärke der Botschaft angeführt wird, und gerade dann wenn die der Kirche den Rücken kehren dieselben sind, die sie über Jahre und Jahrzehnte getragen haben. Von Gesundschrumpfen, von der starken kleinen Herde kann dann nämlich endgültig nicht mehr die Rede sein. Die bislang verfolgten Strategien, der chronischen Krise zu begegnen – Aufarbeitung und Reform – sind nötige und lange verschleppte Schritte. Aber angesichts der kurz- und mittelfristigen Verschlimmerung, die verspätete und immer wieder neue Ergebnisse der Aufarbeitung wie verzögerte Reformen und allzu strapazierte Hoffnung auf Veränderung mit sich bringen, sind sie zwar ein Weg für die Kirche, sich ehrlich zu machen – aber noch kein positives Konzept, wie die Kraft der Botschaft des Evangeliums wirksam, einladend und begeisternd werden kann.

Von Felix Neumann