Standpunkt

Wozu überhaupt Priester – eine Frage, die sich zu stellen lohnt

Aktualisiert am 07.07.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Der Synodale Weg will klären, wozu es überhaupt das Priestertum braucht. Das sorgt immer noch für Aufregung und Ablehnung unter Bischöfen. Dabei trifft die Frage angesichts von Priestermangel und Missbrauchsstudien ins Schwarze, kommentiert Felix Neumann.

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Wohl kein einzelnes Abstimmungsergebnis des Synodalen Wegs ist so nachhaltig kontrovers wie die 95 Ja- gegen 94 Nein-Stimmen, mit denen die zweite Synodalversammlung im vergangenen Oktober dem Priesterforum einen Arbeitsauftrag erteilt hat: "Das Forum soll sich mit der Frage auseinandersetzen, ob es das Priesteramt überhaupt braucht." Immer noch arbeiten sich vor allem Bischöfe an dieser Abstimmung ab, über alle Grenzen hinweg, die sie sonst trennen. Ende Juni predigte Kardinal Reinhard Marx über den "völlig verunglückten Antrag", am Sonntag hielt der Passauer Bischof Stefan Oster einen Vortrag, der sich schon im Titel darauf bezog: "Priester!? Braucht's das noch?"

Natürlich braucht es noch Priester, ist die einhellige Antwort. Ohne Priester sei die Kirche nicht die Kirche, die wir glauben und bekennen, sagte Oster. Es gebe keine katholische Kirche ohne Priester, sagte Marx. Ohne Priester keine Eucharistie, sagte Oster. Es brauche den Repräsentanten Christi, sagte Marx. Können diese Antworten überzeugen? Vielleicht gibt es keine katholische Kirche ohne Priester. Katholische Kirchen ohne Priester kennen aber wohl die meisten Katholiken angesichts immer größerer Pfarreien. Sind die Gemeinden, in denen "Laien" Wortgottesdienste feiern, in denen "Laien" die Sakramentenpastoral und das ganze Gemeindeleben tragen, erst dann und erst dadurch katholische Kirche, dass ein Priester dazukommt? Unter diesen Bedingungen überzeugt die Legitimation des Priestertums aus sakramental-funktionalen Notwendigkeiten immer weniger.

Der Synodale Weg hat seine Legitimation durch die MHG-Missbrauchsstudie. Es geht nicht um Reformen als Selbstzweck, sondern um Antworten auf systemische Ursachen von Missbrauch zu finden – zu diesen systemischen Ursachen gehört auch der Klerikalismus und der Co-Klerikalismus von Laien. Studie um Studie, Gutachten um Gutachten legen die Schweige- und Vertuschungskartelle offen, die dazu führten, dass priesterliche Täter gedeckt und beschützt wurden – auch da, wo gegen Laientäter durchaus durchgegriffen werden konnte. Liegt da nicht die Frage nah, wozu es das Priesteramt überhaupt braucht, wenn zu seinen Konsequenzen über lange Jahre Seilschaften der Vertuschung gehörten? Wenn die Kirche auch durch diese Priester die Kirche ist, die sie ist?

Möglicherweise ist die Frage, ob es überhaupt noch Priester braucht, sogar eine bessere spirituelle Antwort auf den Priestermangel als Gebete um Berufung. Möglicherweise ist der Priestermangel gar nichts, was sich wegbeten ließe. Wenn Berufungen zum Priestertum abnehmen, dann kann das daran liegen, dass der Ruf nicht gehört wird – oder aber, dass diese Rufe ausbleiben. Vielleicht aus gutem Grund. Möglicherweise ist der Priestermangel kein Defizit, sondern Zeichen der Zeit. Deshalb lohnt sich die Vergewisserung, ob es überhaupt Priester braucht.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.