"Führende Rolle" der Kirche bei Zwangsassimilierung "nicht anerkannt"

Papst-Entschuldigung an Kanadas Indigene stößt auf Kritik

Aktualisiert am 27.07.2022  –  Lesedauer: 

Ottawa/Hamburg/Köln ‐ Die Vergebungsbitte von Franziskus an Kanadas Indigene bleibt nicht ohne Kritik: Die Worte des Papstes habe vermutlich "eine ganze Armee von Anwälten" bearbeitet, um sicherzustellen, "dass er haftungsfrei bleibt", heißt es etwa.

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Die Entschuldigung von Papst Franzikus an die Indigenen in Kanada stößt auf Kritik. Der frühere Vorsitzende der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconcilitation Commission, TRC), Murray Sinclair, hält sie für unzureichend: Franziskus habe die "führende Rolle" der katholischen Kirche bei der Zwangsassimilierung indigener Kinder "nicht anerkannt", schreibt Sinclair in einer Erklärung (Dienstag Ortszeit).

Die Worte des Papstes lägen weit hinter den Forderungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission zurück, wie sie in Kapitel 58 des Abschlussberichts 2015 formuliert worden seien. Sinclair, ein ehemaliger Richter, verurteilt vor allem ein Ausklammern der institutionellen Verantwortung der Kirche in der Entschuldigungsbitte. Für die Leiden der etwa 150.000 betroffenen Kinder seien nicht einige Wenige, sondern die Kirche als Ganzes verantwortlich.

Sinclair betont, die Kirche sei beim Internatssystem für Indigene "nicht nur ein Agent des Staates" gewesen. Sie habe die Regierungen im vergangenen Jahrhundert sogar gedrängt, die Assimilierung voranzutreiben und damit einen "kulturellen Völkermord" begangen. Die Kirche habe nicht nur mit dem Staat zusammengearbeitet, sondern ihn "angestiftet".

Katsch: Entschuldigung erster wichtiger Schritt, aber..

Auch der ehemalige Abgeordnete und Angehörige des Cree-Stammes, Romeo Saganash, kritisierte, die Franziskus-Entschuldigung sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Die Worte des Papstes habe vermutlich "eine ganze Armee von Anwälten" bearbeitet, um sicherzustellen, "dass er haftungsfrei bleibt, oder zumindest die Kirche".

Positiver bewerten deutsche Beobachter die päpstliche Entschuldigung. Der Sprecher der Betroffenenorganisation Eckiger Tisch, Matthias Katsch, sieht darin einen ersten wichtigen Schritt. "Es ist eine beeindruckend klare Entschuldigung, persönlich von Angesicht zu Angesicht vorgetragen", sagte Katsch am Dienstagabend dem Sender NDR Info. Der persönliche Besuch des Papstes sei für die Betroffenen sehr wichtig. Zur Übernahme von Verantwortung gehöre aber auch, Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen weiter voranzubringen.

Franziskus hatte seine Kanada-Reise am Montag mit einer Vergebungsbitte gegenüber den Indigenen dort begonnen. Dabei bat er um Entschuldigung für das Unrecht der staatlich errichteten und von Kirchen betriebenen Internate, in denen Kinder indigener Völker an die Kultur der europäischen Einwanderer angepasst werden sollten. Viele der Kinder waren an den Folgen von Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch und Krankheiten gestorben.

Der Jesuitenpater Hans Zollner ist Leiter des Centre for Child Protection (CCP) in Rom.
Bild: ©CCP (Archivbild)

Der Jesuitenpater Hans Zollner ist Leiter des Centre for Child Protection (CCP) in Rom.

Katsch kritisierte "eine Tendenz zur Relativierung" in der Papstrede. Franziskus erwähne richtigerweise die Verantwortung des Staates in Kanada für das System der Umerziehungseinrichtungen. Mit Blick auf die Kirche entschuldige er sich aber nur für Gewalt, die von "Mitgliedern der Kirche" und nicht von "der Kirche" verübt worden sei. "Hier fehlt ein Verständnis von der systemischen Verantwortung."

Die Umerziehungseinrichtungen seien zwar nicht von der Kirche erfunden worden, erklärte Katsch. Die Kirchen seien praktisch Dienstleister gewesen, die die Heime im Auftrag des Staates betrieben hätten. "Aber die extreme Gewalt, die dort von Priestern und Nonnen verübt wurde, das ist etwas, was die katholische Kirche sich zurechnen lassen muss."

Mit Blick auf die weitere Aufarbeitung hält es Katsch für wichtig, den Betroffenen Zugang zu den Unterlagen zu verschaffen, die noch erhalten sind. "Sie wollen wissen, wer wo wann was getan hat." Auch müsse die Verantwortung der kirchlichen Vorgesetzten und der Ordensgemeinschaften herausgearbeitet werden. Und es stelle sich die Frage nach einer angemessenen Entschädigung.

Zollner lobt Kanada-Reise und Vergebungsbitte

Die Entschuldigung des Papstes ist laut Katsch auch deshalb ein wichtiger Schritt, weil sie "noch einmal hervorhebt, dass es nicht um Versagen einzelner in einzelnen Ländern geht, sondern dass es ein Gesamtproblem der katholischen Kirche ist." Auch in Deutschland fehle bis heute eine Entschuldigung für Verbrechen, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Kindern in kirchlichen Heimeinrichtungen verübt worden seien.

Der vatikanische Kinderschutzexperte Hans Zollner lobte die Kanada-Reise von Franziskus und seine Bitte um Vergebung gegenüber der indigenen Bevölkerung. Der Papst habe trotz gesundheitlicher Probleme die "Bußwallfahrt" angetreten und dabei starke Worte und Zeichen gewählt, sagte Zollner im Interview des Kölner Internetportals "domradio.de". Franziskus habe gezeigt, dass er die Kritik am Kolonialismus insgesamt ernst nehme.

Das Wichtigste sei, dass der Papst bei der Reise zuhöre und die ihm dargebotenen Zeichen – Tänze, Federn, Gegenstände – aufnehme, sagte Zollner. Zudem müsse er jene wahrnehmen, die die Reise kritisch sähen. Zu Forderungen von Indigenen, den Worten und Gesten müssten auch Taten wie höhere finanzielle Entschädigungen folgen, verwies der Jesuit darauf, dass die kanadische Kirche Besitztümer für Anerkennungszahlungen verkaufen wolle. Sie leiste schon seit vielen Jahren Entschädigungszahlungen in großer Summe, weshalb einige Diözesen und viele Ordensgemeinschaften in finanzielle Schieflagen geraten seien. (tmg/KNA)