Weiter Kritik an Kommunikation und Umgang mit Betroffenen

PR-Strategie lässt Woelki und Erzbistum Köln schlecht dastehen

Aktualisiert am 11.08.2022  –  Lesedauer: 
Kardinal Rainer Maria Woelki nachdenklich
Bild: © KNA/Theo Barth

Köln ‐ Der Druck auf Kardinal Woelki steigt: Enthüllungen zu PR-Strategien rücken ihn und das Erzbistum Köln in ein schlechtes Licht. Nach einer Erklärung der Erzdiözese melden sich ein Betroffenenvertreter und ein Stadtdechant zu Wort. Und immer noch steht eine Entscheidung über Woelkis Rücktritt aus.

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Fünf Monate nach seiner Rückkehr aus einer "geistlichen Auszeit" muss sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki um eine Reihe neuer wie auch anhaltender Konflikte im Erzbistum Köln kümmern. Manche sagen auch: Er müsste es. Und kritisieren, dass er bei den jüngsten Enthüllungen über PR-Strategien in Sachen Missbrauchsaufarbeitung das Feld seinem neuen Generalvikar Guido Assmann überlässt.

Dessen Erklärung konnte Vertreter von Missbrauchsbetroffenen allerdings nicht überzeugen. "Ich fühle mich wieder einmal absolut nicht ernst genommen", sagte der ehemalige Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats, Patrick Bauer, am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sein früherer Amtskollege Karl Haucke forderte eine staatliche Aufsicht bei Aufarbeitungsgremien, "damit Wahrheitsmanager wie Herr Woelki nicht weiter machen können, was sie wollen".

In der Sache geht es um ein Treffen des Beirats mit dem Erzbischof, seinem früheren Generalvikar Markus Hofmann sowie weiteren Vertretern des Erzbistums im Oktober 2020. Die Bistumsspitze eröffnete den Betroffenen damals, man wolle ein Missbrauchsgutachten einer Münchner Anwaltskanzlei nicht wie vorgesehen veröffentlichen. Die Untersuchung sei nicht rechtssicher und mangelhaft. Stattdessen werde eine Kölner Kanzlei mit einem neuen Gutachten beauftragt.

Überrumpelt und ein zweites Mal missbraucht

Kurz darauf gab das Erzbistum – zusammen mit dem Betroffenenbeirat – den Gutachterwechsel bekannt. Als gemeinsame Entscheidung. Der "Rat der Betroffenen" und ihr "Vertrauen" seien ihm wichtig gewesen, erklärte Woelki. Wenig später zogen sich mehrere Mitglieder aus dem Gremium zurück und erklärten, sie hätten sich überrumpelt und ein zweites Mal missbraucht gefühlt.

Bild: ©Erzbistum Köln/Christopher Jelen (Archivbild)

Der neue Kölner Generalvikar Guido Assmann (rechts) und sein Vorgänger Markus Hofmann.

Diesen Eindruck scheint nun eine Recherche des "Kölner Stadt-Anzeigers" zu bestätigen. Die Zeitung zitiert aus internen Dokumenten von Woelkis PR-Beratern, die für ihre Leistungen mehrere Hunderttausend Euro erhielten. Überschrift eines Konzeptpapiers: "Wie 'überlebt' der Kardinal?"

Die Fachleute gaben Woelki und Hofmann laut Zeitung Tipps, wie sie das Ja des Betroffenenbeirats zum Gutachterwechsel gewinnen können. So sollten die beiden bei der Sitzung "Emotionen" zeigen und "Joker" in der Hinterhand haben – etwa die Zusage des Kardinals, sich für zügigere Anerkennungszahlungen an Missbrauchsopfer einzusetzen.

Assmann betonte nun, es habe nie das Ziel gegeben, die Betroffenen zu einem bestimmten Stimmverhalten zu animieren: "Es ist auch niemals Druck auf einzelne oder mehrere Teilnehmer ausgeübt worden." Die Perspektive der Betroffenen sei immer "handlungsleitend" gewesen. Sie hätten ein "berechtigtes Interesse an Transparenz" und dürften "auf keinen Fall übergangen werden". Assmann ist erst seit 1. Juli Generalvikar in Köln. Über die kritisierten Vorgänge von damals habe er sich aber "umfangreich sachkundig gemacht".

"Das hat nichts mit Transparenz zu tun"

Die Wortwahl ähnelt deutlich der, den die PR-Berater am Freitag in ihren Stellungnahmen kurz nach der Zeitungsveröffentlichung verwendeten. Die Bedürfnisse des Betroffenenbeirats nach "Transparenz" und Konsequenz seien stets "handlungsleitend" für die empfohlene Strategie gewesen, sagte Kommunikationsexperte Thorsten Rössing der KNA. Medienanwalt Carsten Brennecke ergänzte, das Erzbistum sei richtigerweise darin bestärkt worden, in der Sache nicht ohne den Betroffenenbeirat zu entscheiden, da die Stimme der Betroffenen und deren "berechtigtes Bedürfnis nach Transparenz" keineswegs "übergangen" werden sollte.

Bauer jedenfalls spricht heute von einer "durchgestylten" Sitzung. Später sei ihm klar geworden, dass das Erzbistum die neuen Gutachter zum Zeitpunkt des Treffens bereits beauftragt habe: "Das hat nichts mit Transparenz zu tun."

Der Stadtdechant Wolfgang Picken predigt an einem Ambo.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Wolfgang Picken ist Stadtdechant von Bonn.

Dass sich jetzt Assmann und nicht Woelki zu den Vorgängen äußerte, stößt auch innerkirchlich auf Unmut. Eine direkte Erklärung des Kardinals wäre "authentischer und hilfreicher" gewesen, sagte etwa Bonns Stadtdechant Wolfgang Picken. Er hatte zuvor – genau wie die Stadtdechanten von Köln, Düsseldorf und Wuppertal – Woelki zu einer Klärung aufgefordert.

Kardinal derzeit mehrfach unter Druck

Der Kardinal steht derzeit mehrfach unter Druck. So sieht er sich unter anderem dem Vorwurf ausgesetzt, mit der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) ein kostspieliges Projekt zu fördern, das möglicherweise gegen einen völkerrechtlich bindenden Vertrag verstößt. Schwer wiegt zudem die Schmerzensgeldforderung eines Missbrauchsbetroffenen gegen die Erzdiözese. Insgesamt 750.000 Euro verlangt der Mann wegen Amtspflichtsverletzung durch Unterlassen. Will heißen: Veratnwortliche des Erzbistums haben seiner Ansicht nach zu wenig unternommen, um Missbrauchstäter zu stoppen. Dem Beispiel könnten weitere Klagen folgen.

Nicht zuletzt wartet Woelki nach wie vor auf eine Entscheidung des Papstes, was seinen Rücktritt angeht. Franziskus hatte den Kardinal in die Auszeit geschickt – und ihn später auch aufgefordert, ein Rücktrittsgesuch zu verfassen.

Am Montag wird Woelki zu einem Gottesdienst in dem bayerischen Örtchen Maria Vesperbild erwartet. Die dortige Wallfahrtsdirektion dankte dem Kardinal vorab, dass er "standhaft zum von den Aposteln überlieferten Glauben steht und sich nicht dem Zeitgeist anpasst". Am Rhein wird die Kritik unterdessen wieder lauter.

Von Anita Hirschbeck (KNA)