Kritik an PR-Strategie Woelkis auch aus Bonn und Wuppertal

Kölner Stadtdechant: Kann die Haltung des Erzbistums nicht akzeptieren

Aktualisiert am 09.08.2022  –  Lesedauer: 

Köln/Bonn/Wuppertal ‐ Nach den Enthüllungen zur PR-Strategie des Erzbistums Köln wächst der Druck auf Kardinal Woelki. Drei Stadtdechanten fordern nun eine Erklärung. "Zweifelhafte Methoden", wie sie Woelki vorgeworfen werden, hätten im Raum der Kirche nichts verloren.

  • Teilen:

Der Kölner Stadtdechant Robert Kleine kritisiert, dass sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki noch nicht zu den Enthüllungen zur PR-Strategie seiner Diözese in der Missbrauchsaufarbeitung geäußert hat. "Diese Haltung kann ich angesichts der Resonanz und Brisanz nicht verstehen und schon gar nicht akzeptieren", schrieb Kleine am Montag auf seiner öffentlichen Facebookseite. Das Erzbistum müsse klar benennen, ob die Berichterstattung des "Kölner Stadt-Anzeigers" der Wahrheit entspräche.

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" hatte am Freitag über interne Unterlagen von Woelkis PR-Beratern berichtet. Demnach rieten die Fachleute dem Kardinal und seinem damaligen Generalvikar Markus Hofmann unter anderem, bei der Frage eines zweiten Missbrauchsgutachtens den Betroffenenbeirat des Erzbistums auf ihre Linie zu bringen, was einen angedachten Gutachter-Wechsel im Oktober 2020 anging. Die Fachleute sollen Tipps gegeben haben, wie dieses Ziel zu erreichen und die Betroffenen zu überzeugen seien. Das Erzbistum hat einen Kommentar dazu bislang mit Verweis auf die Vertraulichkeit der betreffenden Papiere abgelehnt.

Diesen Verweis lässt Kleine nicht gelten: "Sie sind jetzt nicht mehr "vertraulich", sondern werden – bis zum Beweis des Gegenteils - scheinbar korrekt in einer Zeitung zitiert." Kardinal Woelki habe betont, dass die Perspektive der Betroffenen für ihn persönlich handlungsleitend sei, schrieb Kleine. "An dieser Aussage und ihrer Umsetzung muss man ihn als Erzbischof messen - und er sich."

Kleine: Moralische Bankrotterklärung

Er hoffe, dass die publizierte PR-Strategie "so nicht dem Erzbischof vorgelegt und von ihm gebilligt worden ist". Sollte der Erzbischof Kenntnis darüber gehabt haben, entspräche diese "Inszenierung samt Wut bei gleichzeitig durch bezahlte PR-Experten angeratenen "Emotionen, Glaubhaftigkeit und Echtheit" […] einer moralischen Bankrotterklärung der Bistumsleitung". Er wünsche sich "dass in unserem Erzbistum weder Erzbischof und Generalvikar noch irgendein Stadtdechant, Pfarrer, Pfarrvikar oder Kaplan einen PR-Berater nötig hat, der ihm erklären muss, wie man als Priester grundsätzlich allen Menschen begegnen sollte, nämlich mit "Emotionen, Glaubhaftigkeit und Echtheit".

Am Dienstagvormittag forderte auch der Bonner Stadtdechant Wolfang Picken Woelki zu einer Wortmeldung auf. "Ich fordere Kardinal Woelki dazu auf, unverzüglich zu den Veröffentlichungen des Kölner Stadtanzeigers Stellung zu nehmen und die entstandenen Eindrücke zu korrigieren", sagte er laut einer Pressemitteilung des Bonner Stadtdekanats. Picken zeigte sich besorgt um die Situation im Erzbistum. Der Kardinal dürfe unter keinen Umständen riskieren, dass es durch einen erneuten Kommunikationsfehler zu einer Welle der Empörung im Erzbistum Köln komme. Auch empfahl er dem Kardinal, "die PR-Strategie der Vergangenheit vollständig offenzulegen, damit es nicht zu immer neuen Enthüllungen kommen könne".

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Verwunderung äußert der Bonner Stadtdechant über die Empfehlung der PR-Berater, Kardinal Woelki solle über einen Deal Einfluss auf einen Journalisten der FAZ zu nehmen versuchen. "Solch zweifelhafte Methoden haben im Raum der Kirche nichts verloren. Sie vermitteln einen fehlenden Respekt vor der journalistischen Unabhängigkeit und offenbaren ein fragwürdiges Niveau der PR-Berater von Kardinal Woelki."

Auch der Wuppertaler Stadtdechant Bruno Kurth übte Kritik. "Vom nach der Rückkehr unseres Erzbischofs aus der Auszeit verheißenen Neuanfang im Erzbistum bleibt nicht mehr viel übrig", heißt es in einer Erklärung. "Wir stehen vor einem weiteren Tiefpunkt in der Krise des Verlustes an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Ansehen und Amt des Erzbischofs von Köln und damit des Erzbistums Köln sind weiter beschädigt."

Die Kölner Missbrauchsgutachten und das Schweigen des Erzbistums

Ende Oktober 2020 gaben das Erzbistum und der Betroffenenbeirat gemeinsam bekannt, dass der damals beauftragten Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) das Mandat für eine Missbrauchsuntersuchung entzogen werde. Das Gutachten war bereits fertig erstellt, jedoch noch nicht veröffentlicht. Es zeige methodische Mängel und sei nicht rechtssicher, so das Erzbistum, das eine neue Untersuchung bei einer anderen Kanzlei in Auftrag gab.

Später zogen sich mehrere Mitglieder des Betroffenenbeirats aus dem Gremium zurück. Sie seien bei der Zustimmung zu dem Gutachter-Wechsel überrumpelt worden und fühlten sich ein zweites Mal missbraucht, sagten einige. Eines der Mitglieder war Karl Haucke, der heute im Betroffenenrat der Missbrauchsbeauftragten sitzt. Er forderte am Freitag Woelkis Rücktritt. Der Kardinal habe die Betroffenen für seine Interessen benutzt, so Haucke. Das sei mit Demütigung und Ohnmacht verbunden – ebenso wie die Missbrauchstaten selbst. Er forderte zudem weitere personelle Konsequenzen auf Ebene des mittleren Managements im Erzbistum. So habe etwa die Interventionsstelle bei der Umsetzung der PR-Strategie offenbar nur zugesehen.

Das Erzbistum selbst wollte sich bisher zu den "vertraulichen Papieren" nicht äußern. Zwischen 2019 und 2021 hatte es 2,8 Millionen Euro im Zuge der Missbrauchsaufarbeitung für Anwälte und PR-Fachleute ausgegeben. Davon flossen allein 820.000 Euro in die Kommunikationsberatung des in eine Vertrauenskrise geratenen Erzbischofs. Vor rund einem Jahr schaltete sich Papst Franziskus in die Kölner Vorgänge ein. Mittlerweile hat Woelki dem Papst seinen Rücktritt angeboten, über den dieser noch entscheiden muss. (ben)