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Nur helfen, nichts lernen? Theologie braucht Nachhilfe der "Weltkirche"

Aktualisiert am 18.08.2022  –  Lesedauer: 
Nur helfen, nichts lernen? Theologie braucht Nachhilfe der "Weltkirche"
Bild: © dpa/Jens Kalaene

Bonn ‐ In diesen Wochen brechen wieder tausende deutsche Abiturienten als Freiwillige in den Globalen Süden auf. Wieso aber verlassen unsere katholischen Theologiestudierenden kaum den europäischen Kontinent? Valerie Mitwali hat einen Verdacht.

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Es ist August und nach zweijähriger Corona-Pause brechen wieder tausende deutsche Abiturienten auf, um im Ausland ein Freiwilliges Soziales Jahr zu leisten. Die jungen Volontäre gehen in Länder wie Peru, Ghana oder Indien – oftmals entsandt von katholischen Trägern. Einige dieser Ehrenamtlichen werden nach ihrem Sozialdienst ein Studium der Theologie aufnehmen, doch als Studenten werden sie wohl kaum in ihre ehemaligen Gastländer zurückkehren. Warum eigentlich?

Wer auf die innerkirchlichen Debatten schaut, kann auf den ersten Blick fast den Eindruck gewinnen, der sogenannte Globale Süden erfreue sich einer besonderen Beliebtheit. Als Projektionsfläche eigener Wünsche werden diese Regionen idealisiert: In einigen Kreisen gelten sie als Länder, in denen der "wahre katholische Glaube" noch reformfrei blüht und gedeiht. Andere hingegen verklären den Globalen Süden als einen Raum, in dem Katholiken wortwörtlich fern von Rom neue pastorale Wege gehen.

Allein: Den Globalen Süden gibt es nicht. Es handelt sich um unterschiedliche Länder mit eigenen Geschichten und Kulturen. Wie bereichernd es ist, diese persönlich kennenzulernen, wissen alle, die einen Sozialdienst im Ausland geleistet haben. Die Aufgeschlossenheit dieser jungen Ehrenamtlichen sollte der universitären Theologie Anstoß sein, ihre Strukturen für Auslandssemester radikal zu überdenken: Nicht alle Wege müssen nach Rom führen.

Ja, es gibt sprachliche Barrieren und auch Sicherheitsbedenken müssen für jeden Studienort einzeln abgewogen werden. Was wir aber 18-jährigen Abiturienten zutrauen, sollten wir auch Studierenden zumuten können. In Anbetracht dessen drängt sich vielmehr der Verdacht auf, es könnte einen anderen Grund für den mangelnden theologischen Austausch geben: eine tiefverwurzelte Geringschätzung und Abwertung nicht-westlicher Wissensproduktion.

Natürlich wird Theologie an anderen Orten anders betrieben, aber rechtfertigt das selbstverantwortete Ignoranz gegenüber einem Großteil des Christentums? Auch wenn es an unseren theologischen Fakultäten oftmals (noch) anders aussieht: Die Weltkirche ist in Deutschland längst angekommen – millionenfach. Es braucht dringend mehr Theologen mit echter weltkirchlicher Erfahrung. Der Globale Süden darf nicht länger nur temporärer Zufluchtsort für kirchenpolitisch angeschlagene Kleriker sein.

Von Valerie Mitwali

Die Autorin

Valerie Mitwali ist Redaktionsmitarbeiterin bei katholisch.de und promoviert in katholischer Theologie.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.