Grazer Professorin will Mütterlichkeit Gottes stärker betonen

Theologin: Heute kann man guten Gewissens "Vater-Mutter-unser" beten

Aktualisiert am 26.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Mütterlichkeit Gottes sei viel zu lange vernachlässigt worden, sagt Martina Bär. Für die Grazer Fundamentaltheologin ist das Einüben eines "Vater-Mutter unser“-Gebets deshalb sinnvoll. Warum, erklärt sie im Gespräch mit katholisch.de.

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Warum sollten wir nicht auch "Mutter" rufen, wenn wir Gott um Trost bitten, fragt die Theologin Martina Bär. Sie ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Katholischen Fakultät in Graz und selbst Mutter von einem einjährigen Kind. Im Gespräch mit katholisch.de erklärt sie, warum die Mütterlicheit Gottes viel zu lange verdrängt wurde und warum das Einüben eines "Vater-Mutter unser"-Gebets sinnvoll ist.

Frage: Frau Professorin Bär, beten Sie mit Ihrem Kind zu Hause "Vater und Mutter-unser"?

Bär: Zurzeit nicht, da mein Kind noch zu klein dafür ist. Aber ich finde es wichtig, mit Kindern von Anfang an einzuüben, dass Gott beides ist: Vater und Mutter. Die Theologische Frauenforschung hat viel über die biblische Tradition der Mütterlichkeit Gottes geforscht. Daher kann man kann heute mit gutem Gewissen "Vater-Mutter-unser, der du bist im Himmel" beten. Ich finde es auch wichtig, Kindern zu erklären, warum Gott für uns auch wie eine Mutter ist. Viel zu lange ist Gott nur auf seine väterliche Liebe reduziert worden.

Frage: Woran machen Sie das fest?

Bär: Schauen Sie doch mal in die Bibel. Dort findet man so viele Bilder für die Mütterlichkeit Gottes. Zum Beispiel im Alten Testament. Bei Hosea 13,8 ist Gott wie eine gute Bärin und wie eine Löwin, die ihre Kinder umsorgt und beschützt. In Jesaja 66,7-17 wird Gott als Mutter beschrieben, die ihr Kind tröstet. In Psalm 131,2 findet man das Bild von Gott, der wie eine Mutter ihr Kind stillt und Geborgenheit schenkt. Ich finde auch das Bild in Jesaja 49,15 sehr schön, dass Gott mit seinem Volk Erbarmen hat, so wie eine Mutter mit ihrem Kind. Das Wort "Erbarmen" kommt ursprünglich aus dem Hebräischen und bedeutet auch "Gebärmutter". Das heißt, hier wird Gott ganz explizit mit der körperlichen Seite einer Frau in Verbindung gebracht. Auch an anderen Stellen finden sich mütterliche Bilder: Gott ist wie eine Schwangere, die ihr Kind schreiend zur Welt bringt (Jesaja 42, 14), oder eine Frau, die ihr Kind stillt (Psalm 131, 2) und wie eine Henne (Mt 23,37), die ihre Küken unter den Flügeln sammelt. Im Neuen Testament heißt es bei Paulus (Röm 8,22) sogar, dass die ganze Schöpfung in Geburtswehen liegt und wir als Menschen neu geboren werden müssen. Gott wird hier beschrieben als eine Mutter, die uns neues Leben schenkt. Ist das nicht großartig?

Frage: Aber kann man das alles wörtlich so auf Gott beziehen?

Bär: Natürlich sind das alles nur Analogien und Vergleiche. Gott übersteigt unsere Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder. Aber diese Bilder aus der menschlichen Lebenswelt helfen uns dabei, eine Ahnung von Gott zu bekommen. Immerhin ist in der Bibel davon die Rede, dass wir Menschen Ebenbilder Gottes sind. Das sollten wir dann auch für das Gottesbild ernst nehmen. Ich selbst bin erst spät Mutter geworden. Für mich war das ein Riesenglück und ein Geschenk Gottes. Zuvor konnte ich mir nicht vorstellen, was es heißt, ein Kind bedingungslos zu lieben. Nun stelle ich mir genauso bedingungslos die Liebe Gottes zu uns Menschen vor. Eine Mutter bringt ihr Kind durch die Geburt zur Welt, sie ernährt und stillt es. Eine Mutter will, dass ihr Kind wächst und sich entwickelt. Gott ist ebenso fürsorglich zu uns und liebt uns genauso bedingungslos wie eine Mutter. Das ist eine wunderbare und menschenfreundliche Theologie. Wenn ein Kind sich verletzt, ruft es meist nach seiner Mama. Warum sollten wir nicht auch "Mutter" rufen, wenn wir Gott um Trost bitten? Es mag ungewohnt sein, aber genau das ist Gottes Angebot an uns. Gott will uns trösten wie eine Mutter. Leider wurde die Mütterlichkeit Gottes in der Geschichte der Kirche schnell unterdrückt und verdrängt.

Eine Familie beim Abendessen betet
Bild: ©Harald Oppitz/KNA

Eine Familie sitzt um einen Tisch. Vor dem Abendessen sprechen sie gemeinsam ein Gebet.

Frage: Wann hat diese Abwertung der Weiblichkeit Gottes denn genau stattgefunden?

Bär: In der Alten Kirche spielte die weibliche Seite Gottes noch eine große Rolle. In der syrischen Theologie etwa wurde der Heilige Geist weiblich angesehen. Es gibt auch in unseren Breitengraden Bilder wie zum Beispiel Fresken, auf denen Gott Vater und Gott Sohn als zwei Männer und der Heilige Geist mit weiblichen Zügen dargestellt sind. Aber schon zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert begann der Vermännlichungsprozess des Heiligen Geistes und die weibliche Dimension ging zumindest theologisch in der Westkirche komplett verloren. Das hat fatale Konsequenzen für die Stellung der Frau in der Kirche gehabt.

Frage: Was bedeutet das für Frauen in der Kirche von heute?

Bär: Wenn die weibliche Seite Gottes abgewertet wird, dann verlieren auch wir Frauen in der Kirche an Bedeutung. Ich glaube, die Zukunft der Kirche wird sich auch an dieser Frage mitentscheiden, ob Frauen den Zugang zu allen Ämtern und Diensten bekommen werden oder nicht. Ich finde, wir Frauen müssen in der Kirche viel selbstbewusster auftreten und wir sollen bei allen kirchlichen Themen mitreden. Wir müssen fixierte Geschlechterbilder aufbrechen. Ein veraltetes Frauenbild möchte ich nicht mehr weitertragen und das wird auch von jungen Frauen heute so nicht mehr akzeptiert.

Frage: Sie haben selbst eine wissenschaftliche Karriere an der Universität gemacht. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Bär: Bei meinen Bewerbungen an der Systematischen Theologie war ich meist die einzige Frau neben vielen männlichen Mitbewerbern. An vielen Katholischen Fakultäten werden oft noch Priester für eine Stelle am Lehrstuhl gesucht. Ich habe das auch zu spüren bekommen. Aber es gibt ja kaum noch welche und daher auch niemanden, der sich da bewirbt. Früher war der Uni- Betrieb stark von Priestern geprägt. Das beginnt sich jetzt aufzulösen und auch Frauen rücken nach. Aber es sollte natürlich immer nach den Qualifikationen ausgesucht werden und nicht, um eine Quote zu erfüllen. Meine Vorgängerin am Institut war tatsächlich auch eine Frau. Hier in Graz gibt es schon lange eine gute Tradition, Frauen auf Professuren zu berufen und überhaupt qualifizierten Frauen den Weg in die Wissenschaft zu ermöglichen. Ich bin froh, dass ich nach Graz berufen wurde.

Bild: ©privat

Martina Bär lehrt an der Universität Graz Fundamentaltheologie.

Frage: Was ist Ihr Tipp für Frauen für eine erfolgreiche Bewerbung an der Uni?

Bär: Ich habe immer versucht mit großem Selbstbewusstsein aufzutreten, um zu überzeugen. Wenn man in so einen traditionell männlichen Machtbereich eintreten will, muss man auch deutlich machen: "Ich bin kompetent, ich kann das, was ihr von mir verlangt. Ich kann ein Institut leiten und ich kann so einen Lehrstuhl managen". Ich finde, es ist enorm wichtig, dass man sich das selbst zutraut und das auch ausstrahlt. Es bedeutet auch, mutig zu sein und etwas Neues auszuprobieren. Wichtig ist auch ein gutes Coaching, Mentoringprogramme und Frauennetzwerke. Frauennetzwerke wie Agenda, ESWTR oder das Berliner ProFiL-Programm für angehende Professorinnen haben mir sehr geholfen.

Frage: Wo ist jetzt während unseres Gesprächs Ihr Kind?

Bär: Mein Sohn ist zurzeit bei seinem Vater, sonst könnte ich hier nicht so entspannt mit Ihnen reden. Wir haben uns die Betreuung aufgeteilt. Im Moment hat mein Mann frei und kümmert sich um den Kleinen. Wenn wir dann nach Graz umziehen, geht mein Sohn in die Kinderkrippe gleich bei der Uni um die Ecke. Noch lebt mein Mann in der Schweiz, wir haben da auch ein gutes Netzwerk, das uns bei der Kinderbetreuung unterstützt. Meine neue Arbeitsstelle in Graz ist sehr familienfreundlich. Das habe ich auch schon anders erlebt. An der Tübinger Universität etwa gab es kaum Frauen oder Mütter am Lehrstuhl. Hier in Graz wurde mir Unterstützung zugesprochen, bis dahin, dass ich mein Kind notfalls auch zu Sitzungen mitnehmen kann. In punkto Familienfreundlichkeit ist die Uni Graz wie ein 6er im Lotto. Ich muss mich hier auch nicht ständig für meine Forschungstätigkeit in der Frauen- und Genderforschung rechtfertigen, denn den gibt es hier schon länger.

Frage: Was wünschen Sie Ihrem Sohn?

Bär: Ich würde mir wünschen, dass er sich Gott als liebenden Vater und als liebende Mutter vorstellt. Denn Vater und Mutter lieben im Idealfall ihr Kind bedingungslos. Früher wurde die Mutterliebe nur den Frauen zugschrieben. Weil sie es sind, die Kinder austragen, ihnen die erste Nahrung geben und sich um sie kümmern. Aber das ist heute nicht mehr unbedingt so. Auch ein Vater kann mütterlich lieben. Und Gott ist sicherlich auch so. Gott liebt uns väterlich und mütterlich. Das ist tröstlich.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Martina Bär (46) lehrt seit April als Professorin am Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Graz. Zuvor war die gebürtige Allgäuerin in Erfurt, Luzern, Zürich und Berlin tätig. Promoviert wurde sie mit einer Arbeit über die Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau. Ihre Arbeit wurde 2011 mit dem Maria-Kassel-Preis der Universität Münster ausgezeichnet. Seit 2012 lebt Bär in der Schweiz, wo sie an den Theologischen Fakultäten der Universitäten Luzern und Zürich als Wissenschaftliche Oberassistentin gelehrt und geforscht hat. Zwischen 2018 und 2022 war sie als Gastprofessorin für Systematische Theologie an der FU Berlin tätig. Seit April 2022 leitet Bär den Fachbereich Fundamentaltheologie. Bär ist Mitherausgeberin des internationalen Jahrbuches der European Society of Women in Theological Research (ESWTR).