Filmszene aus "Von Menschen und Göttern"
Bild: © Kino: nfp
Warum es Filmemacher immer wieder ins Kloster zieht

Lange vor Dir, lange nach Dir

Kino - Das Jahr der Orden lenkt den Blick auf Klöster und Ordensgemeinschaften. Das gilt auch für viele Kinofilme. Das Magazin "Filmdienst" und katholisch.de haben das Thema "Kloster im Film" in einem Themenspezial näher beleuchtet.

Von Josef Lederle, Simon Linder und Sophia Michalzik |  Bonn - 09.07.2015

Immer wieder also zieht es Filmemacher ins Kloster. Ihre Ansätze sind dabei ganz unterschiedlich: So reicht die Bandbreite vom Spielfilm bis hin zur klassischen Dokumentation. Das Magazin Filmdienst, das von der Katholischen Filmkommission herausgegeben wird, hat das Thema gemeinsam mit katholisch.de näher beleuchet. Im ersten Teil unseres Themenspezials geht es unter anderem um die Motive von Regisseuren, im Kloster zu drehen. Im zweiten Teil haben wir mit der Filmemacherin Carmen Tartarotti gesprochen. Von ihr ist das jüngste Werk in der Reihe der Klosterfilme: "Wir können nicht den hellen Himmel träumen". In einem dritten Teil finden Sie schließlich eine Übersicht über bekannte Klosterfilme.

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I. Das Kloster im Kino - Warum es Filmemacher immer wieder ins Kloster zieht

II. "Wie die Schwalben" - Gespräch mit der Regisseurin von "Wir können nicht den hellen Himmel träumen"

III. Bekannte Klosterfilme

Das Kloster im Kino

Von einem "Boom" kann man nicht gerade sprechen. Doch die Zahl der (meist dokumentarischen) Filme, die sich mit Klöstern, Mönchen und Nonnen beschäftigen, nimmt zu. Auffällig sind dabei die Neugier und die Sensibilität, mit der die Filmemacher sich auf die Regeln und Rituale des Lebens hinter den Klostermauern einlassen. Die Stille und Abgeschiedenheit, das Einfache und Elementare, aber auch die Atmosphäre und der "Geist" dieser scheinbar aus der Zeit gefallenen Orte stoßen auf neue Resonanz. Gerade auch im Kino.

Wenn der dunkle Klang der Glocke durch die Flure hallt, kommt jede Tätigkeit zum Erliegen. Wo auch immer die Männer sich gerade aufhalten – in der Küche, im Garten oder in ihrer Klause –, lassen sie alles fahren und sinken zu Boden, um in Stille und Gebet zu verharren. Sieben Mal am Tag jeder für sich, drei Mal gemeinsam in der Klosterkirche.

Bei der Suche nach einem Kloster für seinen Film "Die große Stille" (2005) setzte Regisseur Philip Gröning sehr bewusst auf die "Grande Chartreuse", obwohl ihm das eine Wartezeit von insgesamt 19 Jahren abverlangte, ehe die Mönche ihm erlaubten, mit der Kamera ihrem stillen Leben beizuwohnen. Denn in dem unzugänglichen Felsmassiv nahe Grenoble ist der Ursprungimpuls des Mönchtums noch immer am radikalsten zu spüren: in kontemplativer Abgeschiedenheit ausschließlich für Gott da zu sein. Was sich für den unvertrauten Beobachter zunächst ziemlich kurios ausnimmt, wenn ein gestandener Mann neben seiner Handkarre das Knie beugt und im Gebet zur Salzsäule erstarrt.

Im öffentlichen Bewusstsein haben Klöster in den letzten Jahren eine Art Renaissance erlebt, als Rückzugsraum für gestresste Mitteleuropäer, die eine Auszeit nehmen und den leiseren Regungen seiner Seele nachspüren wollen. Dieser Wandel in der Wahrnehmung lässt sich auch an der wachsenden Zahl von Filmen ablesen, die sich mit dem Thema Kloster beschäftigen. Ein Zulauf an Novizen aber, die das Leben der Mönche und Nonnen teilen wollen, ist daraus bislang nicht entstanden; es macht auch weiterhin einen beträchtlichen Unterschied aus, ob man sich für eine Weile als Gast in einem Kloster einquartiert – oder den Habit, die strenge Ordenskleidung, für sich und sein Leben wählt. Sehr pointiert reflektiert dies Anne Wilds Komödie "Schwestern" (2012), in der die jüngste Tochter einer recht "weltlichen" Familie einem Orden beitritt. Die Anverwandten reagieren mit einer Mischung aus Unverständnis und Gleichgültigkeit, reisen zur so genannten Einkleidung aber dennoch in die oberschwäbische Provinz, wobei familiäre Spannungen und Zwistigkeiten schnell für turbulente Momente sorgen.

Es geht "Schwestern" aber nicht um Konfrontation oder ideologische Scharmützel; vielmehr entfaltet der Film einen lichten Zauber, der die dezent gebrochenen Figuren mit ihrem Dasein versöhnt. Das Kloster fungiert hierbei erzählerisch ganz im neueren "Kloster als regenerative Institution"-Trend als magisch-märchenhaftes Symbol des Gelingens. Die Stärke und der innere Friede, nach denen sich die Protagonisten insgeheim sehnen, scheinen hinter den Klostermauern zu existieren und von dort aus "heilend" in die Welt auszustrahlen. Was diese poetisch-metaphorische Vision trägt oder den inhaltlichen Grund für die Chiffre von Glück und Bei-sich-sein abgibt, umspielt "Schwestern" bezaubernd auratisch, ohne es näher zu entfalten.

Der Filmdienst

Seit 1947 begleitet der Filmdienst kritisch das Kinofilmgeschehen. Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Außerdem informiert der Filmdienst über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst erscheint im Abonnement alle 14 Tage.

Über Klöster als zweitausendjähriger Grundpfeiler der abendländischen Kultur ist damit so wenig gesagt wie über den spirituellen Erfahrungsraum des Monastischen. Im Internet lässt sich zwar eine Menge über die Orden, ihre Geschichte und Entwicklung nachlesen, doch verstellen diese Informationen allzu leicht den Blick auf das, was Filme wie "Die große Stille" oder aktuellere Beispiele wie "Silentium – Vom Leben im Kloster" (2015) von Sobo Swobodnik oder "Wir können den hellen Himmel nicht träumen" (2015) von Carmen Tartarotti jetzt so eindringlich herausarbeiten: dass "Kloster" in Wirklichkeit ein Tor in eine andere Dimension, eine Art Wurmloch ist, in dem die Uhren anders ticken, weil hier – bildlich gesprochen – der Glockenschlag den Takt vorgibt.

Auch wenn jeder der genannten drei Filme seine eigenen Intentionen verfolgt, tasten sie sich allesamt in eine "andere" Dimension vor, in der das "normale", alltagsweltliche Raum-Zeit-Kontinuum aufgebrochen ist. Das beginnt schon bei den Gebäuden, Jahrhunderte alten Gemäuern aus handbehauenen Steinquadern, deren Architektur sich an trutziger Größe und Dauer ausrichtet. Klöster haben nichts Heimeliges, erst recht nichts Bürgerlich-Familiäres an sich. Selbst das Südtiroler Zwei-Nonnen-Refugium Maria Steinach, deren rüstigen Schwestern Carmen Tartarotti ein berührendes Porträt widmet, wurde für zwei Dutzend von ihnen erbaut; lange Gänge, Hallen, ein Kreuzgang und das Kirchenschiff definieren den umbauten Raum, der jeden Tage unzählige Male durchschritten wird; Klostermenschen sind viel zu Fuß unterwegs.

"Wir waren schon lange vor Dir, und werden auch lange nach Dir noch sein"

Zur räumlichen Weitläufigkeit gesellt sich eine gewisse Kahlheit: Bilder, Ornamente oder andere Verzierungen sind auf ein Minimum reduziert, selbst in den Zellen finden sich kaum etwas Persönliches. Bei den Schwesterzimmer in "Silentium" fühlt man sich bisweilen unwillkürlich an anonyme Zugabteile erinnert, und auch die Einzelkartausen in "Die große Stille" gleichen eher Bienenwaben als individuellen Lebensräumen. Hinzu kommt das Alter des Interieurs: Der Lebenszyklus klösterlicher Einrichtungen misst nicht in Jahren, meist auch nicht in Jahrzehnten. Dies verleiht den Dingen Patina, aber auch Würde. Die Steinstufen sind ausgetreten, Türgriffe und Geländer wurden in Jahrhunderten glatt poliert, Tischkanten oder Stühle handschmeichelnd abgegriffen. Jedes Ding, jeder Gegenstand, erst recht die ganze Klosteranlage scheinen sagen zu wollen: Wir waren schon lange vor Dir, und werden auch lange nach Dir noch sein. Wen wundert es, dass die Mönche und Nonnen in diesen Filmen ebenfalls auf ein langes, scheinbar auch erfülltes Leben zurückblicken, wenn man die stille Zufriedenheit ihrer Physiognomien so ausdeuten will?

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Seit Jahren zieht es Filmemacher ins Kloster. Wir haben eine Auswahl von Trailern zusammengestellt.
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Zur Erfahrung eines "anderen" Zustandes trägt in den Klosterfilmen ein weiteres, wesentlich filmisches Element bei: jene Form von gefüllter Stille, die weit mehr ist als die Abwesenheit von Lärm. Mit ausgefeilten Geräuschcollagen vergegenwärtigt die Tonspur den "Sound" der Klosteranlage, eine spezifische "Gestimmtheit" aus Baumaterial, Halleffekten und der wohltuenden Reduktion aller Arten von Zerstreuung. Das "Silentium" im Titel von Sobo Swobodniks filmischer Einkehr im Kloster Halbsthal darf dabei allerdings nicht nur auf den meist schweigenden Umgang der Nonnen untereinander bezogen werden. Das Wort zielt vielmehr auch auf einen Zustand, den man als hellwach, gegenwärtig, konzentriert und doch gelassen beschreiben könnte.

Die Ewigkeit gibt den Rhythmus vor

In der dokumentarischen Transformation der klösterlichen Welt verschiebt sich bei Gröning und Swobodnik, in Abstrich auch bei Tartarotti, die Wahrnehmung Richtung einer intensiveren Präsenz, wie sie auch meditative Praxis kennzeichnet. Die Kombination aus ruhigen Einstellungen und der wohldosierten "Stille", einer "schweigenden" Atmosphäre aus knarzenden Dielen, Naturgeräuschen oder den lang nachklingenden Glockenschlägen lockt den Betrachter unwillkürlich in eine größere Gegenwärtigkeit. Man schwingt mit ein in den steten und doch so unaufgeregten Fluss des klösterlichen Tagesablaufs, der keine Hetze kennt, obwohl er mit seinen unzähligen Gebets-, Essens-, Arbeits- und Stille-Zeiten minutiöser als der Terminplan eines CEO durchorganisiert ist. Im Gegensatz zur Sekundentaktung des digitalen Zeitalters aber scheint hier die Ewigkeit den Rhythmus vorzugeben, die kein Früher und Später, sondern nur den Augenblick kennt.

Dieser spürbar andere Umgang mit der Zeit ist das eigentliche Faszinosum der neueren Klosterfilme. In der Begegnung mit Lebensformen, die sich so unzeitgemäßen Idealen wie Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verschrieben haben, tauchen die Filmemacher in ein Paralleluniversum ein, das die Segnungen der Moderne bis zum Internet zwar in sich aufgenommen hat, aber weiterhin nach uralten Regeln Kurs hält. Die Inszenierungen verwenden viel Energie und hohe Kunstfertigkeit darauf, den "Spin" dieser Welt sicht- und spürbar zu machen – bis zu dem Punkt, wo "Die große Stille" in den Augen seines Regisseurs Gröning selbst "Kloster werden" will. Der unvoreingenommenen Neugier enthüllt sich dabei eine geradezu taktile Ursprünglichkeit und das muss jetzt auch noch in de Ziel rein;  im Umgang mit der äußeren wie der inneren Welt, eine natürliche Schönheit der Dinge, fern jeden Recycling-Gedankens, so, als wäre alles schon immer so und überdies für ewig.

Mit der Zeit entfalten sich Stimmigkeit und Plausibilität

Der Verzicht auf Interviews oder vertiefende Gespräche mit den Mönchen und Nonnen passt dabei ebenso ins Konzept der Filme wie in das des klösterlichen Denkens, das kein Aufsehen ums individuelle Ich macht, was ja auch schon die Kleidung aus Kutte und Schleier signalisiert, die persönliche Unterschiede stark reduziert. Die weitgehende Abwesenheit einer Innenperspektive, wie sie "Die große Stille" oder "Silentium – Vom Leben im Kloster" kennzeichnet, markiert aber auch die Grenze, die das Alltagsbewusstsein vom religiösen Bewusstsein trennt.

Wie "weltlich" diese respektvollen, fast demütigen Filme sind, wird schlagartig klar, wenn man der Installation "Film der Antworten" (2012) von Peggy und Thomas Hanke begegnet. Darin kommen zwölf Benediktinerinnen zu Wort, die in einer vierstündigen Endlosschleife ausführlich darüber reflektieren, was ihre Leben ausmacht. Als Betrachter sieht und hört man den Nonnen dabei zu, wie sie ihr Dasein als einen fortgesetzten Dialog mit Gott beschreiben, mit allen Freuden und Prüfungen einer klösterlichen Existenz, in frommen Worten und Sätzen, die anfangs befremdlich klingen mögen, mit der Zeit aber eine beeindruckende Stimmigkeit und Plausibilität entfalten. Man kann diese glühenden Bekenntnisse so wenig beiseite schieben wie etwa einen Vortrag von Michel Foucault oder die Ausführungen eines Experimentalphysikers – auch wenn man mit seinem Latein dabei schnell zu Ende sein mag.

Mehr als beim Philosophen oder Physiker versteht oder erahnt man hier aber, dass hinter dieser Sprache wie auch hinter dem Lebensraums "Kloster" eine existenzielle Orientierung steht, die sich vom "Weltlichen" gelöst hat und nach spirituell-religiösen Dimensionen ausstreckt. Um es mit der großen Ordenmystikerin Teresa von Avila zu sagen: Gott allein genügt.

Die Regisseurin Carmen Tartarotti.
Bild: © Robert Newald

Die Regisseurin Carmen Tartarotti.

Wie die Schwalben

Ein Gespräch mit Carmen Tartarotti über ihren Film "Wir können nicht den hellen Himmel träumen"

Die Dominikanerinnen Schwester Angelika (83) und Schwester Benvenuta (72) sind die beiden einzig verbliebenen Nonnen im Kloster Maria Steinach nahe Meran. Mit viel Humor und noch mehr Arbeit halten sie das Kloster am Leben, zwei vitale, lebenslustige Südtirolerinnen, denen Carmen Tartarotti ein einfühlsames Porträt widmet.

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über ein Kloster zu machen?

Tartarotti: Ich hatte nie die Absicht, einen Film über dieses Kloster oder ein anderes zu machen. Doch dann bin ich diesen beiden Frauen in einem Moment des Umbruchs begegnet, als sie von drei Mitschwestern verlassen wurden und alleine im Kloster zurückblieben. Die allererste Aufnahme entstand just in dem Moment, als sie nach einem Mittagessen ihrem Frust Luft gemacht haben. Wie sie da loslegen und aufzählen, was sie alles für das Kloster getan haben, renoviert und geschuftet wie Männer, das hat mich gepackt. Zugleich kam dabei zum Ausdruck, dass die Weiterexistenz des Klosters an einem seidenen Faden hängt. Aber die beiden waren entschlossen, das Kloster am Leben zu erhalten.

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Schwester Angelika und Schwester Benvenuta sind die letzten beiden Dominikanerinnen in Maria Steinach in Algund. "Wir können nicht den hellen Himmel träumen" dokumentiert ihr Leben in den Dolomiten.

Frage: Das war aber nicht ihre erste Begegnung mit den Schwestern?

Tartarotti: Ich wurde mit ihnen bekannt, weil ich frisches Obst und Gemüse im Kloster kaufte, wenn ich in Meran war. Darüber entstand mit Schwester Benvenuta ein Kontakt, aus dem sich ein solches Vertrauensverhältnis entwickelt hat, dass sie mich irgendwann einfach in den Garten schickt haben, um meine Kirschen selbst vom Baum zu pflücken. So bin ich ihnen Stück für Stück immer näher gekommen. Anfangs hab ich Situationen mit einer ganz einfachen Kamera festgehalten, nur für mich und die Schwestern. Doch dann fand ich die Aufnahmen so interessant, dass ich immer mehr machen wollte. Auch, weil das Filmen eine Gelegenheit war, mit den beiden zusammen zu sein. Ohne die Kamera wäre das nie möglich gewesen, so viel Zeit miteinander zu verbringen. Normalerweise macht man für einen solchen Film ein paar Interviews, und dann hat es sich. Ich hingegen war viel und lange da. Sie wurden meine besten Freundinnen in Meran, und als solche habe ich an allem, was passierte, Anteil genommen, an kleinen, unscheinbaren Dingen, aber auch an entscheidenden Ereignissen.

Frage: Können Sie das Leben verstehen, das die beiden führen?

Tartarotti: Ich habe sie als Gesamtpersönlichkeiten kennengelernt, als sehr interessante und stimmige Personen. Sie sind eigenwillig, von einem ganz besonderen Schlag. Am meisten aber hat mich fasziniert, dass sie sich nicht verbiegen lassen, sondern in allem, was sie tun, immer bei sich sind.

Frage: Hat das auch mit ihren religiösen Überzeugungen zu tun?

Tartarotti: Das Schöne an den beiden ist, dass sie nicht weltfremd sind. Sie haben den Kontakt zur Wirklichkeit nicht verloren. Als die Ordnung des Klosters in eine Schieflage geraten war, hätten sie ja alles auch an eine höhere Macht delegieren können. Sie hätten sagen können: Wie’s kommt, so kommt’s; wir lehnen uns zurück, beten und schauen, was der Herrgott mit uns vorhat. Doch nein, sie haben die Situation selbst in die Hand genommen. Das hat auch mit ihrer bäuerlichen Herkunft zu tun, das Wirtschaften liegt ihnen. Sie sind keine vergeistigen Klosterfrauen, sondern sie verrichten weibliche, männliche und geistliche Arbeit. Sie packen an und tragen Verantwortung wie Männer und haben trotzdem etwas Warmes, Zartes. Vor allem aber besitzen sie unglaublich viel Humor. Da ich selbst aus dieser Gegend stamme, verstehe ich ihren Humor sehr gut, der sich primär über die südtiroler Sprache ausdrückt, etwa in so einer Bemerkung von Schwester Benvenuta bei Kochen, dass sie nicht in die Hölle kommen darf, da sie die Hitze nicht vertrage; ein solcher hingemurmelter Kommentar unterwandert die Strenge des Klosters, das macht ihre Religion einem ja erst richtig sympathisch.

Linktipp: Orden

Das Leben von Mönchen und Nonnen ist so vielfältig wie die Anzahl der vorhandenen Ordensgemeinschaften. Zudem sind Klöster kulturelle und spirituelle Anziehungspunkte.

Frage: Der Film betont allerdings sehr den Arbeitsaspekt im Leben der Nonnen; das geht es bisweilen ja wie am Fließband zu. Deutet sich darin eine klosterkritische Haltung an?

Tartarotti: Die beiden Nonnen leisten Enormes. Man sieht im Film ja nur einen Bruchteil von dem, was diese Alltagsheldinnen alles bewältigen. Aber ich habe keine kritische Haltung eingenommen, ganz im Gegenteil. Ich dokumentiere liebevoll und sehr aufmerksam, was sich mir darbietet. Es war mir ein großes Anliegen, die üblichen Kloster-Klischees zu umschiffen. Wenn derzeit von Klöstern die Rede ist, dann geht es ausschließlich um Rückzug und Stille, eine Auszeit von der zerstörerischen Hektik draußen. Das ist völlig eindimensional. Natürlich ist das Kloster eine Form der Konzentration und der Selbstbestimmung. Auch eine der Ordnung und des Aufgehobenseins. Aber die Stille ist nur das eine. Kloster bedeutet ebenso Hierarchie; es kommt nicht ohne Machstrukturen, Über- und Unterordnung aus. Die Stille kann ja auch furchtbar sein, wenn man nicht sprechen darf. Kloster bedeutet Beschränkung, Fügung, Selbstlosigkeit. Das wird alles weggelassen, wenn man heute vom Rückzug ins Kloster spricht. Das meint ein reines Wellness-Programm. Mit Religion oder einer Öffnung zu etwas Transzendentem hat das oft gar nichts zu tun.

Frage: Die experimentelle Musik von Paul Giger verleiht dem Film etwas Schwebendes, Sehnsuchtsvolles…

Tartarotti: Im Kloster gibt es ja nur die Gesänge der Nonnen. Aber selbst der Chorgesang funktioniert in Maria Steinach nicht mehr, weil die Gemeinschaft fehlt. In den Kompositionen von Giger kommt etwa Sphärisches mit dem Alpenländischen zusammen, sehr gebrochen und reduziert. Man hebt mit dieser Musik leicht ab und wird in eine andere Sphäre geführt; außerdem gibt es darin ein Wiederholungsmotiv; bestimmte Sequenzen wiederholen sich, aber stets in Abwandlungen, genau wie im Leben der Schwester. Deshalb hat das gut zusammengepasst.

Frage: Genau wie die Schwalben, die im Kloster gerne gelitten sind.

Tartarotti: Die spielen auch für die Dramaturgie eine große Rolle. Die Schwalben haben in Maria Steinach einen festen Platz. Das ist inzwischen ja selten geworden, weil sie so viel Dreck machen. Die Klosterfrauen haben die Bilder im Kreuzgang deshalb mit Plastik verhängt, damit durch den Schwalbenkot kein Schaden entsteht; zudem putzen sie den Dreck täglich weg. Wie diese Tiere ihre Nester bauen und ihre Jungen aufziehen, bestimmt stimmlich-rhythmisch den Tageslauf im Kloster mit. Es ist ja fast so, also übernähmen die Schwalben das Kloster. Das Leben dieser Wandervögel, die jedes Jahr wieder kommen und hier eine Heimat finden, gehört einfach zum Kloster.

Ein leerer Kinosaal.

Ein leerer Kinosaal.

Bekannte Klosterfilme

Viele Regisseure haben sich mittlerweile dem Thema Kloster genähert. Entstanden ist so eine Vielzahl von Filmen und Dokumentationen. Eine Auswahl.

Die große Stille

Deutschland 2005. Regie: Philip Gröning. 167 Min. Anbieter: Warner

Philipp Gröning versucht dem strengen Leben der Karthäuser nahe Grenoble durch die filmische Form gerecht zu werden. Mit ähnlicher Kargheit und Strenge lässt er sich auf das Leben der Mönche ein, auf ihr Beten und Alleinsein, ihre Arbeit, aber auch auf die Momente der Gemeinschaft.

Die Gelübde meines Bruders

Deutschland/Kanada 2013. Regie: Stephanie Weimar. 92 Min.

Die atheistische Filmemacherin Stephanie Weimar begleitet ihren Bruder ein Jahr lang auf dem Weg zu den Styler Missionaren. Auf der Suche nach seinen Motiven durchkämmt sie die Familienbiografie, kreist aber auch um ihr religiöses Unverständnis.

Die große Reise

Österreich 2013. Regie: Helmut Manninger. 98 Min. Anbieter: Schröder-Media

Im Jahr 2011 wurde das Kloster der Franziskaner-Missionarinnen bei St. Pölten aufgegeben. Mit großer Umsicht begleitet der Dokumentarfilm den schmerzhaften Prozess des Loslassens. Ein Film über die Bedächtigkeit eines entschleunigten Lebens und über Nonnen, die trotz ihrer Sorgen fröhlich bleiben.

Silentium – Vom Leben im Kloster

Deutschland 2015. Regie: Sobo Swobodnik. 87 Min. Anbieter: mindjazz

Kontemplatives Porträt von vier Nonnen und ihres Spirituals aus dem Kloster Halbsthal auf der Schwäbischen Alb. Mit ästhetisch-dokumentarischen Eigensinn überlässt sich der Film dem Rhythmus der Klosterfrauen und übersetzt den frommen Alltag in visuell raffiniert nachbearbeitete Filmbilder.

Ordensleben auf der Leinwand

Vom 4. bis 15. Oktober dreht es sich in Bamberg um das Thema "Ordensleben auf der Leinwand". Zum Jahr der Orden haben die Medienzentrale und das Ordensreferat aus einer Fülle von Spiel - und Dokumentarfilmen fünf vielfach ausgezeichnete Filme ausgewählt, die ganz unterschiedliche Aspekte des Themas aufgreifen. Im Bistumshaus St. Otto gibt es am 15. Oktober einen Vortrag mit Filmausschnitten von Peter Hasenberg, Vorsitzender der Katholischen Filmkommission.

Wir können nicht den hellen Himmel träumen

Deutschland 2015. Regie: Carmen Tartarotti. 91 Min. Anbieter: Tartarotti Filmprod. Kinostart: Herbst 2015.

Im Südtiroler Kloster Maria Steinach leben nur noch zwei Schwestern, die es sich aber zum Ziel gemacht haben, das volle Klosterprogramm aufrecht zu erhalten. Ein sympathisches Porträt zweier eigenwilliger Klosterfrauen, die mit viel Witz, Humor und einer großen Bodenständigkeit ihre Vorstellungen vom klösterlichen Leben verwirklichen.

Von Menschen und Göttern

Frankreich 2010. Regie: Xavier Beauvois. 123 Min. Anbieter: Warner

Das spirituelle Drama zeichnet das Leben der Trappistenmönche aus dem Atlasgebirge nach, die 1996 mutmaßlich von Islamisten ermordet wurden. Mit hohem ästhetischem Gespür ordnet sich der Film dem Rhythmus des klösterlichen Lebens unter und schafft es, die christlich-theologischen Dimensionen ihres Ringens mit der Situation deutlich zu machen.

Schwestern

 Deutschland 2012. Regie: Anne Wild. 85 Min. Anbieter: Farbfilm

Am Tag der klösterlichen „Einkleidung“ ihrer jüngsten Tochter brechen in einer recht „weltlichen“ Familie lange angestaute Konflikte auf. Doch als sich Profanes und Sakrales ineinander schieben, verlieren die familiären Zwistigkeiten ihre Wucht. Die warmherzige Komödie wird dabei visuell wie akustisch von poetisch-stillen Chiffren getragen.

Film der Antworten

Deutschland 2012. Regie: Peggy und Thomas Henke. 242 Min. Kunstinstallation

Fünf Jahre lang unterhielt sich Thomas Henke intensiv mit Benediktinerinnen der Abtei Mariendonk am Niederrhein über ihr Leben, Denken und Glauben. Aus dem umfangreichen Filmmaterial entstand eine vierstündige Videoinstallation, in der die Antworten der Schwestern und unspektakuläre Bilder ihres Klosteralltags in einer Art Endlosschleife aneinandergefügt sind. Als Betrachter sieht und hört man den Nonnen zu, wie sie ihr Leben als Dialog mit Gott beschreiben, mit allen Freuden und Herausforderungen einer klösterlichen Existenz, wobei es im Kern um Sinn, Versöhnung und eine tiefe Sehnsucht nach Gott geht. Die Installation ist an wechselnden Orten zu sehen.

Sponsae Christi

Deutschland 1991. Regie: Thomas Riedelsheimer. 62 Min.

Nonnen des Zisterzienserklosters Lichtenthal sprechen über sich und warum sie ihr Leben Gott und dem Gebet geweiht haben. Mit stillen Bildern beobachtet der Film, wie die Frauen durch Schweigen, Tätigsein und Kontemplation zu innerer Fröhlichkeit reifen.

Von Josef Lederle, Simon Linder und Sophia Michalzik