Dem Volk aufs Maul schauen, aber wie?

Der Vatikan fragt vor der Familiensynode im Herbst wieder nach der Meinung der Gläubigen. Doch der Fragenkatalog ist komplex und die Sprache nicht immer einfach. Familienreferentin Claudia Leide hat ihn deshalb für die Katholiken im Bistum Dresden-Meißen überarbeitet. Dass das nicht ohne Probleme verlief, erzählt sie im Interview mit katholisch.de. Und auch inhaltlich hat Leide den ein oder anderen Kritikpunkt.

Familiensynode | Bonn - 30.01.2015

Der Vatikan fragt vor der Familiensynode im Herbst wieder nach der Meinung der Gläubigen. Doch der Fragenkatalog ist komplex und die Sprache nicht immer einfach. Familienreferentin Claudia Leide hat ihn deshalb für die Katholiken im Bistum Dresden-Meißen überarbeitet. Dass das nicht ohne Probleme verlief, erzählt sie im Interview mit katholisch.de. Und auch inhaltlich hat Leide den ein oder anderen Kritikpunkt.

Frage: Frau Leide, was halten Sie von dem neuen Fragebogen des Vatikans zum Thema Ehe und Familie?

Claudia Leide: Es ist begrüßenswert, dass man ein weiteres Mal versucht , Paare und Familien an der Basis miteinzubeziehen. Sie als Experten für diese Themen wahrzunehmen, ist ein bedeutender Schritt seitens der Kirche. Die Kultur des Dialogs und Aufeinanderhörens hat sich anscheinend etabliert und war nicht nur eine Eintagsfliege. Der synodale Prozess sorgt außerdem für Glaubhaftigkeit und Nachhaltigkeit. Durch ihn fühlen sich die Familien ernst genommen.

Frage: Dennoch haben Sie den Fragebogen für die Gläubigen ihres Bistums aufgearbeitet. Warum?

Leide: Die 46 Fragen sind sehr umfangreich und die Art der Sprache und der Formulierungen komplex und verschachtelt. Es werden Bezüge hergestellt, die man als Leser kaum nachvollziehen kann. Ich habe den Fragebogen selbst nicht sofort verstanden und mir gedacht: "Wie soll es dann Gläubigen gehen, die die Fragen aus einem ganz anderen beruflichen Kontext heraus beantworten sollen?" Wir haben den Fragebogen einerseits eingekürzt und andererseits neue Hauptfragen formuliert, um alle Anliegen des ursprünglichen Katalogs aufzugreifen und zu würdigen. Um zu verdeutlichen, dass kein komplett neuer Fragebogen entstanden ist, sind hinter den inhaltlichen Zuspitzungen die Nummern der Original-Fragen vermerkt.

Claudia Leide ist seit Juni 2014 Referentin der Familienpastoral im Bistum Dresden-Meißen
 Bistum Dresden-Meißen

Frage: Einerseits möchte der Vatikan die "normalen" Katholiken befragen, andererseits formuliert er die Fragen derart komplex. Wie passt das zusammen?

Leide: Ich sehe das als Lernprozess einer kirchlichen Behörde an. Der Vatikan will den normalen Katholiken zwar befragen, hat aber nicht sofort dessen Sprache getroffen. Zunächst ist der Wille da, die Gläubigen miteinzubeziehen, dann merkt man, dass die sprachliche Verständigung nicht auf Anhieb gelingt. Hier gibt es sicherlich Entwicklungspotenzial und ich hoffe, dass die Rückmeldungen dafür sorgen, dass es beim nächsten Mal schon etwas besser gelingt. Die Gläubigen miteinzubeziehen, war aber der entscheidende Schritt.

Frage: Kann es nicht auch sein, dass der Vatikan den Fragebogen so differenziert formuliert hat, weil er die Antworten auf die "einfachen" Fragen bereits beim ersten Versuch erhalten hat?

Leide: Das kann durchaus der Fall sein. Vielleicht war die Sorge da, dass man noch einmal die gleichen Antworten erhält. Vielleicht wollte man aber auch noch einmal theologisch an das Thema herangehen. Leider führt ein theologisch-akademischer Sprachstil aber eher wieder zu einer Distanz zu den Gläubigen.

Frage: Gehen wir einmal auf den Inhalt des Fragebogens ein. Wie beurteilen Sie den?

Leide: Was mich gefreut hat, ist, dass die Kirche darin das Sakramentale und Spirituelle der Ehe um das Alltägliche erweitert hat. Was brauchen Familien an konkreter Unterstützung bei der Ehevorbereitung? Was brauchen sie in den ersten Ehejahren, bei der Familiengründung oder bei der Kindererziehung? Da lässt sich einbringen, was man aus der konkreten Beratung, aus der Forschung oder der Psychologie zur Ehe weiß.

Frage: Was zum Beispiel?

Leide: Dass eine Ehe sich in verschiedenen Phasen entwickelt, dass persönliche Veränderungen auch Entfremdungszeiten mit sich bringen können, dass auch der Übergang einer Partnerschaft in die Elternschaft eine Herausforderung darstellt und vieles mehr. Auch was es durch eine bedeutend längere Lebenserwartung heißt, eine Partnerschaft auch im Alltag miteinander lebendig zu erhalten. Es geht in einer Partnerschaft auch um die konstruktive Gestaltung von Nähe und Distanz von Macht und Unterordnung, um Geben und Nehmen und ganz grundsätzlich um den Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnisse und der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau. Solche existenziellen Themen spielen in der Dynamik eines Paares eine große Rolle und wir dürfen da nicht so tun, als wäre das für ein katholisches Ehepaar alles unerheblich. Nach diesen Grundgegebenheiten und -bedürfnissen scheint auch die Kirche nun stärker fragen zu wollen.

Das Ideal der Kirche ist so weit weg von dem, was der normale Katholik lebt.

Claudia Leide

Frage: Ein Grundbedürfnis ist die Sexualität. Besonders hier wurden bei der ersten Umfrage große Differenzen zwischen kirchlicher Lehre und dem Leben der Gläubigen deutlich. Jetzt spielt sie anscheinend kaum eine Rolle.

Leide: Der Fragebogen spricht da in seiner eigenen Sprache von den „Werten in natürlichen Beziehungen“. Beim Thema habe ich tatsächlich Sorgen. Denn das Ideal der Kirche ist so weit weg von dem, was der normale Katholik lebt. Hier braucht es auch Mut sich auf kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. Menschen sind offen für wertorientierte Positionen, lassen sich heute jedoch kaum noch "von oben" vorschreiben, was für sie richtig oder falsch ist. Sie wollen in ihrer Verantwortlichkeit ernst genommen werden. Da können auch Themen wie die Familienplanung letztlich nicht von ausgenommen werden. Dabei gilt es aber durchaus zu differenzieren: Natürlich haben Kinder und der Lebensschutz generell eine hohe Bedeutung. Kirche kann und soll sich hier durchaus positionieren. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass sie das Thema Sexualität nie isoliert und loslöst von der Perspektive der Beziehung und den dort gelebten Werten. Sonst geht der Schuss nach hinten los.

Frage: Was halten Sie von dem Bild, den der Fragebogen des Vatikans von der Ehe vermittelt?

Leide: Er verweist recht ausführlich auf die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" und auf die Enzyklika "Deus caritas est" von Benedikt XVI., der dort über die Ehe sagt: "Die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe." Das klingt wunderbar, wirkt aber auf viele als eine Überforderung und Überhöhung. Das ist aber kein rein kirchliches Problem. Auch im säkularen Bereich gibt es die Romantisierung von Ehe, Partnerschaft und Liebe. Sie muss jeden Tag ein Highlight sein, sonst hat sie keine Zukunft. Das möchte ich hier kritisieren.

Frage: Bietet dieses Idealbild einer Ehe, das die Kirche vermitteln möchte, nicht aber auch Chancen? Wo liegt in ihren Augen der Unterschied zwischen der zivilen und der sakramentalen Ehe?

Leide: Es macht natürlich einen Unterschied, wenn zwei Menschen ihre Zusage untereinander noch einmal von Gott getragen wissen. Ich vergleiche das gerne mit zwei Händen, die sich in eine noch größere Hand legen. Da sind eine Stütze und ein Zuspruch da, die wirklich tragen, auch durchtragen können. Gleichzeitig muss man betonen, dass dies kein Zauber ist. Eine Gottesbeziehung darf nicht irrelevant für mein Leben sein, wenn ich mich für die sakramentale Ehe entscheide. Erst dann kann ich diese "Quelle" im Alltag auch anzapfen. Ich selbst bin 30 Jahre verheiratet und hätte diesen Weg nicht gehen können, wenn ich Gott nicht in guten Zeiten danken und in schwierigen Zeiten auf ihn hoffen kann.

Frage: Bei einer kritischen Betrachtung des Fragebogens könnte man denken, dass es lediglich um die Frage geht, wie die Lehre der Kirche heute vermittelt werden kann und nicht darum, die Lehre selbst an der einen oder anderen Stelle kritisch zu beleuchten.

Leide: Der Fragebogen zielt ja auf eine Auswertung der Familiensynode im vergangenen Jahr. Die erste Woche war dort eine Art Aufbruch, bei dem Vieles infrage gestellt werden konnte. Und der Zwischenbericht hat einige Probleme in einem derart klaren Ton benannt, wie es vorher noch nicht geschehen ist. Im Schlussbericht wurde manches wieder relativiert, was auf das gemeinsame Ringen hinweist. In der Form der Auseinandersetzung war der synodale Prozess der Bischöfe sicherlich ein besonderes Ereignis. Doch es werden bei der nächsten Synode auch Weichen gestellt für den konkreten Umgang mit vielen Fragen im Blick auf Partnerschaft und Familie, die für Menschen und ihr wirkliches Leben von großer Bedeutung sind. Das genau hat ja der erste Fragebogen mehr als deutlich gezeigt. Wenn am Ende alles nur auf eine neue Vermittlung hinausläuft, wäre es deutlich zu wenig. Zweifelsohne ist auch hierbei noch Luft nach oben, was sich ja schon in der Art und Weise der Sprache zeigt oder in den Begründungen, die angeführt werden. Wenn man sich auf die Tradition beruft, ist meiner Meinung nach jedoch wichtig, dass diese nicht immer nur als Blick in die Vergangenheit verstanden wird. Tradition kann auch im Hier und Jetzt entstehen, weil sie nicht das Konservieren zum Ziel hat, sondern es ihre Aufgabe ist, auf das Leben hin offen zu bleiben.

Das Interview führte Björn Odendahl

Zur Person

Claudia Leide ist Religionspädagogin und Referentin für Familienseelsorge in der Diözese Dresden-Meißen.

Zum Fragebogen

Den vollständigen Fragebogen des Bistums Dresden-Meißen finden Sie hier.

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