Katholikentag

Der östliche Nachbar

Regensburger Katholikentag mit großem Schwerpunkt auf Tschechien

Regensburg/Prag - 28.05.2014

Grenzübergreifende Pilgerwege, Gottesdienste, Podiumsdiskussionen, Gespräche über interessante Biografien, aber auch über ein Christsein im säkularisierten Umfeld: Der Katholikentag in Regensburg vom 28. Mai bis 1. Juni richtet den Blick über die Grenzen Bayerns und Deutschlands hinaus zum östlichen Nachbarn. Ein großer Schwerpunkt des mehr als 600 Seiten starken Programms liegt auf der Begegnung mit der Tschechischen Republik.

Der frühere tschechische Außenminister Karel zu Schwarzenberg; der Soziologe und Theologe Tomas Halik, einer der führenden Intellektuellen des Landes; der Prager Kardinal Dominik Duka und der Bischof von Pilsen, Frantisek Radkovsky, sind ebenso Gäste in Regensburg wie der frühere slowakische EU-Kommissar und Minister Jan Figel. Aber auch konkrete gesellschaftliche Probleme werden angesprochen: So geht es bei einem Podium um Prostitution und Menschenhandel im Grenzgebiet.

Seit 1.000 Jahren liegt sie mitten in Europa: die Region Böhmen und Mähren, Angelpunkt europäischer Herrscher-, Wirtschafts- und Religionsgeschichte, jahrhundertelang Schmelztiegel deutscher und tschechischer, westlicher und slawischer Kultur. Noch bis in die 1920er Jahre eine reiche Quelle intellektueller Aufbruchstimmung für den ganzen Kontinent, wurde die junge tschechoslowakische Republik im "Jahrhundert der Diktaturen" zur politischen Sollbruchstelle Europas: Der Eiserne Vorhang machte Böhmen zum Zonenrandgebiet; der Kulturaustausch war unterbrochen.

Beitritt Tschechiens zur EU 2004

Erst nach der Wende von 1989 stand die Tschechoslowakei - bald geteilt in Tschechische Republik und Slowakei - wieder im Mittelpunkt westlichen Interesses. Die marode Volkswirtschaft des real existierenden Sozialismus war plötzlich ein "interessanter Markt", der einstige Klassenfeind wurde wieder zum Nachbarn.

Trotz der schweren historischen Hypotheken und des jahrzehntelang geschürten gegenseitigen Argwohns über vermeintlichen deutschen Revanchismus und die Legalisierung der sudetendeutschen Vertreibung durch die Benesch-Dekrete bewirkte die Grenzöffnung einen wirtschaftlichen Aufstieg, der die Tschechische Republik zum "Musterländle" der EU-Beitrittskandidaten von 2004 machte. Das überreiche Kulturerbe Tschechiens präsentiert sich nach dem Restaurierungs-Boom der Nachwendezeit heute als höchst attraktives Tourismusziel.

Dem rasanten wirtschaftlichen und politischen Wandel kann die tschechische Gesellschaft freilich im Inneren nicht überall Schritt halten. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung ist der Wandel zu einer Bürgergesellschaft längst noch nicht vollzogen. Zwar gab der verstorbene Philosophen-Präsident Vaclav Havel die Vision einer auch werteorientierten Nation vor. Sein Nachfolger, der Technokrat Vaclav Klaus (2003-2013), stand jedoch eher für Wirtschaft als für Werte.

Kardinal Dominik Duka aus Prag.
Kardinal Dominik Duka aus Prag.  KNA

Katholische Kirche hat an Gestaltungskraft verloren

"Die Tschechen haben sich immer nur in kritischen Situationen ausgezeichnet", sagt auch der Soziologe und Theologe Tomas Halik, Katholikentags-Gast und einstiger Havel-Vertrauter. Im "Prager Frühling" von 1968 etwa, bei der "Samtenen Revolution" von 1989 oder der Flutkatastrophe von 2002 sei ein Gefühl der Verantwortung füreinander erwacht, das im Alltag meist fehle.

Auch die katholische Kirche, einst ein massiver Pfeiler der Gesellschaft, hat durch die harte Repression der Kommunisten vor allem in Westböhmen an Gestaltungskraft eingebüßt. Nicht nur, dass man vielerorts schon rein zahlenmäßig fast bei Null anfangen musste. Nicht nur, dass die Kirche stark klerikal geprägt und überaltert ist.

Auch innerhalb des Klerus verläuft ein Graben: zwischen einem konservativen Flügel, der die Ghetto-Mentalität aus kommunistischer Unterdrückung verinnerlicht hatte und den neuen seelsorglichen Herausforderungen tendenziell ablehnend gegenübersteht, und einem eher anpassungsbereiten Flügel, der aber oft über fehlende Rückendeckung durch Teile der Kirchenleitung klagt.

Die tschechische Kirche ist noch mitten im Umbruch - symptomatisch für das ganze Land. Mitten in Europa gelegen, muss der Grenzgänger Tschechien seinen Platz im neuen Gefüge des Kontinents noch finden.

Kirche in Tschechien

In der Tschechischen Republik bekennt sich nur eine Minderheit der Bevölkerung zu einer Religionsgemeinschaft. Laut Volkszählung 2011 gaben von 10,5 Millionen Tschechen nur noch knapp 22 Prozent eine Religionszugehörigkeit an. Bei der Erhebung von 1991 waren es noch 43,9 Prozent und 2001 noch 32 Prozent. 34 Prozent der Bevölkerung bezeichneten sich beim jüngsten Zensus von 2011 als konfessionslos; 44 Prozent machten keine Angaben. Dramatisch ist der Rückgang auch bei der Angabe der Konfession römisch-katholisch. 1,08 Millionen Tschechen, also 10,4 Prozent der Bevölkerung, schrieben dies auf den Zettel. Damit bleibt die katholische Kirche die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft Tschechiens. Allerdings hatten 2001 noch 26,8 Prozent der Bevölkerung "römisch-katholisch" als Konfession angegeben (1991: 39 Prozent). Nach kirchenamtlicher Zählung, die von der Zahl der Getauften ausgeht, sind noch rund 30 Prozent der Tschechen katholisch. In West- und Nordböhmen ist die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten; viele Kirchen dort sind verwaist. In Mähren sind dagegen noch Reste einer katholischen Volkskirche erkennbar. Die massive Kirchenverfolgung während der kommunistischen Herrschaft (1946-1989) brachte der unterdrückten Kirche im Prager Frühling (1968) und in den Jahren der Wende um 1989 nur vorübergehend Respekt ein. Inzwischen ist selbst das sogenannte Restitutionsgesetz, mit dem der Kirche im Kommunismus enteignete Immobilien und Grundstücke zurückerstattet werden sollen, seit langem ein politischer Zankapfel. Als einziges der einstigen mitteleuropäischen Reformländer hat Tschechien die Rechte der katholischen Kirche bis heute nicht umfassend staatsvertraglich geregelt. Ein 2002 ausgehandeltes Konkordat wurde vom Parlament abgelehnt. (KNA)

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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