Hochgeschätzter Dr. Küng

In der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" geht in dieser Woche um das neue Buch des Theologen Hans Küng. Darin beurteilt er die sieben Päpste, die er selbst erlebt hat - und zwar höchst subjektiv und ohne Altersmilde.

Kolumne | Bonn - 12.08.2015

Hans Küng hat ein Buch über die sieben Päpste geschrieben, die er erlebt hat. Im ersten Satz taucht zweimal das Wort "ich" auf, aber kein einziger Papstname. Ein sehr subjektiver Blick also. Noch dazu einer ohne Altersmilde. Versöhnlichkeit wäre Verrat für einen, der den Beruf des Papstkritikers etablierte. Küng misst die Stellvertreter Christi an ihrer Nähe zum Evangelium, auf das sie sich, wie er süffisant bemerkt, "zumindest theoretisch" berufen. Erwartungsgemäß porträtiert er nicht nur die Person an der Spitze, mindestens so scharfsichtig schaut er auf die Kurie und das Lehramt.

Die erste Erfahrung mit der Unfehlbarkeit war für den Theologiestudenten in Rom durchaus wohlig: "Auf dem Petersplatz nun an diesem strahlenden 1. November des Heiligen Jahres 1950 bin ich mit Begeisterung bei der Definition des Dogmas dabei", erinnert er sich. Abgesehen vom Hochgefühl beim Marien-Dogma markiert Pius XII. für Küng einen Tiefpunkt: Er ist der Papst, der zum Judenmord geschwiegen hat, aber in den 1950er-Jahren überall Gefahr von links wittert. "Die tiefe Enttäuschung hat meine Loyalität zum Petrusamt nicht beeinträchtigt", bilanziert Küng.

Papst Johannes XXIII. macht die Loyalität leichter: Als herzlich und demütig beschreibt er ihn. Passagenweise liest sich das Buch so, als sei das Konzil einberufen worden, weil der mittlerweile bekannte Theologe Küng kurz zuvor einen Vortrag über die "Ecclesia semper reformanda" gehalten hatte. Als Lebensglück bezeichnet der Autor es, "in einem Moment der Kirchengeschichte theologisch zur Stelle" gewesen zu sein. Am Ende vergibt er die Höchstnote für Johannes XXIII: Ein Christ war dieser Nachfolger Christi.

Kapitel über Johannes Paul II. gerät zur bitteren Abrechnung

Schon 1957, mit der Promotion, wird die "Inquisition" Küngs ständige Begleiterin. Ein Verfahren gegen ihn wird 1962 eingestellt. Paul VI. rät dem Theologen, sich anzupassen. Es bleibt bei der Warnung. Die Zögerlichkeit dieses Papstes lernt Küng im Rückblick schätzen, erst recht im Vergleich zum "allzu selbstsicheren Nachfolger aus Polen". Johannes Paul II. entzieht Küng 1979 die Lehrerlaubnis, es folgen die "schlimmsten Monate meines Lebens". Restauration, Repression, Inquisition. Das Kapitel gerät zur bitteren Abrechnung. Karol Wojtyla habe die Menschenrechte in der Welt gepriesen, aber in der Kirche verweigert.

2005 wurde Benedikt XVI. Papst. Der theologische Rivale Joseph Ratzinger saß auf dem Heiligen Stuhl, Küng hatte auf einem weltlichen Lehrstuhl seinen Ruhm gemehrt. Auf Einladung Benedikts sprachen die beiden über die Säkularisierung und tauschten Bücher mit Widmung aus. Kirchlich kontroverse Themen blieben außen vor. Über das Pontifikat urteilt Küng vernichtend, über den Menschen Joseph Ratzinger gnädig.

Ist Franz ein Freund im Geiste? "Beten Sie bitte für mich, denn ich habe es nötig", schrieb Franziskus im Mai 2013 an den "hochgeschätzten Dr. Küng". Für den einen beten, den Vorgängern verzeihen: Küng hat es in der Hand. Papstkritiker können mächtiger sein als Päpste.

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

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Von Christiane Florin

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