"Hunger im Geist und in der Seele"

Wie es um die Katholiken in Estland bestellt ist, warum sie Gottesdienste mit Gitarrenmusik befremdlich finden und welche Rolle Elfen spielen, erklärt Pater Christoph Wrembek im Interview.

Estland | Bonn - 04.11.2016

Frage: Es gab ein umstrittenes "Kunstwerk" im Estnischen Nationalmuseum in Tartu. Mit einem Fußtritt wurde ein Marienhologramm zertrümmert. Wie haben die Christen in Estland darauf reagiert?

Wrembek: Dieser Skandal mit der Madonna hat in Estland durchaus einen Schock ausgelöst, bei allen Christen. Estland war im Mittelalter der Muttergottes geweiht worden. Es galt daher immer als Mariamaa, Marienland. Das ging jedoch in der Zeit des Protestantismus weitgehend verloren. Die Verehrung der Gottesmutter und der Heiligen trat in den Hintergrund. Da beide Kirchen heute in Not sind, stehen die trennenden Aspekte nicht mehr so im Vordergrund. Der vormalige Staatspräsident Lennart Meri hat den marianischen Bezug des Landes wieder in Erinnerung gerufen, jedoch nicht mit Billigung der ganzen Bevölkerung. Dennoch war der Schock über die Schändung des Marienkunstwerkes bei beiden christlichen Konfessionen sowie auch bei Teilen der säkularen Bevölkerung recht groß. Die Reaktion bezog sich allerdings weniger auf den religiösen Aspekt, sondern mehr auf den Verlust an Kultur und Kulturverständnis.

Frage: Wie ist die derzeitige Situation der Christen in Estland?

Wrembek: Der Bezug der Esten zum Christentum ist heute eher kulturell als religiös. Die lutherische Kirche dachte bis zur Wende vor 25 Jahren, dass sie die stärkste kirchliche Gruppe im Land ist. Die neuesten Statistiken ergeben aber, dass das die Orthodoxen sind, gespalten in einen Flügel, der zum Patriarchat von Moskau gehört, und einen kleinen, der Konstantinopel untersteht. Man muss wissen, dass in Estland jedes Mitglied der russischen Minderheit von ungefähr 250.000 Personen automatisch sagt: Ich bin orthodox. Daraus kann allerdings nicht auf persönlichen Glauben geschlossen werden. Die Protestanten befinden sich in einem ungebremsten Sinkflug ohne Fallschirm. Sie haben nur noch etwa 107.000 Mitglieder, die meist ältere Menschen sind. Das sind ein Drittel weniger als noch vor 15 Jahren.

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Eine Marienfigur, die durch einen Fußtritt zersplittert: Das hatte viele Christen in Estland empört. Das Estnische Nationalmuseum hat nun eingelenkt und das Kunstwerk geändert.

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Frage: Und die katholische Kirche?

Wrembek: Sie hat um die 4.500 Gläubige. Immerhin ist der Zulauf zur katholischen Kirche konstant, wenn auch nicht so groß. Es gibt in den beiden großen Städten Tallinn und Tartu Priester, die der geistlichen Gemeinschaft des Neokatechumenats angehören. Der Bischof, ein gebürtiger Franzose, ist Mitglied des Opus Dei. Dann gibt es noch ein paar weitere Priester, einige mit Nähe zur Pius-Bruderschaft. Insgesamt gibt es für die wenigen Katholiken etwa zwölf Priester. Für unsere Verhältnisse in Deutschland ist das viel, aber das ist die Situation in Estland. Als herausragende Lichtgestalt ist der estnische Priester Vello Salo zu erwähnen: Er ist über 90 Jahre alt und hat Enormes geleistet. Er hat eine Reputation bis hinauf in die Regierung, bei Katholiken, Protestanten und bei Nichtchristen. Er bereitet sich auf seinen Heimgang vor. Ich sehe keinen, der ihn wirklich ersetzen könnte. Ansonsten ist da noch der katholische Bischof Philippe Jourdan. Er genießt hohes Ansehen, hat die estnische Staatsbürgerschaft angenommen und spricht gut estnisch.

Frage: Sie arbeiten als Priesterseelsorger und leben in Hannover. Wie bringen Sie sich als Priester in die Arbeit in Estland ein?

Wrembek: Ich bin zwei- bis viermal pro Jahr für Tage oder Wochen oben. Dann engagiere ich mich in der missionarischen Arbeit, der tätigen Nächstenliebe und der Bildungsarbeit. Ich gebe mit einem Mitbruder seit 25 Jahren jedes Jahr Exerzitien im Gästehaus in Tuuru. Da kommen zwischen zehn und 18 Teilnehmer aus allen Konfessionen zusammen, auch Suchende ohne Bezug zu einer Kirche. Sie alle machen ausgezeichnet mit. Sie könnten ein Vorbild sein für Gruppen in Deutschland. Wir halten auch eine nächtliche Anbetung, die bei vielen zu einem tiefen Erleben führt. Das ist sehr schön. Leider fehlt es in Estland an genügend gebildeten Priestern, die den Gläubigen ihre Fragen, die sie genauso haben wie hier in Deutschland, solide beantworten können. In Estland findet sich ein eher konservativer Katholizismus vor. Das trifft hier und dort den Wunsch mancher Esten, aber keineswegs aller. Die Nicht-Religiösen identifizieren diesen eher rechten Flügel mit der ganzen katholischen Kirche, was manchmal zu Ablehnung des Katholischen führt.

Frage: Wie kommen die Menschen, die sich für den Katholizismus interessieren, mit der Kirche in Kontakt?

Wrembek: Die Katholiken kommen vorwiegend aus dem Umfeld der Städte, wo die katholische Kirche präsent ist. Viele waren vorher Protestanten oder Freikirchler. Bei Exerzitien, die ich auf dem Land gebe, sind ebenfalls Kontakte entstanden. So habe ich auch, zusammen mit Esten, geholfen, einen katholischen Kindergarten aufzubauen. Der ist bis heute der einzige private, gut funktionierende Kindergarten in Estland. Es sind Katholiken, die ihn leiten, ich habe sie von Anfang an geistlich begleitet und in die Kirche aufgenommen.

Der Jesuit Christoph Wrembek ist Priesterseelsorger in Deutschland und seit 1991 vielseitig in Estland tätig.
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Frage: Sie sagten, die evangelische Kirche sei im Sinkflug. Woran liegt das?

Wrembek: Die evangelische Kirche sucht nach ihrer Identität. Evangelische Gläubige, mit denen ich im Gespräch bin, erleben ihre Gottesdienste als leer, nichtssagend. Ihre Pastoren machen Anleihen bei den Pfingstlern, den Charismatikern, den Freikirchlern und den Katholiken, was vielen befremdlich vorkommt. Da merkt man, das Problem ist nicht der Zölibat, wie wir ihn in Deutschland diskutieren, denn die Pastoren sind ja verheiratet. Den Protestanten in Estland fehlen eher die geistliche Beziehung zu Jesus Christus und die Liturgie. Aber natürlich gibt es auch sehr gute lutherische Pastoren und auch weniger gute katholische Priester.

Frage: Estland ist ein sehr säkulares Land, nur wenige Esten sind Christen. Woran liegt das?

Wrembek: Es kommt auch, aber nicht nur aus der kommunistischen Zeit. In allen nordischen Ländern wie etwa Schweden, Finnland oder Norwegen gibt es eine starke Tendenz zum Naturglauben. Die Natur ist gewaltig dort oben: die Nächte, der Winter, der Sommer, das Polarlicht und die Wälder vor allen Dingen. Statt von Engeln ist die Rede von Elfen und Waldgeistern. Das war für mich am Anfang etwas merkwürdig, aber so langsam ahne ich warum. Man sagt heute, dass ungefähr 25 Prozent der Esten sich noch "irgendwie" religiös definieren. Von diesem Viertel ist die Hälfte naturreligiös und die restlichen 12 Prozent teilen sich auf in Orthodoxe, Protestanten, Katholiken und Baptisten.

Frage: Gibt es trotzdem Offenheit für die Themen Glauben und Religion in der estnischen Gesellschaft?

Wrembek: Nicht wirklich. Als ich Ende 1991 das erste Mal nach Estland kam, waren auch schon amerikanische Sektierer da. Und einige Esten, die religiös unerfahren waren, dachten, dass alles, was aus Amerika kommt, das Paradies sei und sind denen nachgelaufen. Nach einiger Zeit verstanden sie, dass das Menschen sind, die ihnen nicht weiterhalfen. Daher gibt es bis heute in Estland gesellschaftliche Vorurteile gegenüber dem Christentum und der Person Jesu, die sachlich falsch sind. Und natürlich sind da die 50 Jahre atheistischer Kommunismus, der zwei Generationen mit Gottlosigkeit geprägt hat und mit der Ideologie, dass Religion "Opium des Volkes" sei, bis in die Enzyklopädie hinein. Dagegen anzukommen, hat eigentlich nur Vello Salo auf seine Weise geschafft. Es fehlt jedoch an weiteren überzeugenden geistlichen Persönlichkeiten, die solide auftreten, denken und argumentieren können.

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Ein Komponist, der tief religiös geprägt ist, wird heute 80 Jahre alt: Arvo Pärt. Der estnische Musiker musste deshalb 1980 auf Druck des kommunistischen Regimes nach Deutschland übersiedeln. Inzwischen ehrt ihn sogar der Vatikan. (Artikel von 2015)

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Frage: Wo sehen Sie den Unterschied der Christen in Estland zu denen in Deutschland?

Wrembek: Zum Teil ist der gar nicht so groß. Aber wenn die katholischen Esten Gottesdienste feiern und Exerzitien besuchen, dann machen sie das im Schnitt deutlich intensiver und konsequenter als die Deutschen. Und sie haben auch kein Problem mit Latein, da sie sich damit als Katholiken von Baptisten und anderen Konfessionen unterscheiden. Die Freikirchler machen Gottesdienst mit der Gitarre. Wenn das Neokatechumenat in Estland mit einer Gitarre auftritt, ist das für die Katholiken deshalb befremdlich. Katholische Esten haben meist einen traditionellen Zugang zum Glauben über lateinische Messen, die lateinische Sprache und Gregorianik. Man muss ja bedenken, dass das Konzil und die moderne Entwicklung an ihnen hinter dem Eisernen Vorhang vorbeigegangen sind. Wenn ich in Estland die Messe feiere, dann mache ich das sowohl auf Lateinisch als auch auf Deutsch oder Estnisch.

Frage: Sie sind seit Ende 1991 in Estland…

Wrembek: Ich bin auf verschlungenen Weg nach Estland gekommen. Estland war bis dato nicht in meinem Bewusstsein. Ich hatte auch keine Ahnung von den jesuitischen Missionen vor meiner Zeit. Am Anfang habe ich einfach mit Sozialhilfe begonnen. Wir haben Kleidung, Haushaltsgeräte und Geld gebracht, die dann von Esten vor Ort verteilt wurden. Das war eine große Herausforderung für sie, denn in der kommunistischen Zeit gab es offiziell keine Armen. Kinderreichen Familien, alten und jungen Leuten konnten wir helfen und haben alles herbeigeschafft, damit sie überhaupt etwas zu leben hatten. Das war der Anfang. Dann kam aber sofort dazu, dass ich gefragt wurde, ob ich Exerzitien, Vorlesungen und Katechesen halten könne. "Pater, wir haben nicht nur Hunger im Bauch, sondern auch im Geist und in der Seele", lautete der Satz, den ich nie vergessen habe.

Frage: Die Idee dazu kam nicht von Ihnen?

Wrembek: Nein, die Anfrage kam von den Esten. Ich war völlig verdutzt. Der erste war ein junger Mann mit Rucksack in Stockholm, der mir sagte: "Pater, komm nach Estland, wir brauchen Priester wie Sie, die singen…". Ich habe damals auch an der Universität Vorlesungen gehalten. Die Baptisten haben mich eingeladen zu Vorträgen über Sakramente. Es war ganz enorm, besonders 1992. Wir haben gleich begonnen, einen Verlag aufzubauen und Bücher herauszugeben. In den Jahren danach mussten wir unsere Arbeit strukturieren. Es entstanden ein Förderverein in Deutschland, ein anderer in Estland und ein gemeinnütziger Caritas-Verein. Es ging sehr gut voran. Und dann draußen auf dem Land noch ein Verein, wo jetzt das Gästehaus steht und Exerzitien angeboten werden. Die Arbeit hat sich zehn Jahre lang ausgebreitet und ist gewachsen. In den letzten 15 Jahren sind wir bemüht, das Gewachsene auf sichere Beine zu stellen. Möge Gott das gelingen lassen.

Von Roland Müller

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