Ist es überheblich oder legitim?

In der Reproduktionsmedizin geht es meist darum, einen Kinderwunsch zu erfüllen. Doch es gibt auch andere Ziele. Ethiker Hans-Ulrich Dallmann erklärt, was möglich ist und wo die ethischen Probleme liegen.

Lebensschutz | Ludwigshafen - 29.04.2017

Frage: Professor Dallmann, sie lehren Ethik an der Hochschule Ludwigshafen. Welche Rolle spielt in ihrem Fachbereich Gesundheitswesen die Ethik in der Reproduktionsmedizin?

Hans-Ulrich Dallmann: Die angehenden Hebammen fragen vor allem, was diese Praktiken mit den Betroffenen, also den Frauen, machen. Es werden weniger die Grundsatzfragen gestellt, ob dieses noch zulässig oder jenes nicht mehr zulässig sei. Die Studierenden interessieren sich eher für die Betroffenen-Perspektive als für die mitunter abgehobenen Experten-Diskussionen ob medizinische Maßnahmengrundsätzlich und unabhängig von der konkreten Situation ethisch legitim oder illegitim ist.

Frage: Was ist denn heutzutage medizinisch möglich? Wie sehr können Babys "designt" werden?

Dallmann: Da wird in der öffentlichen Wahrnehmung einiges miteinander vermengt. Reproduktionsmedizin reicht von hormoneller Stimulation und der Aufbereitung von Sperma bis hin zu In-vitro-Fertilisation, also der künstlichen Befruchtung von Eizellen im Reagenzglas. Da stellt sich natürlich die Frage, inwieweit Manipulationen möglich sind. Der größte Teil der Reproduktionsmedizin befasst sich jedoch mit dem alten Problem, wie damit umzugehen ist, wenn ein Kinderwunsch nicht realisiert werden kann. Da geht es meist nicht um In-vitro-Fertilisation plus genetische Manipulation. Der weitaus größte Anwendungsbereich der Reproduktionsmedizin ist der, Paaren überhaupt einen Kinderwunsch zu realisieren. Und nach wie vor umstritten sind die Leihmutterschaft und die Samenspende, die auch zu den Methoden der Reproduktionsmedizin gehören. Das medizinische Spektrum ist also sehr weit.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Dallmann lehrt Theologie und Ethik an der Hochschule Ludwigshafen.
Prof. Dr. Hans-Ulrich Dallmann lehrt Theologie und Ethik an der Hochschule Ludwigshafen. Zu seinen Spezialgebieten zählt die "Ethik helfender Berufe".
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Frage: Die Präimplantationsdiagnostik ist ebenfalls ein Teil dieses medizinischen Spektrums.

Dallmann: Präimplantationsdiagnostik und Pränataldiagnostik werden stark diskutiert. Bei sogenannten "Risikoschwangerschaften" ist es heute schon fast normal, dass eine Pränataldiagnostik durchgeführt wird. Das passiert aber vor allem durch klassische Untersuchungsmethoden wie beispielsweise Ultraschall. Eine besondere Bedeutung bekommt DNA-Diagnostik bei Paaren, bei denen eine erbliche Krankheit diagnostiziert worden ist. Da stellt sich die Frage, ob und wie trotz dieser erblichen Belastung ein Kinderwunsch erfüllt werden kann und wie damit umgegangen wird, wenn ein krankes Kind geboren wird.

Frage: Spielt der Mensch an dieser Stelle nicht Gott, wenn er entscheidet, wer geboren wird und wer nicht?

Dallmann: Das ist ein altes Thema. Die Geschichte von Kinderwunsch und Leihmutterschaft kennen wir sogar aus der Bibel. Das ist die Geschichte von Abraham und seinen beiden Söhnen Ismael und Isaak. Weil die Ehe von Abraham und Sara kinderlos geblieben ist, soll Abraham ein Kind mit seiner Magd Hagar zeugen, Ismael. Später dann wird Sara doch schwanger und bekommt Isaac. In unterschiedlichen Traditionen wird diese Leihmutterschaft unterschiedlich bewertet. Die einen sehen Ismael als legitimen Sohn, der zusammen mit Abraham bestattet wird, andere sehen das als Hybris und sagen, dass Hagar mit ihrem Sohn Ismael zu Recht in die Wüste geschickt. An diesen beiden Sichtweisen auf den Kinderwunsch hat sich seither nichts geändert: Die einen sehen es als Hybris, die anderen als legitim. Diese Frage wird also seit altersher kontrovers diskutiert.

Linktipp: "Kinderwunsch - Wunschkind - Designerbaby"

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Frage: Heute bieten sich aber andere technische und medizinische Möglichkeiten als zu Zeiten Abrahams.

Dallmann: Das Ausschöpfen von Möglichkeiten möchte ich nicht grundsätzlich als Hybris deklarieren. Wenn man das so eng sieht, dann ist jeder Eingriff in das natürliche Geschehen Hybris. Man muss da sehr genau differenzieren. Wenn man tatsächlich über Designerbabies spricht, dann sind die Grenzen in der Tat verschwommen - und trotzdem auch prekär. Denn so sehr es auch nachzuvollziehen ist, dass genetisch vorbelastete Eltern ihren Kindern ein entsprechendes Schicksal oder eine Ungewissheit ersparen wollen, stellt sich doch die Frage: Geht es um "Optimierung" oder die Abwendung eines Schadens? Diese beiden Ansprüche sind unterschiedlich zu bewerten.

Frage: Bei der In-vitro-Fertilisation werden Embryos im Reagenzglas erzeugt. Was geschieht mit denen, die "übrig" bleiben?

Dallmann: Durch die hormonelle Stimulation werden mehr Eizellen produziert als später befruchtet und eingesetzt werden können. Es ist vorgesehen, dass nicht verwendete befruchtete Eizellen für eine spätere Verwendung aufgehoben werden. Die Erfolgsquoten bei künstlicher Befruchtung sind ja nun auch nicht so, dass das gleich im ersten Zyklus die gewünschte Schwangerschaft zustande kommt. In der Regel sind mehrere Zyklen notwendig und die Frage ist dann immer noch, ob diese Schwangerschaft zum Ende kommt. Was mit den dann übrigbleibenden befruchteten Eizellen passiert, ist in der Tat eine weiterhin offene Frage.

Von Markus Kremser

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