Der "Fall Soubirous" verselbstständigt sich: 1862 werden die Erscheinungen vom Ortsbischof, 1891 von Papst Leo XIII. kirchlich anerkannt. 1925 wird Bernadette selig-, 1933 heiliggesprochen. Ihr irdisches Leben endet unspektakulär: Die einstige Hilfsschülerin, selbst immer wieder schwer krank, tritt in den Krankenpflegeorden der "Dames de Nevers" ein. Dort stirbt sie 1879 mit nur 35 Jahren - von der ein oder anderen Mitschwester um ihre Erscheinungen beneidet.

Zwischen Marien-Marketing und anerkannten Wundern

Als Lourdes längst einer der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt ist, verfasst Emile Zola mit dem ersten Roman seiner Trilogie "Les trois villes" 1894 eine Polemik gegen die "kollektive Illusion" von Wunderheilungen und den florierenden Kommerz. Das Ergebnis ist eine nie dagewesene Flut von Veröffentlichungen über die Wundergrotte.

Diese Ambivalenz hat sich bis heute erhalten. Lourdes zieht Jahr für Jahr Hunderttausende Kranke und Behinderte an. Zwar lässt sich trefflich spotten über Marien-Marketing und angeblichen Aberglauben. Doch seit 1858 sind mehr als 30.000 unerklärliche Heilungen gemeldet, von denen die Kirche 67 offiziell als Wunder anerkannt hat - und das auch ohne den Leichnam der Seherin.