Kardinal Lehmann: Kohl war ein gradliniger Mensch

Er sei ein sensibler Mann gewesen, verrät der ehemalige Mainzer Bischof Karl Lehmann über den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl. Beide kannten sich gut von regelmäßigen, langen Spaziergängen.

Zeitgeschichte | Düsseldorf - 19.06.2017

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als geschichtsbewussten Politiker gewürdigt. "Gerade auch in herausfordernden Stunden der Gegenwart spürte man immer wieder, wie sehr Helmut Kohl durch die Tradition seiner Familie, die bleibenden Werte des Glaubens und nicht zuletzt auch durch sein Geschichtsstudium an der Universität Heidelberg geprägt war", schreibt Lehmann in einem Gastbeitrag für die "Rheinische Post" (Montag). "Pure Aktualität gab nie allein den Ausschlag."

Er habe Kohl seit 1968, als er an der Universität Mainz zu lehren begann, und "erst recht" nach seiner Ernennung zum Bischof von Mainz 1983 "nicht oft, aber regelmäßig zwei- bis dreimal im Jahr getroffen", so Lehmann weiter. "Wir machten viele Spaziergänge." Um Politik sei es bei diesen Begegnungen "äußerst selten" gegangen, betont Lehmann, der das Bistum Mainz bis 2016 leitete.

Kohl wollte stattdessen die Gelegenheit nutzen, "um mehr zu erfahren über das Leben des Geistes, die Situation der Kirche und über einzelne Persönlichkeiten, angefangen von den Päpsten über Bischöfe und Theologen", führt Lehmann aus. "Die Vielseitigkeit der Aufmerksamkeit war mitten in politischen Wirren verblüffend. Helmut Kohls Denken hatte einen langen Atem. Er war nicht der Banause, den manche in ihm sehen wollten."

Altbundeskanzler Helmut Kohl und Kardinal Karl Lehmann trafen sich regelmäßig zu Gesprächen. Auf dem Foto unterhalten sie sich während der Einweihung der neuen Nuntiatur in Berlin am 29. Juni 2001.
 KNA

Der am Freitag im Alter von 87 Jahren verstorbene Altkanzler sei ein geradliniger und sensibler Mensch gewesen, schreibt der Kardinal. "Er war nicht die Dampfwalze, die alles brutal niederwalzte, zu der ihn manche immer wieder machen wollten." Europäische Staatsmänner aus kleinen Ländern hätten ihm öfter gesagt, dass sie Helmut Kohl im Zusammenspiel der europäischen Kräfte ganz besonders schätzten, "weil er gerade als Vertreter eines größeren und mächtigeren Landes immer Sensibilität und Rücksicht walten ließ gegenüber kleineren Partnern. Er hat sie nicht einfach überfahren." Nicht zuletzt deshalb habe Kohl großes Vertrauen genossen.

Auch im persönlichen Umgang sei Kohl "überaus korrekt" gewesen: "Als ich mit ihm in Österreich in den Bergen wanderte, waren unsere Gastgeber stolz auf sein Kommen und wollten auf keinen Fall von ihm zum Beispiel für die Bergbahnen, eine Erfrischung oder ein Essen bezahlt werden. Er hat dieses Entgegenkommen immer sehr entschieden abgelehnt und immer darauf bestanden, dass er wie jeder andere bezahlt." Lehmann: "Gleichheit war für ihn keine Phrase." (KNA)

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